Bücher, Magie und Überlieferung
Was ist ein Grimoire?
Beschwörungsbücher als historische Texte, Gegenstände und literarische Versuchungen.
Gustav Zille hat eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was ihm die Geisterwelt bieten soll. Als der Antiquar im eisigen Keller von den gefallenen Engeln erzählt, kürzt er das Gespräch ab: „Mich interessiert nur das Geld.“ Daraufhin empfiehlt ihm der Buchhändler Astaroth, den drachenreitenden Herzog, der die Verstecke aller Schätze kenne. Die Aussicht auf geheimes Wissen hat plötzlich einen sehr handfesten Nutzen.
Wenig später geht es um eine ramponierte Ledermappe und exakt zehn Mark. Darin liegen Schriften, die Gustav kaum entziffern kann. Der Rabbi nennt den Schlüssel Salomons und Arbatel de magia veterum, „geschrieben mit Taubenblut auf Schelmenhaut“. Hilda sieht zunächst vor allem, daß der Vater gerade ihr Geld für den Rummel ausgibt. Während er sich für die Aussicht auf verborgene Schätze begeistert, steht für sie der versprochene Ausflug auf dem Spiel.
Ein Buch, mit dem etwas geschehen soll
Ein Grimoire ist ein Buch magischer Anweisungen. Es enthält beispielsweise Beschwörungen, Gebete, Namen und Zeichen, Regeln für die Herstellung von Talismanen oder Vorschriften für den Umgang mit Geistern. Solche Bücher versprechen Schutz, Heilung, die Entdeckung verborgener Schätze oder Kenntnisse, die auf gewöhnlichem Wege unerreichbar bleiben. Ihre Leser sollen mit dem Geschriebenen etwas bewirken können. Das unterscheidet ein Beschwörungsbuch von einer Erzählung über Zauberer und ebenso von einer gelehrten Untersuchung des Hexenglaubens. [1]
Die Anweisungen können bis in kleinste Einzelheiten gehen: Welcher Tag eignet sich für das Vorhaben? Welche Namen gehören in den Kreis? Woraus besteht die Tinte? Wie muß sich der Beschwörer vorbereiten, und wie entläßt er die gerufenen Wesen wieder? Das Buch stellt eine schwer überschaubare Geisterwelt als etwas dar, dessen Regeln sich erlernen lassen. Wer die richtigen Zeichen kennt und die Vorschriften beachtet, soll Zugang zu ihr erhalten.

Dabei führt schon die Vorstellung vom einen uralten Zauberbuch leicht in die Irre. S. L. MacGregor Mathers legte seiner englischen Ausgabe des Schlüssels Salomons von 1889 sieben Handschriften aus dem British Museum zugrunde. Sie waren untereinander verschieden, in mehreren Sprachen geschrieben und nach seinem Urteil voller Abschreibfehler. Besonders die hebräischen Namen und Zeichen mußte er vergleichen und zum Teil rekonstruieren. Auch eine gedruckte Seite mit scheinbar unverrückbaren Geheimzeichen ist also das Ergebnis von Abschrift, Auswahl und Bearbeitung. [2]
Der „Hexenfreund“ und die Dämonen
Das erste Buch, das Gustav im Keller vorgelegt bekommt, ist ausgerechnet kein Grimoire: Johannes Weyers De praestigiis daemonum, in der Basler Ausgabe von 1577. Die Bezeichnung „Hexenfreund“ hat einen historischen Hintergrund. Weyer wandte sich gegen die Verfolgung vermeintlicher Hexen. Dabei bestritt er keineswegs die Existenz des Teufels. Er hielt gerade dessen Täuschungen für eine Erklärung dafür, daß Menschen sich Dinge zuschrieben, die sie unmöglich vollbracht haben konnten. Sein Einwand gegen die Verfolger kam aus einem christlichen Weltbild. [3]
Und dennoch findet der neugierige Leser in dieser Ausgabe ein erstaunlich ausführliches Dämonenverzeichnis: die Pseudomonarchia daemonum. Hier haben die Geister Namen, Ränge, Aufgaben und unterstellte Legionen. Astaroth erscheint tatsächlich als mächtiger Herzog auf einem höllischen Drachen; er soll verborgene Dinge kennen und über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Auskunft geben können.
Weyer erläutert allerdings, warum er dieses Material abdruckt: Er will die Torheiten und Täuschungen der Magier vorführen. Einige Wörter habe er absichtlich ausgelassen, um leichtfertige Nachahmung zu verhindern. Gustav interessiert sich im Roman gerade für das, wovon ein solcher Warntext abraten soll: den Kontakt und den möglichen Ertrag. Der Antiquar macht ihm das Dämonenverzeichnis als Auskunft über eine verfügbare Dienerschaft schmackhaft. [4]
Salomon und die geliehene Autorität
Ein Name auf dem Einband kann schon vor dem ersten gelesenen Satz wirken. „Schlüssel Salomons“ verspricht Zugang zum Wissen des biblischen Königs. Die Einleitung der von Mathers herausgegebenen Fassung läßt Salomon selbst zu seinem Sohn sprechen und seine Weisheit als göttliche Gabe erklären. Wer das Buch aufschlägt, soll sich als Empfänger einer kostbaren, über Generationen bewahrten Unterweisung verstehen. [2]
Im Roman stehen neben Salomon auch Agrippa von Nettesheim und Honorius. Diese Namen rufen unterschiedliche Autoritäten auf: den weisen König, den gelehrten Magier, den Papst. Beim Grimoire des Papstes Honorius ist die Anmaßung besonders deutlich. Seine fingierte päpstliche Einleitung beruft sich auf die Schlüsselgewalt Petri und behauptet, der Papst teile die Macht, Geistern zu befehlen, mit den Geistlichen der Kirche. Die Zuschreibung macht aus dem Beschwörungsbuch eine vorgeblich beglaubigte Vollmacht. Ein päpstlicher Autorenname ist hier Teil des Versprechens. [5]
Wie wirksam solche Beglaubigung sein kann, zeigt schon Gustavs Zögern vor dem Pergamentband. Er hält den Atem an und wagt zunächst nicht, den Deckel zu öffnen. Das Buch besitzt Autorität, bevor er seinen Inhalt verstanden hat.
Taubenblut, Pergament und geweihte Tinte
„Taubenblut auf Schelmenhaut“: Mit dieser Ankündigung wird auch das Material zum Geheimnis. Es genügt offenbar nicht, die Worte auf irgendeinen Zettel zu schreiben. Die Schrift soll auf einem besonderen Stoff stehen und mit einer besonderen Substanz aufgetragen sein.
Das hat eine sehr konkrete Entsprechung in den historischen Anweisungen. Im zweiten Buch des Schlüssels Salomons folgen Kapitel über Schreibfedern, Tinte und Farben, über Tierblut sowie über Papier und Pergament aufeinander. Taubenblut wird ausdrücklich genannt. Das Tintenfaß soll mit heiligen Namen bezeichnet werden; die Tinte wird selbst angesprochen und beschworen. Papier muß neu und ungebraucht sein. Auch dort, wo gewöhnliches Pergament als Ersatz zugelassen wird, bleibt seine rituelle Vorbereitung vorgeschrieben. [2]

Die abgebildeten Messer und Stäbe gehören in dieselbe Vorstellungswelt. Sie tragen Namen und Zeichen; ihre Herstellung und Vorbereitung sollen sie für eine bestimmte Tätigkeit tauglich machen. Ein Kreis, ein Schriftzug, ein Werkzeug und der Körper des Beschwörers bilden in diesen Vorschriften einen Zusammenhang. Reinheit, Gebet, Räucherung und die richtige Reihenfolge der Handlungen sind Bestandteile des Verfahrens.
Auch das Buch selbst wird zum Gegenstand eines Rituals. Ein eigenes Kapitel beschreibt seine Weihe: Es soll Gebete, Engelnamen und Siegel enthalten und wird auf einem weiß gedeckten Tisch bei einer Lampe aufgeschlagen. Der Besitzer kniet davor. Das ist der denkbar große Abstand zu einem Buch, das man nach flüchtigem Durchblättern wieder ins Regal stellt. [2]
Die Ausgabe von 1889 bewahrt dabei eine bemerkenswerte Spannung. Mathers druckt Vorschriften zum Gebrauch von Blut ab, rät in einer Anmerkung aber ausdrücklich davon ab. Schon der Herausgeber liest und bewertet, wählt aus und zieht Grenzen. Ein Grimoire hat eine Geschichte von Lesern, die mit seinen Anweisungen sehr unterschiedlich umgehen.
Warum die Beschwörung Gottes Namen braucht
Gustavs Beschwörung beruft sich „im Namen der Heiligen Dreifaltigkeit“ auf die höchste christliche Autorität und endet mit „Amen“. Zugleich verlangt er, zu Schätzen geführt zu werden: „Es sei Gold oder Silber, Perlen und Edelgestein.“ Das paßt zur Sprache der historischen Bücher. Wer einem Geist befehlen will, beansprucht eine Gewalt, der dieser Geist gehorchen muß. Deshalb häufen die Formeln Gottesnamen und Verweise auf Schöpfung, Engel und heilige Überlieferung.
Adonai, Elohim, Tetragrammaton: Diese im Roman verwendeten Namen begegnen auch in der Clavicula. Adonai ist die hebräische Anrede „Herr“, Elohim eine biblische Gottesbezeichnung; Tetragrammaton bezeichnet den aus vier Buchstaben bestehenden Gottesnamen JHWH. In den Beschwörungen stehen solche Namen neben Psalmen, christlichen Gebetswendungen und Engelnamen. Das Schatzsucherkapitel beginnt sein Gebet mit mehreren dieser Anrufungen. Der Sprecher nennt sich darin einen Diener Gottes und verlangt von den Geistern, bei seinem Vorhaben zu erscheinen. [2]
Der Beschwörer gibt sich somit als Untergebener Gottes und als Befehlshaber der Geister. Gerade daraus entsteht eine schwierige Frage: Dient das eigene Vorhaben tatsächlich der angerufenen höheren Ordnung, oder soll diese nur den eigenen Wunsch durchsetzen?

Der Arbatel, 1575 in Basel gedruckt, stellt diese Frage schon auf seinem Titelblatt. „In omnibus consule Dominum“ – „Befrage in allem den Herrn“. Seine kurzen Lehrsätze, Aphorismen genannt, verbinden den Erwerb geheimer Kenntnisse mit Gottesfurcht und Nächstenliebe. Aphorismus II verlangt, die erlangten Gaben zu Gottes Ehre und zum Nutzen des Nächsten einzusetzen. Aphorismus VIII erklärt sogar, die Kraft liege nicht einfach in der Gestalt eines Zeichens oder im Klang eines Namens, sondern in der von Gott verliehenen Aufgabe und Macht. Die Kenntnis der Formel allein genügt nach dieser Vorstellung gerade nicht. [6]
Die Stelle, an der aus einem Wunsch ein Befehl wird
Gustavs Wunsch nach Reichtum trifft also auf Bücher, die ihm große Versprechen machen und zugleich Ansprüche an ihn stellen. Selbst das Schatzsucherkapitel des Schlüssels Salomons spricht ausdrücklich von Habgier. Die Geister widersetzen sich nach dieser Darstellung den Menschen, weil sie deren Begierde und den möglichen Mißbrauch des Reichtums kennen. Wer ihre Schätze erhalten will, soll sie gut verwenden. [2]
Daß ausgerechnet Gustav solche Schriften begehrt, hat deshalb eine besondere Schärfe. Beim Feilschen beteuert er noch: „Ich schätze die Papiere um ihrer selbst willen.“ Zuvor hat er längst gesagt, worum es ihm geht. Er sucht nach einer Möglichkeit, seinen Willen durchzusetzen, und die Bücher bieten ihm dafür Namen, Zeichen und Befehle an.
Hildas Einwand kommt aus einer anderen Welt: Der Vater hat ihr den Rummel versprochen. Noch ehe ein Geist gerufen ist, hat die Aussicht auf Reichtum ihn dazu gebracht, dieses Versprechen hintanzustellen. Die erste Versuchung braucht weder Schwefel noch eine Erscheinung. Es genügt die Aussicht, ein Buch könne ihm geben, was ihm sonst fehlt.
Quellen und weiterführende Literatur
- Owen Davies: Grimoires: A History of Magic Books. Oxford: Oxford University Press, 2009. Zur Begriffsbestimmung und zum Spektrum der versprochenen Wirkungen: Verlagsbeschreibung und Abstract.
- S. L. MacGregor Mathers (Hrsg. und Übers.): The Key of Solomon the King (Clavicula Salomonis). London: George Redway, 1889. Vorwort, S. v–viii; Einleitung und Ansprache Salomons, S. 1–9; Buch I, Kap. XIV, S. 51–52, und Darstellung der Pentakel, S. 56–60; Buch II, Kap. VIII, S. 83–87, Kap. XIV–XVII, S. 97–102, sowie Kap. XXI, S. 106–107. Digitalisierte Ausgabe der Wellcome Collection; blätterbarer Volltext im Internet Archive. Deutsche Ausgabe: Der Schlüssel von König Salomon (Clavicula Salomonis). Übersetzt und kommentiert von Marcus M. Jungkurth. Berlin: Richard Schikowski, 1985. Textvergleich und Abbildungen hier nach dem historischen englischen Druck von 1889.
- Anna Loewenthal und Sarah Hovde: The Discouerie of Witchcraft in the Vaults. Ausstellung der Folger Shakespeare Library, 31. Oktober 2017, besonders der Eintrag zu Johannes Weyer. Ausstellung und Katalog.
- Johannes Weyer (Ioannes Wierus): De praestigiis daemonum, et incantationibus ac veneficiis libri sex. 5. Ausgabe, mit Liber apologeticus und Pseudomonarchia daemonum. Basel: Ex officina Oporiniana, 1577. Digitalisat der Ausgabe von 1577. Zum Dämonenverzeichnis: Vorrede an den Leser und Astaroth-Eintrag, Nr. 28, in der lateinischen Textwiedergabe bei Joseph H. Peterson, Esoteric Archives.
- Le Grimoire du Pape Honorius, avec un recueil des plus rares secrets. Exemplar der British Library, Signatur 8632.a.3; Titelblatt „Rome, 1760“, im Katalog mit abweichender möglicher Druckort- und Datumsangabe. Herangezogen: fingierte päpstliche Einleitung, S. 3–5, und Katalogangabe zur pseudonymen Autorschaft. Transkription und bibliographische Angaben, Joseph H. Peterson. Die Honorius-Tradition ist im Literaturverzeichnis außerdem über den Johannes Staricius zugeschriebenen Heldenschatz mit Romanusbüchlein und großem Grimoir des Papstes Honorius vertreten.
- Arbatel de magia veterum. Basel: [Peter Perna], 1575. Titelblatt; Aphorismen II, V, VIII und XI. Universitätsbibliothek Basel, Signatur AN VI 37. Digitalisat bei e-rara. Übersetzungen der kurzen lateinischen Wendungen im Artikel ins Deutsche.
Bildnachweise
1. Vier Saturnpentakel, Tafel III, Abb. 14–17. S. L. MacGregor Mathers (1854–1918), Herausgeber und Übersetzer; Zeichner der Tafel nicht gesondert genannt. 1889. The Key of Solomon the King (Clavicula Salomonis). London: George Redway, 1889. Wellcome Collection, London, Digitalisat b24884431. Tafel III, Abb. 14–17; Erläuterungen S. 59–60. Digitalisat, Bild 77. Sammlung, Original und Nutzungsangaben; Digitalisat. Gemeinfrei; die Wellcome Collection kennzeichnet das Digitalisat mit Public Domain Mark. Public Domain Mark 1.0. Originalgetreue digitale Reproduktion; Bildgröße über den IIIF-Dienst auf 1800 Pixel Höhe begrenzt. Kein Beschnitt, keine Retusche.
2. Magische Zeichen und Ritualgeräte, Tafel XIII. S. L. MacGregor Mathers (1854–1918), Herausgeber und Übersetzer; Zeichner der Tafel nicht gesondert genannt. 1889. The Key of Solomon the King (Clavicula Salomonis). London: George Redway, 1889. Wellcome Collection, London, Digitalisat b24884431. Tafel XIII, Abb. 54–69; Gerätebeschreibungen in Buch II, Kap. VIII, S. 83–87. Digitalisat, Bild 123. Sammlung, Original und Nutzungsangaben; Digitalisat. Gemeinfrei; die Wellcome Collection kennzeichnet das Digitalisat mit Public Domain Mark. Public Domain Mark 1.0. Originalgetreue digitale Reproduktion; Bildgröße über den IIIF-Dienst auf 1800 Pixel Höhe begrenzt. Kein Beschnitt, keine Retusche.
3. Titelblatt des Arbatel de magia veterum. Verfasser nicht genannt; Druck: [Peter Perna], Basel. 1575. Universitätsbibliothek Basel, Signatur AN VI 37. Digitalisierung und Bereitstellung: e-rara. Unpaginiertes Titelblatt; Seite 6 des bereitgestellten PDF-Digitalisats. Sammlung, Original und Nutzungsangaben; Digitalisat. Gemeinfrei; e-rara kennzeichnet das Digitalisat mit Public Domain Mark. Public Domain Mark 1.0. Titelblatt aus dem bereitgestellten PDF als Bild gerendert; kein Beschnitt, keine Retusche.
Digitale Quellen und Bildnachweise geprüft am 1. November 2026.