Literatur und Zeitgeschichte
Der Hohnsteiner Kipper
Eine Münze von 1620: Silberversprechen, Blutgeld und der lachende Riese.
Rozenblum nimmt die Leselupe zur Hand. Zwischen Daumen und Zeigefinger hält er eine Münze, von der Motti sich ein anderes Leben verspricht. Drei Wappen, ein paar lateinische Wörter, ein Mann mit einem ausgerissenen Baum: Auf kaum drei Zentimetern Metall stehen die Zeichen, die der Kaufmann entziffern kann. Motti sieht einen Schatz.
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Drei Wappen und ein Versprechen
Im Kapitel „Der lachende Riese“ gelangt ein Hohnsteiner Zwölfkreuzerstück aus dem Jahr 1620 auf Rozenblums Schreibtisch. Solche Münzen gibt es tatsächlich. Die im Roman beschriebene Anordnung der Schilde findet sich auf einer erhaltenen Prägung im Berliner Münzkabinett: oben der Hirsch von Klettenberg, unten das geschachte Wappen Hohnsteins und der Löwe von Lutterberg. Die Wertzahl 12 steht bei diesem Exemplar auf der Rückseite neben dem Wilden Mann. [1] [2]
Die Umschrift nennt die Grafschaft Hohnstein und bezeichnet das Stück als moneta nova argentea: neue Silbermünze. Eine Münze spricht hier selbst über ihre Herkunft und ihr Material. Wer sie annimmt, soll ihren Zeichen vertrauen können. Rozenblum liest diese Versicherung mit hörbarem Mißtrauen: „Und argentea behauptet, daß es sich um eine Silbermünze handelt.“ Das entscheidende Wort ist „behauptet“. Er prüft, ob die Sache hält, was ihre Beschriftung verspricht.

Motti hört zunächst nur das Wort Silber. Er hat den Wert des Geldes längst in eine Zukunft übersetzt: Haus, Pferde, Kontor. Seine Rechnung geht glatt auf, zehn Stück für jeden Posten. Rozenblum dagegen dreht ein einzelnes Geldstück um. Bevor man mit dreißig Münzen etwas kaufen kann, muß man wissen, was eine davon wert ist.
Wie aus gutem Geld schlechtes wurde
1620 fällt mitten in die Kipper- und Wipperzeit. Aufkäufer sonderten mit Waagen die besseren, silberreicheren Münzen aus. Diese wurden eingeschmolzen, mit Kupfer versetzt und zu neuem Geld geprägt. Aus derselben Menge Silber ließ sich so eine größere Zahl von Geldstücken herstellen. Die Bezeichnung der Epoche erinnert an das Wiegen und Aussondern des guten Geldes. [3]
Der Münzfuß regelte, wie viele Stücke einer bestimmten Sorte aus einer festgelegten Menge Edelmetall geprägt werden sollten. Metallgehalt, Gewicht und aufgedruckter Wert mußten zueinander passen. Die Schwierigkeiten hatten schon vor dem Dreißigjährigen Krieg begonnen: Die Prägung kleiner Münzen war unter den Vorgaben der Reichsmünzordnung zu teuer. Mit dem Krieg kamen steigende Rüstungsausgaben und eine immer rücksichtslosere Münzverschlechterung hinzu. [3]
Für die Menschen, die mit diesem Geld bezahlt wurden, zeigte sich der Verlust beim nächsten Einkauf. Die Preise stiegen; ein gleichbleibendes Einkommen reichte für immer weniger. Auf der Münze konnte noch dieselbe Zahl stehen, während ihr Gegenwert zusammenschmolz. [3]
Auch der rötliche Schimmer, den Rozenblum im Lampenlicht sichtbar macht, hat einen handfesten Hintergrund. Kupferreiche Legierungen konnten zunächst silbern aussehen. Durch eine Behandlung der Oberfläche ließ sich dieser Eindruck noch verstärken. Erst mit der Abnutzung trat das Kupfer deutlicher hervor. Der Glanz war leichter herzustellen als der Wert, den er versprach. [4]
„Für das Gesetz und die Gemeinschaft“
Auf den Hohnsteiner Kippern fehlt der Name des tatsächlich verantwortlichen Herzogs: Friedrich Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel. Statt dessen erscheinen Titel und Wappen der Hohnsteiner Grafen, deren Linie 1593 erloschen war. Solche Ausweichmanöver gehörten zu den Verfahren der Zeit: Münzherren verwendeten die Zeichen kleinerer oder ererbter Herrschaften, während sie ihren eigenen Namen zurückhielten. Die Münze sollte zirkulieren, ohne ihren Urheber allzu deutlich bloßzustellen. [4]
Die Rückseite gibt sich um so rechtschaffener. Pro lege et grege lautet ihr Wahlspruch. Rozenblum übersetzt: „Für das Gesetz und die Gemeinschaft.“ Grex heißt wörtlich Herde; die Formel stellt also Recht und die dem Herrscher anvertrauten Menschen nebeneinander. Auf einem Geldstück, dessen Silbergehalt vermindert wurde, bekommt diese Versicherung einen bitteren Beigeschmack. Der Fürst beansprucht, für seine Untertanen einzustehen. Bezahlen müssen sie mit seinem schlechten Geld.
Rozenblums „daß ich nicht lache!“ gilt diesem Widerspruch. Seine Münzerklärung führt unmittelbar zur Frage, was Herrschaft mit den Menschen macht, die ihr vertrauen. Er spricht vom Krieg, von Sold und von Männern, die sich durch Geldversprechen blenden lassen. Das kleine Stück auf dem Schreibtisch trägt die Jahreszahl 1620 in eine Berliner Auseinandersetzung um Besitz und Anerkennung hinein. Motti möchte endlich zu denen gehören, die verfügen können.

Der Wilde Mann mit dem Baum
Die Gestalt auf der Rückseite gehört zu einer langen Münztradition der Welfen. Der Wilde Mann erscheint auf Prägungen aus Harzer Münzstätten als behaarter Waldbewohner, mit einem Laubschurz, einem Baum oder einer Keule. Er kann allein stehen oder als Wappenhalter auftreten. Das Motiv begegnet bereits auf Talern Herzog Heinrichs des Jüngeren von Braunschweig-Wolfenbüttel im 16. Jahrhundert und bleibt über Generationen im Gebrauch. [5]
Sein ausgerissener Baum macht übermenschliche Kraft sichtbar. Was für andere fest verwurzelt ist, kann dieser Mann in der Hand tragen. Auf der Münze wird die wilde Gestalt von Wertzahl, Jahreszahl und Herrschaftsspruch umgeben: Naturgewalt erhält einen Platz innerhalb einer amtlich geprägten Ordnung.
In Mottis Blick verändert sich das Bild. Der Roman nennt die Gestalt einen Riesen; sein Baum ist ausdrücklich „entwurzelt“. Dann folgen drei Wörter: „So wie du“. Der Vergleich bleibt an Motti hängen. Der Baum steht für die Kraft des Mannes, der ihn ausgerissen hat, und zeigt zugleich, was diese Kraft angerichtet hat: Er ist von seinem Boden getrennt. Stärke und Verlust stehen im selben Prägebild.
Ein Wilder Mann ist den Lesern auch aus der Geschichte von Milos und Maruschka vertraut, in der der Nivaschi-König aus dem Wasser steigt. Solche Gestalten verbinden gewaltige Kräfte mit beunruhigenden Gaben. Auf Rozenblums Schreibtisch kehrt dieser Bildvorrat in einem winzigen, alltäglichen Gegenstand wieder. Das Geld, an dem Mottis Zukunft hängen soll, trägt selbst ein unheimliches Gesicht.
Dabei führt der Text das Lachen Schritt für Schritt herbei. Zuerst lacht der Kaufmann beinahe über den frommen Wahlspruch. Dann scheint der Riese Motti zu verspotten. Schließlich ist unter seinem breiten Schnauzbart ein Lachen zu sehen. Die Münze wird immer genauer untersucht und rückt Motti zugleich immer näher. Er wollte ihren Wert für sich nutzen; nun scheint ihr Bild etwas über ihn zu wissen.
Dreißig Silberlinge
Die Zahl dreißig öffnet eine weitere Erinnerung. Im Matthäusevangelium erhält Judas dreißig Silberlinge für den Verrat an Jesus. Als er das Geld zurückbringt, weisen die Hohenpriester es für den Tempelschatz zurück: „denn es ist Blutgeld“. Mit ihm wird schließlich der Töpfersacker gekauft. Das Geld bleibt verwendbar, aber der Kauf kann seine Herkunft nicht ungeschehen machen. [6]
Rozenblum nennt Mottis vermeintlichen Schatz ebenfalls „Blutgeld“. Das Wort verbindet den Sold und die Gewalt des Krieges mit der biblischen Frage nach dem Preis eines Menschen. In dieser Beleuchtung sind dreißig Münzen nie mehr bloß eine bequem aufgeteilte Kaufsumme. Motti zählt Haus, Pferde und Kontor zusammen; die Zahl ruft einen Handel auf, bei dem etwas anderes auf dem Spiel steht.
Die numismatische Pointe verschärft diese Verbindung: Aus den versprochenen Silberlingen werden in Rozenblums Mund „Dreißig Kupferlinge“. Die Bezeichnung trifft Mottis Hoffnung auf Reichtum. Zugleich bleibt die Anspielung auf den Verrat bestehen. Selbst wenn das Geld seinen behaupteten Wert verliert, verschwindet damit nicht die Frage, was für dieses Geld gegeben wurde.
Ein Schatz, der seine Geschichte mitbringt
„Löwentaler, Hohnsteiner Kipper und polnische Groschen“: Diese Aufzählung fällt im Roman mehrfach. Schon bei einer früheren Begegnung mit dem vermeintlichen Schatz steht seinem verlockenden Alter die Auskunft gegenüber, darunter sei kein Geldstück von Wert. Wenn dieselben Münznamen wiederkehren, kehrt auch die Versuchung wieder, in ihnen dennoch den ersehnten Reichtum zu sehen.
Im Kontor laufen diese Spuren zusammen. Die Wappen erzählen von einer erloschenen Grafenlinie und einem Herzog, der unter ihrem Namen prägen ließ. Das Metall erzählt von Entwertung. Die Zahl dreißig erinnert an Blutgeld. Der entwurzelte Baum gibt der erhofften Macht ein bedrohliches Bild. All das steckt in derselben Münze, die Rozenblum zwischen den Fingern dreht.
Unter der Leselupe wird die Vergangenheit des Geldstücks erkennbar. Im Licht der Lampe tritt sein Kupfer hervor. Was Motti schließlich ansieht, ist der lachende Riese.
Quellen und weiterführende Literatur
- Münzkabinett, Staatliche Museen zu Berlin: Hohnstein: Friedrich Ulrich von Braunschweig-Lüneburg, 1620, 12 Kreuzer, Dreischildvariante. Interaktiver Katalog, Objekt 18293992. Datensatz und beide Münzseiten.
- Tempelhofer Münzenhaus: 156. Auktion, 17./18. Mai 2018, S. 25, Lose 228–229: Hohnsteiner 12-Kreuzer-Stücke 1620; Vergleichsstücke mit den Wappen von Klettenberg, Hohnstein und Lutterberg.
- Deutsche Bundesbank: Die Kipper- und Wipperzeit von 1618 bis 1623, Reihe Das besondere Objekt, S. 1–2. Münzordnung, Herstellung, Aussonderung und Folgen der Münzverschlechterung.
- Niklot Klüßendorf: Die Zeit der Kipper und Wipper (1618–1623), in: Deutsche Bundesbank, Vorträge zur Geldgeschichte 2007, Frankfurt am Main 2009, S. 5–38. Besonders S. 15–18; Hohnsteiner Prägung mit Pro lege et grege, Abb. 10.
- Sebastian Steinbach, Niedersächsisches Landesmuseum Hannover: Wilder-Mann-Münzen, NumiScience, Universität Heidelberg / Numismatik in Hannover. Gestalt und Verbreitung des Münzmotivs.
- Matthäusevangelium 26,14–16 und 27,3–10, Lutherbibel 1912: dreißig Silberlinge, Rückgabe des Geldes und Kauf des Töpfersackers.
Bildnachweise
1. Hohnsteiner Zwölfkreuzerstück von 1620 – Vorderseite mit drei Wappenschilden. Stempelschneider unbekannt; Fotografie: Christian Stoess (17. Juni 2021). 1620 (Münze); 17. Juni 2021 (Fotografie). Münzkabinett, Staatliche Museen zu Berlin – Stiftung Preußischer Kulturbesitz Objektnummer 18293992; Zugang 2021/599. Katalogtitel: Hohnstein: Friedrich Ulrich von Braunschweig-Lüneburg. 12 Kreuzer (Schreckenberger), Silber, 2,60 g, Durchmesser 27 mm. Sammlungskatalog; Sammlung und Original; Digitalisat. Die Bilddateien sind vom Münzkabinett ausdrücklich mit Public Domain Mark 1.0 als gemeinfrei gekennzeichnet. Fotograf: Christian Stoess. Die Kennzeichnung gilt gesondert für Vorder- und Rückseitenfoto. Bildrechte im Objektdatensatz des Münzkabinetts; Public Domain Mark 1.0. Unbeschnittene Originalaufnahme (971 × 936 Pixel), unveränderte Auflösung, als WebP gespeichert. Keine Retusche, Farbänderung oder KI-Bearbeitung.
2. Hohnsteiner Zwölfkreuzerstück von 1620 – Rückseite mit Wildem Mann. Stempelschneider unbekannt; Fotografie: Christian Stoess (17. Juni 2021). 1620 (Münze); 17. Juni 2021 (Fotografie). Münzkabinett, Staatliche Museen zu Berlin – Stiftung Preußischer Kulturbesitz Objektnummer 18293992; Zugang 2021/599. Katalogtitel: Hohnstein: Friedrich Ulrich von Braunschweig-Lüneburg. 12 Kreuzer (Schreckenberger), Silber, 2,60 g, Durchmesser 27 mm. Sammlungskatalog; Sammlung und Original; Digitalisat. Die Bilddateien sind vom Münzkabinett ausdrücklich mit Public Domain Mark 1.0 als gemeinfrei gekennzeichnet. Fotograf: Christian Stoess. Die Kennzeichnung gilt gesondert für Vorder- und Rückseitenfoto. Bildrechte im Objektdatensatz des Münzkabinetts; Public Domain Mark 1.0. Unbeschnittene Originalaufnahme (971 × 941 Pixel), unveränderte Auflösung, als WebP gespeichert. Keine Retusche, Farbänderung oder KI-Bearbeitung.
Digitale Quellen und Bildnachweise geprüft am 2. November 2026.