Literatur und Zeitgeschichte

1870/71 – ein Krieg, der nicht vergangen ist

Veteranen, Erinnerungen, Orden und die Lebensgeschichten der Figuren.

Hilda kennt diese Medaille. Ihr Deutschlehrer trug sie, und nun hängt sie am Kittel eines Mannes, der mit einer Rute auf einen Blecheimer schlägt. „Weißenburg. Wörth. Paris.“ Drei Namen auf einem Ordensband. Seit dem Feldzug gegen Frankreich sind dreißig Jahre vergangen. In Vergils Wachsaal wird noch immer angetreten.

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Bronzene Kriegsdenkmünze mit der Inschrift „Gott war mit uns, Ihm sei die Ehre“ und den drei Spangen Weißenburg, Wörth und Paris.
Die Kriegsdenkmünze für Kämpfer mit den Gefechtsspangen Weißenburg, Wörth und Paris – genau den drei Namen, die Vergil auf seiner Brust trägt. Scan: Joachim Specht, 2009; gemeinfrei. Vollständiger Bildnachweis.

Drei Namen, ein Feldzug

Wer um 1900 die Namen Weißenburg, Wörth und Paris an der Brust trug, zeigte seinen Mitmenschen einen Ausschnitt seiner Lebensgeschichte. Die schmalen Metallspangen auf dem Band bezeichneten Schlachten und Belagerungen, an denen der Träger teilgenommen hatte. Bei Vergil führen sie von den ersten Kämpfen im Elsaß bis vor die französische Hauptstadt.

Der Krieg hatte am 19. Juli 1870 mit der französischen Kriegserklärung an Preußen begonnen. Auf preußischer Seite kämpften der Norddeutsche Bund und die verbündeten süddeutschen Staaten. Das Deutsche Kaiserreich, für dessen Gründung dieser Krieg später als Opfergang gefeiert wurde, entstand erst während des Feldzuges. [1]

Während Paris noch eingeschlossen war, wurde Wilhelm I. am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal von Versailles zum Deutschen Kaiser proklamiert. Die Reichsgründung erhielt damit ihren Schauplatz mitten im besiegten Nachbarland. Der Frankfurter Frieden vom 10. Mai besiegelte die Abtretung des Elsasses und eines Teils von Lothringen sowie eine französische Kriegsentschädigung von fünf Milliarden Franc. Auf der einen Seite stand die Gründung eines Reiches, auf der anderen ein Verlust, der die Beziehungen beider Länder auf Jahrzehnte belastete. [1]

Lesenlernen vor Paris

Für den Schatten beginnt dieser Krieg mit einem brummenden Schädel, kurzgeschorenem Haar und Läusepulver. Von der Kriegserklärung hat er im Rausch nichts mitbekommen. Neben ihm steht plötzlich Olle Fritze, der Buchhändler aus der Grenadierstraße. Der Straßenjunge kennt ihn als einen Menschen, bei dem sich gelegentlich ein Groschen oder ein Schluck Schnaps erbetteln läßt. Auf dem Marsch wird aus dieser Bekanntschaft eine Freundschaft.

Was ihm der Feldzug schenkt, ist von erschreckender Einfachheit: Zum ersten Mal verbringt jemand Zeit mit ihm. Fritze bringt ihm das Lesen bei. Zwischen dem Marschieren und den wenigen Feindberührungen liegt Langeweile, in der Buchstaben zu Wörtern werden. So beginnt die Laufbahn des späteren Antiquars.

Vor Paris verliert er seinen Lehrer und Freund. Nach dem Krieg übernimmt er dessen Bücherkeller. Das ist eine Erbschaft, von der sich leben läßt, und zugleich ein Ort, an dem der Tote gegenwärtig bleibt. Bereits das erste Kapitel zieht die Bilanz: „Nach dem Sieg war er wieder allein.“

Preußische Soldaten posieren um 1870 im Garten eines Hauses in Enghien bei Paris; vor ihnen stehen ein Tisch und Stühle.
Preußische Soldaten vor einem Haus in Enghien bei Paris, um 1870. Für die Gruppenaufnahme haben sie sich im Garten aufgestellt. Musée Carnavalet, PH81887; CC0 Paris Musées. Vollständiger Bildnachweis.

Mit Latein und Hurra

Vergil kommt aus einer anderen Welt. Als Oberprimaner hat er Ovids Metamorphosen und Caesars Gallischen Krieg im Original gelesen. Er liebt Malerei, Architektur und die leidenschaftlichen Helden der Literatur. Mit seinen Mitschülern meldet er sich voller Übermut. Die Fahrt nach Frankreich erscheint ihm als Gelegenheit, Ruhm zu gewinnen und endlich ein Mann zu werden.

Ausgerechnet der gebildete junge Mann verwechselt den Feldzug mit einem Abenteuer, in dem er eine große Rolle spielen darf. Der Roman gibt dieser Erwartung eine böse kleine Formulierung: „eine Fahrkarte dritter Klasse zum Zielschießen nach Paris“. Auf dem Rückweg ist von dieser Selbstgewißheit wenig übrig. Sein Hauptmann heftet ihm eine Medaille an die Brust und versichert ihm, Gott sei mit ihm gewesen.

Der Schatten kehrt mit einem Bücherkeller zurück, Vergil mit einem Ehrenzeichen. Beide haben etwas erhalten, das über Jahre ihr Leben bestimmt. Doch Fritzes Bücher ersetzen keine Freundschaft, und die Medaille gibt Vergil seine verlorene Jugend nicht zurück. Wie wenig der militärische Begriff der Tapferkeit von einem Menschen erfaßt, wird an ihm besonders deutlich: Er fürchtet sich, weicht aus, sucht Anerkennung und klammert sich an die Rolle des alten Soldaten.

Aus erobertem Geschütz

Vergils Medaille ist ein genau bestimmbarer Gegenstand. Wilhelm I. stiftete die Kriegsdenkmünze für die Feldzüge 1870/71 am 20. Mai 1871. Die Ausführung für Kämpfer bestand nach dem Statut aus der Bronze eroberter französischer Geschütze. Unter dem gekrönten W steht „Dem siegreichen Heere“, darum die Devise „Gott war mit uns, Ihm sei die Ehre“. Die andere Seite zeigt die beiden Jahreszahlen in einem Lorbeerkranz auf einem strahlenden Kreuz. [3]

Die regulären bronzenen Prägungen tragen am Rand die Worte „Aus erobertem Geschütz“. Das Material selbst soll vom Sieg erzählen: Eine feindliche Kanone wird zerlegt und kehrt als tragbares Erinnerungsstück wieder. Hermann von Heyden verzeichnete 1897 mehr als eine Million geprägte Bronzemedaillen. [4]

Der Kreis der Empfänger war entsprechend groß. Teilnahme an einem Gefecht oder einer Belagerung gehörte zu den Voraussetzungen; ebenso konnte der militärische Grenzübertritt nach Frankreich vor dem festgelegten Stichtag den Anspruch begründen. Eine besondere einzelne Heldentat mußte dafür nicht nachgewiesen werden. Die Denkmünze bescheinigte die Zugehörigkeit zum siegreichen Heer. Auch Vergil besitzt deshalb einen sichtbaren Platz in dessen Ruhmesgeschichte. [3]

Rückseite einer bronzenen Kriegsdenkmünze mit den Jahreszahlen 1870 und 1871, Lorbeerkranz und Kreuz mit Strahlen.
Rückseite einer Kriegsdenkmünze für Kämpfer: Die Jahreszahlen stehen im Lorbeerkranz auf einem Kreuz mit Strahlen. Ein weiteres Exemplar aus der Sammlung Joachim Specht; Scan 2009, gemeinfrei. Vollständiger Bildnachweis.

1895: Der Sieg wird noch einmal verliehen

Die drei Spangen sind jünger als Vergils Medaille. Wilhelm II. stiftete sie am 18. August 1895 zur fünfundzwanzigsten Wiederkehr der Siegestage. Insgesamt waren fünfundzwanzig Schlacht- und Belagerungsnamen vorgesehen. Berechtigte Veteranen mußten sich die Spangen selbst beschaffen. Die vergoldeten Metallstreifen wurden auf dem Band befestigt; jeder einzelne machte aus der allgemeinen Auszeichnung eine persönlichere Kriegserinnerung. [4]

Genau in dieses Jubiläumsjahr fällt Tallars Geschenk. Er spendiert Vergil die Spangen für Weißenburg, Wörth und Paris und befördert ihn zum Hilfsaufseher. Eine öffentlich erneuerte Ehrung und eine private Beförderung greifen ineinander. Der alte Krieg verschafft Vergil eine Stellung, aus der heraus er andere herumkommandieren darf.

Seine Gewalt hat eine vertraute Sprache: antreten, durchzählen, Rapport, Zapfenstreich. Der Blecheimer ersetzt die Trommel, die Rute den Befehlsstock. Wer Hildas erste Begegnung mit ihm liest, hört eine Kasernenordnung, die bis in den Schlafsaal hineinreicht. Dalldorf ist dabei die literarische Kulisse; Vergils Beförderung und sein Regiment gehören zur erfundenen Anstaltswelt.

Der Veteran am Lehrerpult

Hilda muß diese Sprache nicht erst kennenlernen. Ihr Deutschlehrer trug denselben Orden. Er erzählte von einer Kompanie, von der nur eine Handvoll Männer zurückgekehrt sei, von seiner eigenen Jugend und seiner Bereitschaft, für das Vaterland zu sterben. Hilda hörte darin vor allem eine oft wiederholte, langweilige Geschichte. Die Erwachsenen machten aus ihrem Überleben eine Lektion; die Schülerin wollte sie nicht mehr hören.

Gleichzeitig schwärmte dieser Lehrer für Italien, Goethe und den Florentiner Dom. Er konnte Kunst bewundern und Frankreich hassen. Vergil verbindet eine ähnliche Bildung mit seinem Soldatenstolz. Die schönen Bücher und die militärische Selbstgerechtigkeit wohnen bei beiden im selben Kopf.

Der geschichtliche Rahmen dafür reicht weit über ein einzelnes Klassenzimmer hinaus. Am Sedantag, dem 2. September, wurden der Sieg über Napoleon III. und die Reichseinigung mit Umzügen, Gottesdiensten und Ansprachen gefeiert. In Schulen traten patriotische Feiern an die Stelle des gewöhnlichen Unterrichts. Für Kiel sind Gedichtvorträge, Aufführungen und gemeinsames Singen dokumentiert. Die Kinder sollten sich an einen Krieg erinnern, den sie selbst nicht erlebt hatten. [5]

Hildas Lehrer bringt zu einer solchen Erziehung die Autorität des Augenzeugen mit. Wenn er spricht, steht ein Überlebender vor ihr. Seine Toten gehören zu seiner Erzählung; aus dem Überleben erwächst zugleich der Anspruch, den Nachgeborenen Opferbereitschaft beizubringen. Hilda begegnet dem Orden deshalb bereits mit einem ganzen Vorrat an Geschichten, als sie ihn an Vergils Kittel wiedererkennt.

Der nächste August

Am 2. August 1870 hatte Wilhelm I. seiner Armee aus Mainz zugesichert: „Gott der Herr wird mit unserer gerechten Sache sein.“ Nach dem Sieg wurde aus dieser Verheißung die Gewißheit auf der Medaille: Gott war mit uns. Der Aufruf und das Ehrenzeichen geben einander recht. [6] [3]

Vierundvierzig Jahre später ließ sich diese Sprache wieder verwenden. Am 3. August 1914 eröffneten die Harburger Anzeigen und Nachrichten ihren Leitartikel „Mobilmachung und Krieg“ mit dem alten Aufruf. Anschließend verpflichtete das Blatt die Söhne und Enkel darauf, das von den Vätern erkämpfte Reich zu bewahren. Hier wurde die Erinnerung an 1870 ausdrücklich zum Auftrag für 1914. [7]

Auch das Eiserne Kreuz kehrte zurück. Wilhelm II. erneuerte es am 5. August 1914 unter Berufung auf die Befreiungskriege und die Kämpfe um die deutsche Einigung. Dieses Ehrenzeichen belohnte besondere Verdienste; Vergils Kriegsdenkmünze erinnerte an die Feldzugsteilnahme. In der Begeisterung für den neuen Krieg standen beide für eine Vergangenheit, an die man anzuknüpfen hoffte. [8]

In Teufelshauch kommen mit den Augusttagen auch die drei Ortsnamen zurück: Weißenburg. Wörth. Paris. Nun klingen sie wie die Vorhersage des nächsten Sieges. Im Lustgarten nehmen die alten Reservisten beim Marschspiel Haltung an, während die jungen Freiwilligen auf der Stelle mittreten. Die Jungen wollen ihr eigenes Eisernes Kreuz. Was der Schatten und Vergil aus Frankreich mitgebracht haben, geht im Trommelwirbel unter.

Quellen und weiterführende Literatur

  1. Steffen Hennicke: Der Deutsch-Französische Krieg 1870/71. Deutsches Historisches Museum, LeMO, 14. September 2014. Überblick zu Kriegsbeginn, Belagerung von Paris, Reichsgründung und Friedensbedingungen. Zum Beitrag.
  2. Deutsches Historisches Museum: Weißenburg. Der Deutsch-Französische Krieg 1870/1871. In: Der Rhein von Basel bis Koblenz. Zu Weißenburg am 4. August und Wörth am 6. August 1870. Zur historischen Einordnung.
  3. Allerhöchster Erlaß vom 20. Mai 1871, betreffend die Stiftung einer Kriegsdenkmünze für die Feldzüge 1870 und 1871, mit Statut. Deutsches Reichsgesetzblatt 1871, Nr. 23, S. 111–112. Besonders Ziffern 1–3 zu Empfängern, Material, Inschriften und Band. Text und Originalscan.
  4. Hermann von Heyden: Ehren-Zeichen (Kriegs-Denkzeichen, Verdienst- und Dienstalters-Zeichen) der erloschenen und blühenden Staaten Deutschlands und Österreich-Ungarns. Meiningen: Brückner & Renner, 1897, S. 47–49, Nr. 188–190. Zeitgenössische Beschreibung der Medaillen und der 1895 gestifteten Gefechtsspangen. Digitalisat, ab PDF-Seite 63.
  5. Christa Geckeler: Erinnerungstag 2. September: Der Sedantag. Stadtarchiv Kiel, 2. September 2004; mit Nachweisen aus zeitgenössischen Zeitungen und Schulberichten. Zum Beitrag.
  6. Wilhelm I.: An die Armee. Mainz, 2. August 1870. Zeitgenössischer Abdruck im Hamburgischen Correspondenten vom 4. August 1870, unter den Nachrichten aus Mainz. Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg. Zur Ausgabe; Abdruck, PDF-Seite 4.
  7. Mobilmachung und Krieg. In: Harburger Anzeigen und Nachrichten, 70. Jg., Nr. 255, 3. August 1914, Titelseite. Staatsarchiv Hamburg; digitale Bereitstellung: Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg. Zur Ausgabe; Leitartikel, PDF-Seite 2.
  8. Die Erneuerung des Eisernen Kreuzes. Urkunde vom 5. August 1914, abgedruckt im Bauländer Boten und Boxberger Anzeiger, Nr. 182, 8. August 1914, S. 2. Badische Landesbibliothek. Digitalisat, PDF-Seite 3.

Bildnachweise

1. Kriegsdenkmünze für die Feldzüge 1870/71 für Kombattanten mit Gefechtsspangen Weißenburg, Wörth und Paris. Scan: Joachim Specht (2009). Medaillentyp 1871 gestiftet, Gefechtsspangen 1895; Herstellungsdatum dieses Exemplars nicht näher dokumentiert. Eigene Sammlung des Bildurhebers; Wikimedia Commons. Commons-Dateikennung 6955092. Sammlung und Original; Digitalisat. Vom Bildurheber ausdrücklich zur freien Nutzung für jeden Zweck freigegeben (Public Domain / PD-self). Freigabe des Bildurhebers; Public Domain. Unbeschnitten; in WebP umgewandelt. Keine Retusche.

2. Portrait de groupe. Des prussiens à Enghien. Photograph unbekannt. Um 1870; Albuminabzug auf historischem Trägerkarton. Musée Carnavalet – Histoire de Paris, Paris. Inventarnummer PH81887. Sammlung und Original; Digitalisat. Digitalisat: Paris Musées / Musée Carnavalet – Histoire de Paris. Freigegeben unter CC0 1.0. Rechteangabe von Paris Musées; CC0 1.0. Unbeschnitten, einschließlich der historischen Montierung; auf 1300 × 992 Pixel verkleinert und in WebP umgewandelt. Keine Retusche.

3. Kriegsdenkmünze für die Feldzüge 1870/71 für Kombattanten, Rückseite. Scan: Joachim Specht (2009). Medaillentyp 1871 gestiftet; Herstellungsdatum dieses Exemplars nicht näher dokumentiert. Eigene Sammlung des Bildurhebers; Wikimedia Commons. Commons-Dateikennung 6955004. Sammlung und Original; Digitalisat. Vom Bildurheber ausdrücklich zur freien Nutzung für jeden Zweck freigegeben (Public Domain / PD-self). Freigabe des Bildurhebers; Public Domain. Unbeschnitten; in WebP umgewandelt. Keine Retusche.

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