Bücher, Magie und Überlieferung
Agrippa, Honorius und die Autorität magischer Bücher
Wie Namen und Zuschreibungen den Schriften Gewicht verleihen.
Hilda hält die Sache mit dem Vermögen ihres Vaters für ziemlich durchsichtig: „Aber im Ernst, sein Geld hat er mit windigen Börsengeschäften gemacht.“ Die alte Wahrsagerin widerspricht. Sie beruft sich auf das, was Gustav im Kellerantiquariat erworben hat, und nennt ihre Gewährsmänner:
„Die Kunst des Agrippa von Nettesheim. Die Beschwörungen des Honorius, Clavicula Salomonis, Arbatel de magia veterum“
In der Hasenhaide fallen Namen, deren Geschichte weit hinter die Berliner Jahrhundertwende zurückreicht. Agrippa steht für die gelehrte Magie der Renaissance, Honorius für eine angeblich päpstliche Vollmacht über die Geister. Wer ihre Namen auf ein Buch setzt, verspricht seinem Leser Zugang zu einem Wissen, das gewöhnlichen Menschen verschlossen bleibt. Doch zwischen einem Verfasser und dem, was später unter seinem Namen verbreitet wird, können beträchtliche Unterschiede liegen.
Agrippa: Die verborgenen Kräfte einer geordneten Welt
Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim lebte von 1486 bis 1535. Er war ein streitbarer Humanist, der als Arzt, Rechtsbeistand und im Dienst von Fürsten arbeitete. Sein großes Werk De occulta philosophia erschien 1533 in drei Büchern. Darin versucht er, Magie als umfassende Kenntnis der Schöpfung zu begründen: Wer die Zusammenhänge zwischen den Dingen versteht, soll auch ihre verborgenen Kräfte nutzen können. [1] [2]
Die drei Bücher entsprechen drei Bereichen der Welt. Das erste behandelt die Natur: Elemente, Steine, Pflanzen und Tiere, ihre Eigenschaften und ihre Beziehungen zu den Gestirnen. Das zweite führt zu Zahlen, Proportionen und den Kräften des Himmels. Das dritte handelt von Religion, göttlichen Namen, Engeln und zeremonieller Magie. Jede niedrigere Welt empfängt Einflüsse aus der höheren; am Ursprung aller Kräfte steht Gott. Der Magier soll diese Verbindungen erkennen und durch sein Wissen wirksam werden lassen. [1]

Schon das Titelblatt zeigt, mit welchem Anspruch das Werk auftritt. Agrippas Name steht groß über seinem Porträt; seine Verbindung zur kaiserlichen Majestät wird eigens hervorgehoben. Unter dem Bild folgt ein Satz aus dem Matthäusevangelium: Nichts sei verhüllt, das nicht enthüllt, und nichts verborgen, das nicht erkannt werde. Die Erforschung des Verborgenen erhält damit ein biblisches Motto. Ganz unten steht der Hinweis auf ein kaiserliches Druckprivileg. Bildnis, Bibelwort und Privileg geben dem Buch das Gesicht eines gelehrten Unternehmens. [1]
Diese Gelehrsamkeit erklärt, weshalb „Agrippa“ später so viel Gewicht bekommen konnte. Sein Werk bot eine weit ausgreifende Ordnung für Dinge, die sonst wie vereinzelte Wundermittel erschienen. Mit seinem Namen ließ sich der Anspruch verbinden, hinter einer Beschwörung stehe eine ganze Wissenschaft.
Das vierte Buch: Ein anderer spricht mit Agrippas Stimme
1559 erschien ein Liber quartus de occulta philosophia, ein „viertes Buch der verborgenen Philosophie“. Agrippa war seit vierundzwanzig Jahren tot. Das Titelblatt nennt ihn dennoch als Verfasser. Heute wird die Schrift als Pseudo-Agrippa bezeichnet: ein Text, der sich einen fremden Autorennamen aneignet. Schon Johann Weyer, der Agrippa persönlich gekannt hatte, wies die Zuschreibung zurück. Derselbe Weyer begegnet auch in Gustavs Antiquariatsbesuch mit seinem Buch De praestigiis daemonum. [3]
Besonders aufschlussreich ist der Anfang des vierten Buches. „In libris nostris“ heißt es dort: „In unseren Büchern“. Der unbekannte Verfasser spricht, als habe er selbst die drei früheren Bücher geschrieben. Dort, erklärt er, sei vieles theoretisch, unvollständig oder in Rätseln dargestellt worden. Jetzt liefere er die Ergänzung und den Schlüssel dazu. Das neue Buch verspricht also gerade das, was ein ungeduldiger Leser nach der umfangreichen Lehre vermissen könnte: die Anwendung. [3]

Es folgen Ausführungen über Geisternamen und ihre Zeichen, über die Weihe magischer Gegenstände, Beschwörungen und das Entlassen der gerufenen Wesen. Zugleich fordert die Einleitung Verschwiegenheit. Wer das Buch besitzt, soll sich als Empfänger eines Geheimnisses verstehen. Die behauptete Autorschaft, das Versprechen praktischer Macht und das Gebot, darüber zu schweigen, stützen einander. [3]
Die Wahrsagerin nennt keinen bestimmten Agrippa-Titel. Sie sagt „die Kunst des Agrippa“ und lässt damit den ganzen Ruf des Namens für sich sprechen. Ihre anschließende Warnung – „Gefährlich für den Laien, verderblich für den Narren“ – gehört zu derselben Vorstellung von Wissen, das seinen Besitzer auszeichnet und zugleich bedroht.
Honorius: Die Schlüssel des Himmels als Vollmacht über die Hölle
Beim Grimoire du Pape Honorius tritt das höchste kirchliche Amt als Bürge auf. Der Text legt Papst Honorius III. eine Erklärung in den Mund, die beansprucht, Geistliche zum Herbeirufen und Beherrschen von Geistern zu ermächtigen. Sie beginnt mit den Schlüsseln des Himmelreichs, die Christus Petrus anvertraut habe. Aus dieser Schlüsselgewalt leitet das Buch eine Herrschaft über die Mächte der Finsternis ab. [4]
Die fingierte päpstliche Bulle übernimmt den feierlichen Ton einer kirchlichen Urkunde. Honorius nennt sich „Diener der Diener Gottes“ und richtet sich an Kardinäle, Bischöfe, Äbte und die weiteren Ränge des Klerus. Bisher, behauptet der Text, hätten allein die Päpste diese Macht besessen; nun werde sie weitergegeben. Das Buch stellt die Beschwörung damit als übertragene Amtsgewalt dar. [4]
Auch die vorgeschriebenen Vorbereitungen bedienen sich vertrauter religiöser Formen: Fasten, Beichte, Kommunion, Messen, Psalmen und Litaneien. Das Grimoire fügt sie in ein Verfahren ein, das Geister zum Gehorsam bringen soll. Seine angebliche päpstliche Erlaubnis ist Teil dieser Konstruktion. Sie soll den Anwender glauben lassen, er handle mit einer Vollmacht, vor der selbst Dämonen weichen müssen. [4]

„Rom 1760“: Auch ein Druckort erzählt eine Geschichte
Auf dem abgebildeten Honorius-Titelblatt steht „A Rome (1760)“. Die Wellcome Collection verzeichnet das Exemplar hingegen als vermutlich um 1850 bei Offray in Avignon gedruckt. Der Unterschied gehört zur Geschichte solcher Bücher. Rom verbindet die Schrift mit dem Sitz des Papstes; die ältere Jahreszahl lässt sie als länger überliefertes Geheimwissen erscheinen. Der Titel verspricht außerdem eine Sammlung der seltensten Geheimnisse. Noch bevor die erste Beschwörung beginnt, wird eine Herkunft behauptet, die Vertrauen schaffen soll. [5]
Solche Angaben waren bei magischen Gebrauchsbüchern verbreitet. Berühmte Verfasser, entfernte Druckorte und weit zurückliegende Jahreszahlen konnten gemeinsam eine ehrwürdige Vergangenheit erzeugen. Stephan Bachter beschreibt in seiner Untersuchung zur Verbreitung von Zauberbüchern sogar Handschriften, deren Kopisten fingierte Druckvermerke aus ihren Vorlagen mitübernahmen. Eine abgeschriebene Herkunftsangabe konnte so weiterwirken, lange nachdem das Buch erneut den Besitzer gewechselt hatte. [6]
Ägypten, Klosterhandschrift und Papstname in einem Band
Auch der Heldenschatz, der zu den Quellen von Teufelshauch gehört, wirbt mit einer ganzen Reihe solcher Herkunftsversprechen. Die unter Johannes Staricius’ Namen verbreitete Ausgabe nennt sich Geheimnißvoller Heldenschatz oder der vollständige egyptische Magische Schild. Sie beruft sich auf die Pergamenthandschrift einer alten Klosterbibliothek und kündigt als Anhänge das Romanusbüchlein und den großen Grimoir des Papstes Honorius an. [7]
In wenigen Zeilen kommen die Ferne Ägyptens, das Alter des Pergaments, die verschlossene Klosterbibliothek und die Würde des Papstnamens zusammen. Wer den Band aufschlägt, soll sich als Nutznießer einer langen, bislang verborgenen Überlieferung fühlen. Dass die Bestandteile gemeinsam gebunden werden, lässt ihre Ansprüche zudem nebeneinanderstehen: Ein berühmter Name beglaubigt den nächsten.
In der Hasenhaide genügt dafür die Stimme der alten Wahrsagerin. Sie zählt Agrippa, Honorius, Salomon und den Arbatel auf und erklärt, zwischen all dem Tand habe sich etwas Wirksames befunden. Hilda hat eben noch von Börsengeschäften gesprochen. Nun steht die Behauptung im Raum, ihr Vater habe ein Wissen benutzt, vor dessen Anwendung die Bücher selbst warnen. Welche Erklärung trägt, entscheidet kein ehrwürdiger Name auf einem Titelblatt.
Quellen und weiterführende Literatur
- Heinrich Cornelius Agrippa: De occulta philosophia libri tres. Köln: Johannes Soter, 1533. Titelblatt; zur dreifachen Welt insbesondere Buch I, Kapitel 1–2. Originaldruck, Stiftung der Werke von C.G. Jung, über e-rara; historische englische Übersetzung von 1651, Transkription bei Joseph H. Peterson.
- Vittoria Perrone Compagni: Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim. Stanford Encyclopedia of Philosophy, überarbeitet am 28. März 2025, besonders Abschnitte 1 und 5. Beitrag lesen.
- Pseudo-Agrippa: Liber quartus de occulta philosophia, seu de cerimoniis magicis. Marburg, 1559. Titelblatt und Einleitung, S. 3–4. Originaldruck, Bayerische Staatsbibliothek; lateinischer Text und historische englische Übersetzung von Robert Turner, mit Einführung zur Zuschreibung von Joseph H. Peterson.
- Pseudo-Honorius: Grimoire du Pape Honorius, avec un recueil des plus rares secrets. Mit der Titelblattangabe „A Rome (1760)“. Abschnitt „Constitutions du pape Honorius le Grand“, S. 3–15. Französischer Text nach dem Exemplar der British Library, Signatur 8632.a.3, transkribiert von Joseph H. Peterson. Die deutschen Wiedergaben im Beitrag sind eigene Übersetzungen.
- Grimoire du Pape Honorius … A Rome 1760. Exemplar der Wellcome Collection, Signatur EPB/A/29303. Katalogansatz: [Avignon]: [Offray, Snr], [1850?]. Katalog und Digitalisat.
- Stephan Bachter: Anleitung zum Aberglauben. Zauberbücher und die Verbreitung magischen „Wissens“ seit dem 18. Jahrhundert. Dissertation, Universität Hamburg, 2005, besonders S. 33–34. Volltext über die Deutsche Digitale Bibliothek.
- Johannes Staricius (zugeschrieben): Heldenschatz, oder der vollständige egyptische Magische Schild, mit Romanusbüchlein und großem Grimoir des Papstes Honorius. Titelblattangabe Köln/Weimar, 1750. Zum ausführlichen Titel und zu den Anhängen: Versandantiquariat Hans-Jürgen Lange, Katalog 18, Nr. 522, S. 138; dort wird das beschriebene Exemplar Stuttgart, Scheible, um 1850 zugeordnet. Bibliografische Beschreibung.
Bildnachweise
1. Agrippa und die drei Bücher der verborgenen Philosophie. Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim (1486–1535), Verfasser; Porträt-Holzschneider nicht genannt. Druck: Johannes Soter, Köln. 1533. De occulta philosophia libri tres. Stiftung der Werke von C.G. Jung, Zürich. Digitalisierung und Bereitstellung: e-rara. Titelblatt, unpaginiert; Digitalisat-Seite 5, Bildkennung 1343199. Bibliografischer Nachweis VD16 ZV 269. Sammlung, Original und Nutzungsangaben; Digitalisat. Gemeinfrei; das bereitstellende Digitalisat ist mit Public Domain Mark ausgewiesen. Freigabe der Sammlung; Public Domain Mark 1.0. Originalgetreue digitale Reproduktion; über den Bilddienst auf 2000 Pixel Breite skaliert. Kein Beschnitt und keine Retusche.
2. Das Agrippa zugeschriebene vierte Buch. Unbekannter Verfasser (Pseudo-Agrippa); auf dem Titelblatt Heinrich Cornelius Agrippa zugeschrieben. Drucker nicht genannt. 1559. Liber quartus de occulta philosophia, seu de cerimoniis magicis. Marburg. Bayerische Staatsbibliothek, München, Signatur Res/Phys.m. 224#Beibd.4. Digitalisierung: Münchener DigitalisierungsZentrum. Titelblatt, unpaginiert, Scan 1. Digitale Kennung bsb00080748; VD16 A 1185; URN urn:nbn:de:bvb:12-bsb00080748-3. Sammlung, Original und Nutzungsangaben; Digitalisat. Gemeinfrei; das bereitstellende Digitalisat ist mit Public Domain Mark ausgewiesen. Freigabe der Sammlung; Public Domain Mark 1.0. Originalgetreue digitale Reproduktion; kein Beschnitt, keine Retusche, keine inhaltliche Veränderung.
3. Grimoire du Pape Honorius mit fingiertem Druckvermerk. Unbekannter Verfasser (Pseudo-Honorius); Papst Honorius III. zugeschrieben. Druck nach Katalog: [Offray, Snr], [Avignon]; Zeichner und Kolorist nicht genannt. Vermutlich um 1850; auf dem Titelblatt: „A Rome (1760)“. Grimoire du Pape Honorius, avec un recueil des plus rares secrets. Wellcome Collection, London, Signatur EPB/A/29303. Titelblatt, Scan 7 von 140, Bildkennung b33028308_0007.jp2. Sammlung, Original und Nutzungsangaben; Digitalisat. Gemeinfrei; das bereitstellende Digitalisat ist mit Public Domain Mark ausgewiesen. Freigabe der Sammlung; Public Domain Mark 1.0. Originalgetreue digitale Reproduktion; kein Beschnitt, keine Retusche, keine inhaltliche Veränderung.
Digitale Quellen und Bildnachweise geprüft am 1. November 2026.