Literatur und Zeitgeschichte

Goethe, Faust und der schwarze Pudel

„Höllenhund!“ schreit Hilda, als der schwarze russische Königspudel vor dem Bücherantiquariat losbellt. Eine Frau beschwichtigt sie: „Der tschepet doch kejnem nischt.“ Der tut nichts. Hilda hält trotzdem die Luft an und zwängt sich an dem Tier vorbei. An der Kellertür wartet bereits die nächste Zumutung: Dantes Aufforderung, alle Hoffnung fahren zu lassen.

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Ein Wachhund an der Kette gehört durchaus in diese Straße. Seine Rasse und seine Farbe geben ihm jedoch einen literarischen Vorfahren. Wer Goethes Faust kennt, wird einem schwarzen Pudel kaum unbefangen begegnen – schon gar nicht vor einem Keller, in dem mit Beschwörungsbüchern gehandelt wird. Die Nachbarin sagt einen beruhigenden Satz. Goethe liefert einen Grund, ihm zu mißtrauen.

Delacroix-Lithografie: Faust und Wagner gehen im Abendlicht über einen Feldweg; rechts vor ihnen duckt sich ein dunkler, langhaariger Pudel.
Faust, Wagner und der Pudel: Delacroix zeigt die Begegnung aus „Vor dem Tor“. Das Tier legt sich auf den Bauch; Wagner sieht darin gewöhnliches Hundeverhalten. Lithografie, 1827 · Petit Palais / Paris Musées · CC0. Vollständiger Bildnachweis.

Ein Hund, zwei Deutungen

Am Ende des Osterspaziergangs, in der Szene „Vor dem Tor“, bemerkt Faust einen schwarzen Hund auf dem Feld. Sein Begleiter Wagner hat ihn längst gesehen und nichts Besonderes an ihm gefunden. Nun aber läuft das Tier in immer engeren Kreisen um die beiden. Faust glaubt, hinter ihm einen Feuerstrudel zu erkennen. Wagner bleibt nüchtern:

„Ich sehe nichts als einen schwarzen Pudel,
Es mag bey euch wohl Augentäuschung seyn.“

Faust sieht magische Schlingen; Wagner sieht einen Hund, der nach seinem Herrn sucht. Das Tier knurrt, legt sich auf den Bauch und wedelt. Für Wagner ist damit alles erklärt. Schließlich stimmt auch Faust zu: Es sei wohl bloß Dressur. Er ruft den Pudel zu sich und nimmt ihn mit in die Stadt.[1]

Goethe läßt die unheimliche Erscheinung also zunächst durch lauter vertraute Hundegesten harmlos werden. Genau diese Nachbarschaft von Schrecken und Beschwichtigung findet sich vor dem Antiquariat wieder. Hilda ruft „Höllenhund!“, die Frau übersetzt das Gebell in gewöhnlichen Straßenalltag. Der Leser hat beide Deutungen gleichzeitig im Ohr.

Was im Studierzimmer zum Vorschein kommt

Zu Hause bietet Faust seinem Gast das beste Kissen hinter dem Ofen an. Während er den Anfang des Johannesevangeliums übersetzt und vom „Wort“ über „Sinn“ und „Kraft“ zur „Tat“ gelangt, stört ihn der Pudel mit Heulen und Bellen. Dann verändert sich das Tier. Es wächst, fletscht die Zähne, scheint den ganzen Raum zu füllen. Faust versucht es durch Beschwörungen und heilige Zeichen zu bezwingen.

Als der Nebel fällt, tritt Mephistopheles hinter dem Ofen hervor, gekleidet wie ein fahrender Scholastikus. Faust reagiert mit dem Satz, den auch Teufelshauch aufgreift:

„Das also war des Pudels Kern!“

„Kern“ bezeichnet hier ganz handfest das Wesen, das sich in der Tiergestalt verborgen hat. Unmittelbar darauf lacht Faust über dessen Aufmachung. Der Teufel erscheint als jemand aus der gelehrten Welt, in der Faust selbst zu Hause ist. Entsetzen und Komik stehen dicht beieinander.[2]

Lithografie von Delacroix: Mephistopheles steht links vor dem sitzenden Faust und seinem offenen Buch; Gefäße, Schädel und ein Skelett füllen das Studierzimmer.
Mephistopheles steht vor Faust im Studierzimmer. Die Lithografie illustriert den Auftritt nach der Verwandlung des Pudels in Goethes Drama. Eugène Delacroix, 1827 · Petit Palais / Paris Musées · CC0. Vollständiger Bildnachweis.

Auch die Türschwelle erweist sich als bedeutsam. Ein dort angebrachtes Pentagramm hält Mephistopheles fest. Herein konnte er, weil ein Winkel des Zeichens offen war; hinaus darf er nach den Gesetzen seiner Art nur auf demselben Weg. Faust glaubt für einen Moment, den Teufel gefangen zu haben. Die Szene macht aus einer alltäglichen Tür einen Ort, an dem über Zugang, Bindung und vermeintliche Herrschaft entschieden wird.[2]

Der Berliner Pudel bewacht ebenfalls einen Übergang. Vor ihm liegt die Straße mit ihrem Handel und Gezänk, hinter ihm liegen die Bücher, für die Gustav einen heimlichen Umweg macht. Auf der Schiefertafel kommt Dantes Höllentor hinzu. Goethe und Dante treffen an derselben Kellertreppe zusammen: Der eine läßt beim Anblick des Hundes aufhorchen, der andere gibt dem Abstieg seine Richtung.

Mit welchen Wünschen man hineingeht

Faust wendet sich der Magie zu, weil ihn sein Wissen enttäuscht. Philosophie, Rechtswissenschaft, Medizin und Theologie haben ihm die erhoffte Erkenntnis nicht verschafft. Er will erfahren, „was die Welt / Im Innersten zusammenhält“. In seinem engen, vollgestopften Studierzimmer hofft er, durch ein geheimnisvolles Buch und die Anrufung von Geistern über die Grenzen des gelehrten Redens hinauszugelangen.[3]

Gustav Zille bringt einen sehr bestimmten Wunsch in den Bücherkeller mit. Während der Antiquar über die Herkunft des Zauberhandwerks spricht, erklärt er: „Mich interessiert nur das Geld.“ Darauf empfiehlt ihm der Schatten Astaroth, den Kenner verborgener Schätze. Die Geisterwelt soll bei einem Geschäft helfen. Für die Anschaffungen, die seine Frau als Börsenhokuspokus verachtet, sucht Gustav nun eine mächtigere Begründung.

Fausts Erkenntnishunger und Gustavs Geldhunger haben verschiedene Ziele. Gemeinsam ist ihnen die Hoffnung, durch geheimes Wissen etwas erreichen zu können, das auf gewöhnlichem Wege unerreichbar scheint. Deshalb gehört der Pudel so genau vor diese Buchhandlung. Er steht an der Stelle, an der Neugier und Wunsch bereits stark genug geworden sind, eine Warnung zu übergehen. Hilda interessiert derweil, wieviel Schweigegeld sich für den Umweg aushandeln ließe. Die große Versuchung beginnt mitten in einem familiären Feilschen.

Mignons Italien und Hildas Decke

Eine andere Goethe-Zeile kehrt im Wachsaal wieder: „Kennst du das Land, wo die Zitronen blüh’n?“ Hilda erinnert sich an ihren Deutschlehrer. Frankreich verabscheute er, von Italien schwärmte er. Seine Begeisterung für den Florentiner Dom hatte er so ausgiebig in den Unterricht getragen, daß seine Schüler das Gebäude bis in die Altarnischen kannten.

Die Zeile eröffnet Mignons Lied in Wilhelm Meisters Lehrjahre. Es beginnt mit Zitronen, Goldorangen, sanftem Wind und blauem Himmel. Dann führt es zu einem Haus mit Marmorbildern und schließlich auf einen gefährlichen Gebirgsweg. Die Sehnsucht „Dahin! Dahin!“ richtet sich nacheinander an einen Geliebten, einen Beschützer und einen Vater. Hinter der schönen Landschaft steht der Wunsch, fortzukommen und begleitet zu werden. Als Wilhelm nachfragt, bittet Mignon ihn, sie nach Italien mitzunehmen: Es friere sie hier.[4]

Schadows Mignon: eine junge Gestalt in weißem Gewand mit goldenen Engelsflügeln und einem Saiteninstrument, neben ihr weiße Lilien.
Mignon aus „Wilhelm Meisters Lehrjahre“: Friedrich Wilhelm von Schadow stellt die Figur mit Engelsflügeln und Saiteninstrument dar. Gemälde von 1828 · Sternburg-Stiftung, Museum der bildenden Künste Leipzig · Gemeinfrei. Vollständiger Bildnachweis.

Mitten im Lied fragen die Marmorbilder: „Was hat man dir, du armes Kind, gethan?“ Schon bei Goethe enthält die Italiensehnsucht eine Verletzung. Der erste Vers klingt hell; das ganze Lied erzählt auch von Schutzbedürftigkeit und Gefahr.

In Hildas Erinnerung führt dieser Vers zum kulturellen Wunschland ihres Lehrers. Vor ihren Augen liegt jedoch dessen erschreckender Ausschnitt: An der Decke des Wachsaals sind Szenen aus dem Florentiner Jüngsten Gericht nachgeahmt. Die himmlischen Bereiche fehlen; übrig bleiben die Qualen der Verdammten. Das Schulwissen läßt Hilda erkennen, was über ihr gemalt ist. Es verleiht ihr noch keinen Abstand davon. Aus dem Land der Zitronen ist für sie ein Höllenraum geworden.

Vergils Götz, Werther und Prometheus

Der Mann, der diese Decke bemalt hat, besitzt selbst eine ganze Galerie literarischer Vorbilder. In der Schilderung seiner Jugend stehen drei Goethe-Gestalten unmittelbar nebeneinander: Götz von Berlichingen, der junge Werther und Prometheus. Mit ihnen verbindet Vergil die Vorstellung davon, wie er sprechen, lieben und frei sein möchte.

Götz ist der Ritter, der auf seinem Wort und seiner Unabhängigkeit besteht. Goethes Schauspiel läßt ihn gegen die Ränke und Zumutungen der Mächtigen anreden; sein Freiheitswunsch steht zugleich neben seiner Treue zum Kaiser. Vergil möchte, wie es im Roman heißt, das Herz auf der Zunge tragen wie dieser Götz. Das Vorbild verspricht ihm eine Sprache ohne Ducken und Verstellen.[5]

Werther gibt seiner Liebe die ersehnte Größe. In Goethes Briefroman werden Natur, Alltag und gesellschaftlicher Umgang von den Empfindungen des Liebenden durchdrungen. Die Liebe zu Lotte nimmt Werthers Welt immer stärker ein. Vergil genügt es in seiner Phantasie deshalb kaum, ein Mädchen hübsch zu finden: Er liebt aus der Ferne mit der Leidenschaft eines jungen Werthers. Das große Gefühl macht aus dem schüchternen Verehrer für sich selbst eine Romanfigur.[6]

Prometheus schließlich spricht in Goethes Hymne Zeus die beanspruchte Überlegenheit ab. Wer habe dem Bedrängten geholfen, wer seine Tränen gestillt? Am Ende formt Prometheus Menschen nach seinem eigenen Bild, die leiden und sich freuen können und den Gott so wenig achten sollen wie er selbst. Auf diesen Trotz bezieht sich Vergils Freiheitsdrang.[7]

Diese Vorbilder gehören zu dem empfindsamen jungen Mann, der sich hinter Vergils großspurigem Auftreten verbirgt. Der Roman nennt die Uniform eine Verkleidung für sein zartes Gemüt. Später, als Hilfsaufseher, treibt derselbe Mann Schwächere an und macht sich vor den Pflegern klein. Wer seine Goethe-Helden kennt, hört deshalb genauer, wie weit Anspruch und Verhalten auseinanderliegen. Götz, Werther und Prometheus zeigen auch, was er einmal von sich erhofft hat.

Goethe begegnet in Teufelshauch auf sehr verschiedenen Wegen: als Satz aus dem Unterricht, als ersehnte Lebensrolle und als schwarzes Tier an einer Eisenkette. Besonders beim Pudel genügt ein alltäglicher Wortwechsel, um die literarische Erinnerung in Gang zu setzen. „Höllenhund!“ – „Der tut nichts.“ Nach der Lektüre der Studierzimmerszene beruhigt die Antwort weit weniger, als sie soll.

Quellen und weiterführende Literatur

  1. Johann Wolfgang von Goethe: Faust. Der Tragödie erster Teil, „Vor dem Tor“, Verse 1147–1177: Faust, Wagner und der schwarze Pudel. Lesetext der historisch-kritischen Faustedition.
  2. Goethe: Faust I, „Studierzimmer I“, Verse 1178–1529; besonders 1224–1237 (Bibelübersetzung), 1247–1324 (Verwandlung und „des Pudels Kern“) sowie 1393–1429 (Pentagramm und Schwelle). Faustedition.
  3. Goethe: Faust I, „Nacht“, besonders Verse 354–429: die Grenzen des Studiums, das Studierzimmer und die Hinwendung zur Magie. Faustedition.
  4. Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre, drittes Buch, erstes Kapitel: Mignons Lied und das anschließende Gespräch mit Wilhelm. Kapiteltext. Das Lied auch nach dem Druck von 1795, Bd. 2, S. 7–8: quellengeprüfte Transkription.
  5. Goethe: Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand, besonders erster und dritter Akt; Text nach der Weimarer Ausgabe, I. Abteilung, Bd. 8, 1889. Volltext mit Seitenbelegen.
  6. Goethe: Die Leiden des jungen Werthers, erstes Buch, insbesondere die Briefe vom 16. Juni, 13. Juli und 24. Juli 1771. Text bei Projekt Gutenberg; bibliographischer Nachweis und Digitalisat der Erstausgabe von 1774.
  7. Goethe: Prometheus, in: Goethe’s Werke. Vollständige Ausgabe letzter Hand, Bd. 2. Stuttgart und Tübingen: Cotta, 1827, S. 76–78. Text der Hymne mit Seitenbelegen.

Bildnachweise

1. Faust, Wagner et le barbet (Faust, Wagner und der Pudel). Eugène Delacroix (1798–1863), Zeichner und Lithograf; Druck: Charles Motte (1785–1836), Paris. 1827. Lithografie auf Velinpapier; Delteil 61. Der illustrierte französische Faust-Band erschien 1828. Petit Palais, musée des Beaux-Arts de la Ville de Paris. Inv. GDUT1828. Vermächtnis Auguste und Eugène Dutuit, 1902. Sammlung und Original; Digitalisat. Digitalisat: Paris Musées, über Wikimedia Commons. Originalwerk gemeinfrei; dieses Digitalisat ist von Paris Musées ausdrücklich unter CC0 1.0 freigegeben. Bildmetadaten und Rechtestatus auf Wikimedia Commons; CC0 1.0. Für die Webseite proportional auf 1800 Pixel Breite verkleinert und als WebP gespeichert. Kein Beschnitt; Bildrand, Druckervermerk und französische Verszeile bleiben erhalten.

2. Méphistophélès apparaissant à Faust (Mephistopheles erscheint Faust). Eugène Delacroix (1798–1863). 1827. Lithografie auf Velinpapier; Delteil 62. Petit Palais, musée des Beaux-Arts de la Ville de Paris. Inv. GDUT1823. Vermächtnis Auguste und Eugène Dutuit, 1902. Sammlung und Original; Digitalisat. Digitalisat: Paris Musées, über Wikimedia Commons. Originalwerk gemeinfrei; dieses Digitalisat ist von Paris Musées ausdrücklich unter CC0 1.0 freigegeben. Bildmetadaten und Rechtestatus auf Wikimedia Commons; CC0 1.0. Für die Webseite proportional auf 1800 Pixel Breite verkleinert und als WebP gespeichert. Kein Beschnitt; vollständiges Blatt mit Sammlungsstempel und handschriftlichen Vermerken.

3. Mignon. Friedrich Wilhelm von Schadow (1788–1862). 1828. Öl auf Leinwand. Maximilian Speck von Sternburg Stiftung im Museum der bildenden Künste Leipzig. Sammlung und Original; Digitalisat. Reproduktion: Web Gallery of Art, über Wikimedia Commons. Gemeinfreies Werk und originalgetreue zweidimensionale Reproduktion (Public Domain / PD-Art / PD-old-100-expired). Bildmetadaten und Rechtestatus auf Wikimedia Commons; Public Domain Mark 1.0. In der vorhandenen Auflösung von 900 × 1164 Pixeln als WebP gespeichert. Kein Beschnitt, keine Vergrößerung und keine inhaltliche Veränderung.

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