Bücher, Magie und Überlieferung

Der Schlüssel Salomons

Die Texttradition der Clavicula Salomonis und ihre Verwendung im Roman.

„Im hochheiligen Namen Adonai, den Josua anrief und in dessen Beisein er den Lauf der Sonne anhielt!“ Mit diesen Worten beschwört Jehuda die Geister. Die Anrufung hat eine genaue Entsprechung im Schlüssel Salomons. Dort steht sie in einer langen Folge von Gottesnamen und biblischen Wundern. Auch das dreifache „Kadosch“, das der Rabbi anschließend ruft, folgt in der historischen Beschwörung unmittelbar auf Josua und die Sonne.

Die Clavicula Salomonis ist in Teufelshauch also auf mehreren Ebenen gegenwärtig. Sie gehört zu den Schriften in Gustavs Mappe, liefert Namen und Vorstellungen für den Umgang mit der Geisterwelt und wird in einzelnen Formulierungen hörbar. Um diese Spuren zu verstehen, lohnt es sich, das Buch selbst aufzuschlagen. Schon seine Geschichte beginnt mit einem verschlossenen Behältnis, schwer verständlichen Worten und der Frage, wer mit dem Wissen umgehen darf. [1]

Das Wissen in der Elfenbeinschatulle

Clavicula bedeutet „kleiner Schlüssel“. Eine der Einleitungen erklärt das Bild: Wie ein Schlüssel eine Schatzkammer öffnet, soll diese Schrift den Zugang zu den magischen Künsten eröffnen. Salomon spricht darin zu seinem Sohn Rehabeam. Er erzählt, wie ihm ein Engel Weisheit verlieh, und befiehlt, die geheime Unterweisung in einer Elfenbeinschatulle zu bewahren und nach seinem Tod in sein Grab zu legen.

Später entdecken babylonische Philosophen die Schatulle. Sie können das Buch öffnen, verstehen aber seine Worte nicht. Erst nachdem einer von ihnen Gott unter Tränen um Einsicht gebeten hat, erscheint ein Engel und ermöglicht ihm das Verständnis. Das Geheimnis schützt sich in dieser Erzählung durch seine Unverständlichkeit. Besitz allein macht den Finder noch nicht zu einem geeigneten Leser. [1]

Die Vorgeschichte greift Salomons Bitte um Weisheit aus dem ersten Buch der Könige auf. Dort erbittet der junge Herrscher die Fähigkeit, gerecht zu urteilen. Gott gewährt sie ihm gerade deshalb, weil er weder Reichtum noch den Tod seiner Feinde verlangt hat. Die magische Schrift erweitert dieses königliche Wissen zur Kenntnis der verborgenen Kräfte der Welt. [2]

Handschriftlicher Titel Clavicula Salomonis Regis in einem eingeklebten, gelb lavierten Kupferstichrahmen
Ein gedruckter Bildrahmen für einen handgeschriebenen Titel: Clavicula Salomonis Regis, zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts. University of Pennsylvania Libraries, Ms. Codex 1673, Bl. ii recto. Vollständiger Bildnachweis.

Als Herkunftserzählung verschafft das dem Buch einen denkbar hohen Rang: Seine Lehre soll von Gott über einen Engel zum weisen König und von dort zu würdigen Nachfolgern gelangt sein. Die erhaltenen Handschriften führen hingegen in die Schreibstuben des europäischen Mittelalters und der frühen Neuzeit.

Ein Titel wandert durch viele Hände

Um 1446 entstand in Mailand eine italienische Clavicula nach einer lateinischen Vorlage. Bereits ihre Schreiber kommentierten Lücken und versuchten, unklare Stellen zu verbessern. Spätere Fassungen wurden umgeordnet und mit weiteren magischen Anweisungen verbunden. Unter demselben Titel konnte deshalb erheblich Verschiedenes stehen.

Auch die Wege zwischen den Sprachen verliefen in mehrere Richtungen. Ein von Gal Sofer untersuchtes hebräisches Fragment aus dem Italien des 16. Jahrhunderts enthält lateinische und italienische Spuren im Text und in Randbemerkungen. Ein späterer Leser ergänzte weitere Rezepte. Die Handschrift zeigt Übersetzen und Weiterarbeiten auf demselben Blatt. Das paßt zu Sofers Befund, daß solche „Schlüssel“ als allgemeine Hilfsbücher dienen konnten: Sie erklärten die Vorbereitung und Durchführung von Verfahren, deren besondere Rezepte der Leser auch anderswoher bezog. [3]

Wie ein solches Buch als Gegenstand aussehen kann, zeigt die hier abgebildete lateinische Handschrift aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Sie wurde von mindestens zwei Händen geschrieben. Für die Titelblätter verwendete man eingeklebte Stiche aus einem anderen Druck und trug den neuen Titel in die Bildrahmen ein. Auch die 43 Pentakel sind eingeklebt, auf Seiten mit roter oder gelber Lavierung. Inzwischen fehlt ein herausgerissenes Blatt. Das Exemplar hat seine eigene Geschichte von Herstellung, Gebrauch und Beschädigung. [4]

Rundes ausgeschnittenes Pentakel auf einer rot lavierten Manuskriptseite mit der Überschrift Sacra Pentacula
Eines der 43 eingeklebten Pentakel der Handschrift, auf rot laviertem Papier. Die Umrisse des eingesetzten Blattes sind deutlich sichtbar. Ms. Codex 1673, Bl. 38r, zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts. Vollständiger Bildnachweis.

Was Mathers aus den Handschriften machte

1889 erschien in London The Key of Solomon the King, herausgegeben und übersetzt von S. L. MacGregor Mathers. Auf dieser Arbeit beruht die deutsche Ausgabe von 1985, die im Literaturverzeichnis steht: Der Schlüssel von König Salomon, übersetzt und kommentiert von Marcus M. Jungkurth. Die englische Ausgabe läßt sich heute vollständig als historischer Druck lesen.

Mathers stellte seinen Text aus sieben Handschriften des British Museum zusammen. Er beschrieb eine knappe lateinische Fassung, ausführlichere französische Fassungen und eine italienische Sammlung, in der sich verschiedene magische Schriften mischten. Eine weitere französische Handschrift enthielt ähnliches Material, ordnete es aber ganz anders und verzichtete sogar auf die Einteilung in Kapitel.

Der Herausgeber entschied, welche Stücke zu seinem Schlüssel gehörten, veränderte die Anordnung und bearbeitete die hebräischen Namen und Zeichen. Im Vorwort nennt er sogar einen konkreten Eingriff: An einigen Stellen ersetzte er „Alpha und Omega“ durch „Azoth“. Die gedruckte Ausgabe vermittelt deshalb sowohl ältere Überlieferung als auch Mathers’ eigene Vorstellung von ihrer richtigen Gestalt. Seine Überzeugung ging weit: Er sah keinen Grund, an Salomons Autorschaft zu zweifeln. [1]

Zum gleichen Namenskreis gehört der Lemegeton, häufig als Lesser Key of Solomon bezeichnet. Mathers unterscheidet ihn ausdrücklich von dem Werk, das er herausgibt. Der ähnliche Titel darf die Unterschiede nicht verdecken: Wer nach „Salomons Schlüssel“ sucht, kann auf verschiedene Bücher stoßen.

Die Ordnung einer Beschwörung

In Mathers’ Ausgabe bilden zwei Bücher den Hauptteil. Das erste behandelt unter anderem geeignete Zeiten, Gebete, Beschwörungen und verschiedene Vorhaben. Das zweite beschreibt die Vorbereitung des Beschwörers und seiner Helfer, die Kleidung, Geräte, Stoffe und den Ort der Handlung. Eine Anweisung verweist immer wieder auf andere: Was hier benötigt wird, muß dort auf die vorgeschriebene Weise vorbereitet worden sein.

Auch die Arbeit ist verteilt. Ein Schüler trägt das Räuchergerät, ein anderer das Buch und das Schreibzeug; weitere Helfer übernehmen Licht, Psalmen und sonstige Geräte. Der Meister führt Stab und Rute. Der Kreis weist ihnen einen abgegrenzten Platz zu. Gottesnamen und Zeichen werden nach Himmelsrichtungen angeordnet, außerhalb stehen Räuchergefäße. Die Zeichnung dient als räumlicher Plan. [1]

Gedruckte Tafel mit mystischer Figur Salomons, einem Kreis zur Pentakelweihe und einem Beschwörungskreis mit vier Räuchergefäßen
Die Buchseite als räumlicher Plan: oben links die „mystische Figur Salomons“, rechts ein Kreis zur Weihe von Pentakeln, unten der Beschwörungskreis mit Räuchergefäßen. Mathers’ Ausgabe von 1889, Tafel I. Vollständiger Bildnachweis.

Die Gestalt oben links auf der Tafel läßt sich mit dem eingeklebten Pentakel der Handschrift vergleichen: Eine ähnliche Grundfigur erscheint mit anderer Beschriftung und Ausarbeitung. Daneben stehen zwei unterschiedliche Kreise. Der kleinere ist ausdrücklich für die Weihe von Pentakeln bestimmt. Schon diese eine Tafel zeigt, wie eng Schrift, Zeichnung und vorgesehene Handlung zusammengehören.

Ein weiteres Merkmal fällt beim Lesen auf: Die Beschwörung kann gesteigert werden. Auf Gebete und erste Anrufungen folgen eindringlichere Befehle, falls die Geister nicht erscheinen oder sich widersetzen. Schließlich gibt es eine eigene Entlassungsformel. Erst danach verlassen die Teilnehmer den Kreis. Das Buch beansprucht, auch Widerstand, Gefahr und das Ende der Begegnung regeln zu können. [1]

Gustavs Kreis, die hineingeschriebenen Namen und sein befehlender Ton sind aus dieser Vorstellung heraus verständlich. Er behandelt die Geisterwelt als eine Macht, die sich mit einem Verfahren zum Gehorsam bringen läßt. In seiner Formel stehen die entscheidenden Worte: „wie es mein Wille ist“.

Josua, die Sonne und Jehudas Stimme

Besonders genau wird die Verbindung dort, wo Jehuda ruft:

„Ich beschwöre euch alle.“
„Ihr rebellischen Geister!“
„Im hochheiligen Namen Adonai, den Josua anrief und in dessen Beisein er den Lauf der Sonne anhielt!“

Im fünften Kapitel des ersten Buches der Clavicula steht dieselbe Abfolge: die Beschwörung der rebellischen Geister, der Name Adonai Melekh und Josua, der den Lauf der Sonne anhält. Unmittelbar anschließend beruft sich die Formel auf die Engel, die unablässig „Qadosch, Qadosch, Qadosch, Adonai Elohim Tzabaoth“ rufen. Mathers erläutert das mit dem dreifachen Heilig und dem Herrn der Heerscharen. Im Roman nimmt Jehuda auch diese Fortsetzung auf. [1]

Hinter der Anrufung steht die Erzählung aus Josua 10. Während des Kampfes bei Gibeon bleiben Sonne und Mond stehen; der Tag wird verlängert. Der biblische Text hebt hervor, daß Gott auf die Stimme eines Menschen gehört habe. Die Beschwörung verwendet dieses Wunder als Begründung für ihren eigenen Anspruch: Der Name, unter dessen Macht selbst der Sonnenlauf angehalten wurde, soll auch die widerspenstigen Geister zum Gehorsam zwingen. [5]

Jehudas Rede übernimmt damit eine Folge von Begründungen: Gottes Name, das Wunder Josuas, die Heiligkeit der Engel. Jeder weitere Ruf soll dem Befehl mehr Gewicht geben. Der Rabbi spricht, als könne er sich auf dieselbe Gewalt berufen, die einst den Lauf der Sonne anhielt. So wird aus der alten Buchseite eine Stimme im Berliner Hinterhof.

Wer hält den Schlüssel?

Die Einleitung der Clavicula stellt hohe Anforderungen an ihren Leser. Er soll verstehen, sich vorbereiten, schweigen können und das erworbene Wissen richtig gebrauchen. In einer der Fassungen verlangt Salomon von seinem Sohn sogar, das Vermächtnis lieber zu verbrennen, als seine Macht zu bösen Zwecken einzusetzen. [1]

Als die Wahrsagerinnen von den Schriften in Gustavs Mappe sprechen, fassen sie diese Forderung in eine Warnung: „Gefährlich für den Laien, verderblich für den Narren.“ Gustav kann ein Buch erwerben, einen Kreis zeichnen und die Namen aussprechen. Die Weisheit, die Salomon seinem Sohn abverlangt, ist damit noch nicht erworben. Gerade an dieser Stelle wird der verheißungsvolle Titel beunruhigend: Einen Schlüssel zu besitzen und zu wissen, welche Tür man besser geschlossen läßt, sind zwei verschiedene Fähigkeiten.

Quellen und weiterführende Literatur

  1. S. L. MacGregor Mathers (Hrsg. und Übers.): The Key of Solomon the King (Clavicula Salomonis). London: George Redway, 1889. Vorwort, S. v–viii; Einleitungen, S. 1–6; Buch I, Kap. II, S. 14–18, Kap. V, S. 22–25, und Kap. VII, S. 31–38; Tafel I. Digitalisierte Ausgabe der Wellcome Collection; blätterbarer Volltext. Deutsche Ausgabe: Der Schlüssel von König Salomon (Clavicula Salomonis). Übersetzt und kommentiert von Marcus M. Jungkurth. Berlin: Richard Schikowski, 1985. Der historische Textvergleich erfolgt hier anhand des englischen Drucks von 1889.
  2. 1. Könige 3,5–14: Salomons Bitte um Weisheit. Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft.
  3. Gal Sofer: Upon the Magician’s Escritoire: A Recently Discovered Hebrew Clavicula Salomonis. In: Harvard Theological Review 119/2 (2026), S. 325–346. Besonders die Abschnitte „Auxiliary Manuals“ und „Echoes in the Margins“. Frei zugänglicher Forschungsbeitrag.
  4. Clavicula Salomonis Regis: ex idiomate Haebreo versa. Lateinische Handschrift, zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts. University of Pennsylvania Libraries, Kislak Center for Special Collections, Rare Books and Manuscripts, Ms. Codex 1673. Digitalisat und Handschriftenbeschreibung; ausführlicher Katalogeintrag.
  5. Josua 10,12–14: Josua und die stillstehende Sonne. Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft.

Bildnachweise

1. Titelblatt des ersten Buches der Clavicula Salomonis Regis. Schreiber und Zeichner unbekannt. zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts. Clavicula Salomonis Regis: ex idiomate Haebreo versa. University of Pennsylvania Libraries, Kislak Center for Special Collections, Rare Books and Manuscripts, Ms. Codex 1673. Aus der Sammlung Charles Rainsfords, später Alnwick Castle. Blatt ii recto; digitales Bild 5. Eingeklebter Stich aus einem bislang nicht identifizierten Druck mit handschriftlich eingefügtem Titel; Künstler im Katalog nicht bestimmt. Sammlung, Original und Nutzungsangaben; Digitalisat. Gemeinfrei. Die University of Pennsylvania Libraries kennzeichnen ihre Handschriftenbilder bei OPenn als Public Domain; der Einzelkatalog trägt außerdem die Kennzeichnung No Copyright – United States. Freigabe der Sammlung; Public Domain Mark 1.0. Originalgetreue digitale Reproduktion; über den IIIF-Bilddienst auf 1800 Pixel Höhe skaliert. Kein Beschnitt, keine Retusche.

2. Eingeklebtes Pentakel in der Clavicula Salomonis Regis. Schreiber und Zeichner unbekannt. zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts. Clavicula Salomonis Regis: ex idiomate Haebreo versa. University of Pennsylvania Libraries, Kislak Center for Special Collections, Rare Books and Manuscripts, Ms. Codex 1673. Aus der Sammlung Charles Rainsfords, später Alnwick Castle. Blatt 38 recto laut alter Foliierung; im digitalen Manifest: 38r [=39r], Bild 87. Sammlung, Original und Nutzungsangaben; Digitalisat. Gemeinfrei. Die University of Pennsylvania Libraries kennzeichnen ihre Handschriftenbilder bei OPenn als Public Domain; der Einzelkatalog trägt außerdem die Kennzeichnung No Copyright – United States. Freigabe der Sammlung; Public Domain Mark 1.0. Originalgetreue digitale Reproduktion; über den IIIF-Bilddienst auf 1800 Pixel Höhe skaliert. Kein Beschnitt, keine Retusche.

3. Mystische Figur Salomons und magische Kreise, Tafel I. S. L. MacGregor Mathers (1854–1918), Herausgeber und Übersetzer; Zeichner der Tafel nicht gesondert genannt. 1889. The Key of Solomon the King (Clavicula Salomonis). London: George Redway, 1889. Wellcome Collection, London, Digitalisat b24884431. Tafel I, Abb. 1–5, vor dem Titelblatt; digitales Bild 8. Erläuterungen zum Beschwörungskreis: Buch I, Kap. II, S. 15–17; zur Weihe von Pentakeln: Buch I, Kap. VIII, S. 39–40. Sammlung, Original und Nutzungsangaben; Digitalisat. Gemeinfrei; die Wellcome Collection kennzeichnet das Digitalisat mit Public Domain Mark. Freigabe der Sammlung; Public Domain Mark 1.0. Originalgetreue digitale Reproduktion; über den IIIF-Bilddienst auf 1800 Pixel Höhe skaliert. Kein Beschnitt, keine Retusche.

Digitale Quellen und Bildnachweise geprüft am 1. November 2026.