Bücher, Magie und Überlieferung
Arbatel und die sieben Planetengeister
Das Weltbild der Schrift und die Bedeutung von Zahlen, Zeiten und Herrschaftswechseln.
Im Jahr 1900 endet eine Herrschaft, die fast ein halbes Jahrtausend gedauert hat. Hagith tritt ab, Ophiel übernimmt. So erklärt Rabbi Jehuda Hilda die Weltgeschichte. Es ist das Jahr, in dem ihre eigene Geschichte beginnt.
Die Rechnung führt zu einem schmalen lateinischen Buch, das 1575 in Basel erschien: Arbatel de magia veterum, „Über die Magie der Alten“. Im Antiquariat begegnet es Hilda zusammen mit dem Schlüssel Salomons. Später entfaltet Jehuda aus seinen wenigen Zeilen über die Planetengeister eine ganze Geschichtslehre. Und tatsächlich steht im alten Druck, auf Seite 25:
„Abhinc HAGITH regnat ad 1900 usque.“
Von da an regiert Hagith bis zum Jahr 1900.
Für den Verfasser lag dieser Wechsel noch mehr als drei Jahrhunderte in der Zukunft. Für Hilda gehört er zur eigenen Lebenszeit. [1]
Eine Welt mit sieben Verwaltern
Der Himmel dieser Schrift ist bevölkert und geordnet. Gott hat den Geistern bestimmte Ämter zugewiesen; ihre Kräfte wirken in den Gestirnen, den Elementen und den Dingen der Erde. Die sieben „olympischen“ Geister wohnen nach Aphorismus 15 im Firmament und seinen Sternen. Sie verwalten Schicksale, soweit Gott es ihnen gestattet. Über ihnen bleibt der Schöpfer, von dessen Erlaubnis jede ihrer Handlungen abhängt.
Dazu gehören die sieben Planeten der älteren Astronomie: Saturn, Jupiter, Mars, Sonne, Venus, Merkur und Mond. Sonne und Mond zählen hier zu den Wandelsternen. In der überlieferten Sphärenordnung liegen ihre Bahnen zwischen der Erde und dem Fixsternhimmel. Wer die Reihe vom äußeren Saturn nach innen zum Mond liest, erhält genau die Reihenfolge der sieben Geister im Arbatel. [1] [3]

Die religiöse Sprache des Buches ist ausdrücklich christlich. Seine Einleitung bittet den Schöpfer durch Jesus Christus um die Offenbarung erlaubter Geheimnisse. Der Magier soll fromm, besonnen und verlässlich sein; seine Kenntnisse sollen auch dem Nächsten zugutekommen. Bei Jehuda treffen diese Vorstellungen auf andere Überlieferungen. Bevor er von den Planetengeistern spricht, beruft er sich auf Philo und führt Hilda durch die Mysterien der Ägypter, Griechen und Römer. Sein gelehrter Vortrag überschreitet mühelos die Grenzen zwischen den Religionen.
Was die sieben Geister versprechen
Aphorismus 17 beschreibt die Zuständigkeiten der einzelnen Herrscher. Die Wünsche, auf die diese Versprechen zielen, sind sehr irdisch: Gesundheit, Schönheit, Reichtum, Wissen und Ansehen. Jedem Geist ist ein eigenes Zeichen beigegeben, im Lateinischen character genannt. [1]
| Geist | Planet | Zugeschriebene Gaben und Kräfte |
|---|---|---|
| Aratron | Saturn | Versteinerung, Verwandlung von Kohle in Schätze, Unterweisung in Alchemie und Naturkunde. |
| Bethor | Jupiter | Hohe Würden, Schätze, hilfreiche Geister und wirksame Arzneien. |
| Phaleg | Mars | Hoher Rang im Kriegswesen. Der Text nennt ihn zugleich pacis princeps, „Fürst des Friedens“. |
| Och | Sonne | Weisheit, Heilkunst, Gold und ein Leben von sechshundert Jahren in Gesundheit. |
| Hagith | Venus | Schönheit, treue Geisterdiener und die Verwandlung von Kupfer in Gold und zurück. |
| Ophiel | Merkur | Unterweisung in allen Künsten und die Verwandlung von Quecksilber in den Stein der Weisen. |
| Phul | Mond | Verwandlung von Metallen in Silber, Wassergeister, Heilung und langes Leben. |
Vor seiner Lektion erklärt Jehuda, man müsse „die Mechanismen der Natur verstehen“. Der Arbatel liefert dafür ein anschauliches Beispiel. Och lässt Gold auf drei Wegen entstehen: langsam im Berg, schneller durch die alchemische Kunst und augenblicklich durch Magie. Der Unterschied liegt in der Zeit und in der Art des Eingriffs. Für den Text gehören alle drei Vorgänge zur Wirksamkeit desselben Sonnengeistes. An diesem Gedanken setzt Jehudas Vorstellung an, ein Eingeweihter könne das vermeintliche Wunder als einen durchschaubaren Vorgang begreifen. [1]

Sieben mal sieben
Die Zahl Sieben bestimmt schon den Aufbau des Buches. Die 49 Aphorismen sind in sieben Gruppen zu je sieben Lehrsätzen angeordnet. Das Vorwort entwirft sogar ein Programm von neun Büchern, jedes wiederum mit sieben mal sieben Aphorismen. Der Basler Band enthält die Isagoge, die Einführung in dieses weit gespannte Vorhaben.
Auch die unsichtbare Verwaltung wird gezählt. Unter Aratron stehen 49 Könige, 42 Fürsten, 35 Satrapen, 28 Herzöge, 21 Diener, 14 Vertraute und sieben Boten. Die Stufen sinken jeweils um sieben. Eine seiner Legionen umfasst 490 Geister. Dieselbe Zahl misst die Regierungsdauer der Planetengeister: 490 Jahre, also zehnmal sieben mal sieben. Zahl, Rang und Zeit greifen ineinander. [1]
Eine verwandte Form, Geschichte in Siebenergruppen zu denken, begegnet in der Bibel. Daniel 9 spricht von siebzig Jahrwochen: siebzigmal sieben Jahren bis zur Sühne der Schuld und zur verheißenen Gerechtigkeit. Das ergibt ebenfalls 490. Im Arbatel erhält diese Zahl die Gestalt einer wiederkehrenden Amtszeit. Die Parallele macht verständlich, weshalb solche Zeiträume mehr bedeuten konnten als eine bloße Menge verstrichener Jahre: Sie gaben dem Verlauf der Geschichte eine heilsgeschichtliche Ordnung. [4]
Vom richtigen Augenblick zur großen Weltzeit
Die langen Amtszeiten sind nur eine Ebene der Zeitordnung. Daneben besitzen die Geister ihre Tage und Stunden. Aratron, der Saturngeist, erscheint nach Aphorismus 16 am Samstag in der ersten Tagesstunde. Aphorismus 21 setzt beim Sonnenaufgang an. Das Gebet des Magiers erbittet die Unterweisung eines Geistes; anschließend soll dieser friedlich entlassen werden. Selbst für die Dauer des Gesprächs gibt es ein Maß: Ohne besondere Vertrautheit soll man den Geist nicht länger als eine Stunde beanspruchen.
Ein Planetengeist tritt deshalb nicht für Jahrhunderte außer Dienst, sobald ein anderer die Weltherrschaft übernimmt. Seine besonderen Aufgaben und Zeiten bleiben Teil der Ordnung. Die 490 Jahre bezeichnen den übergeordneten Regierungsabschnitt. Aphorismus 16 nennt dafür diese Folge: [1] [2]
| Herrscher | Zeitangabe der Schrift |
|---|---|
| Bethor | 60 vor Christi Geburt bis 430 |
| Phaleg | 430 bis 920 |
| Och | 920 bis 1410 |
| Hagith | 1410 bis 1900 |
Hier endet die ausdrücklich datierte Folge des alten Drucks. Ophiel steht in der Reihe der sieben Namen bereits als Hagiths Nachfolger bereit. Jehuda zieht die Konsequenz und nennt seinen Regierungsantritt. Damit erreicht die alte Zeitrechnung das Berlin der Jahrhundertwende.

Die gefährliche Lücke
Jehuda erzählt die himmlische Verwaltung mit erstaunlich irdischen Worten: „Administration“, „Amtszeit“, „Regierungsgeschäfte“. Sein Schöpfer ist der Welt bald überdrüssig geworden und hat Aufgaben delegiert. Die Vorstellung hat etwas Komisches, bis der Rabbi erklärt, was bei einer Übergabe geschehen kann:
„Bei einem Herrschaftswechsel entsteht ein Interregnum. Diese Lücke nutzt das Böse, um in die Welt zu gelangen und den Ewigen vor dem Ende der Zeit zu stürzen.“
Ein Interregnum ist eine Zwischenherrschaft: Die bisherige Gewalt ist erloschen, die Nachfolge noch nicht gesichert. Jehuda überträgt diese politische Gefahr auf den Himmel. Im Arbatel bleibt auch während der Regierung der Planetengeister jede Macht von Gott abhängig. In Jehudas Geschichtsrede wird die Übergabe selbst zur verwundbaren Stelle.
Nun bevölkert er die Jahreszahlen mit historischen Gestalten. Unter Bethor erscheinen Crassus, Pompejus und Caesar als Werkzeuge des Widersachers. Der Wechsel zu Phaleg fällt in seiner Erzählung mit Augustins Tod während der Vandalenbelagerung zusammen. An die Schwelle von 1410 setzt er die Niederlage des Deutschen Ordens bei Tannenberg. Aus der knappen Folge der Herrscher entsteht ein Kampf um Reiche und Seelen, den er immer wieder auf dieselbe Formel bringt: „Kraft und Gegenkraft.“
Auch die Aussicht auf das Weltende gewinnt dadurch eine andere Schärfe. Jehuda spricht von sieben Amtszeiten, nach denen das Ende eingeläutet werde – und von Ereignissen, die es vorzeitig heraufbeschwören können. Die Ordnung lässt sich zählen; sicher ist sie deshalb nicht. Der Rabbi behauptet zu wissen, an welchen Stellen sie angegriffen werden kann.
So führt die Jahreszahl 1900 vom alten Buch in Hildas Gegenwart. Der Arbatel liefert Namen, Ämter und Fristen. Jehuda macht daraus eine Warnung. Am Horizont steht der August 1914, und mit ihm die Frage, wer die Macht über das kommende Ende gewinnt.
Quellen und weiterführende Literatur
- Arbatel de magia veterum. Basel: [Peter Perna], 1575. Universitätsbibliothek Basel, AN VI 37. Einleitung, S. 3–8; Aphorismen 2, 8, 15–21, besonders Aphorismus 16, S. 23–25, und Aphorismus 17, S. 25–34. Vollständiges Digitalisat bei e-rara. Das lateinische Zitat wurde für diesen Beitrag übersetzt.
- Joseph H. Peterson (Hrsg.): Arbatel De magia veterum / Arbatel of Magic. Lateinischer Text von 1575 mit Robert Turners englischer Übersetzung von 1655. Paralleltext bei Esoteric Archives.
- Peter Apian: Cosmographicus liber Petri Apiani mathematici studiose collectus. Landshut: Johann Weißenburger, auf Kosten Peter Apians, 1524. Erste Abteilung, gedruckte Zählung 5–6: Beschreibung der äußeren Himmel und Schema der Sphären. Smithsonian Libraries and Archives, Exemplar 39088001925148, Schenkung Dibner. Sammlungseintrag; Digitalisat der Sphärendarstellung.
- Daniel 9,24–27, Zürcher Bibel. Zum Vergleich mit der biblischen Zeitordnung in siebzig Jahrwochen.
Bildnachweise
1. Die Sphären des geozentrischen Kosmos. Peter Apian (1495–1552), Verfasser; Holzschneider nicht genannt. Druck: Johann Weißenburger, Landshut, auf Kosten Peter Apians. 1524. Cosmographicus liber Petri Apiani mathematici studiose collectus. Smithsonian Libraries and Archives, Exemplar 39088001925148, Schenkung Dibner. Digitalisat über Internet Archive. Erste Abteilung, gedruckt „Fol. 6“; Scan-Blatt 18. Internet-Archive-Kennung Cosmographicusl00Apia; DOI 10.5479/sil.67050.39088001925148. Sammlung, Original und Nutzungsangaben; Digitalisat. Gemeinfrei. Die Smithsonian Libraries and Archives stellen das Digitalisat unter CC0 1.0 bereit; im Internet Archive ist es als „Not in copyright“ verzeichnet. Freigabe der Sammlung; CC0 1.0. Originalgetreue digitale Reproduktion; über den IIIF-Bilddienst auf 1400 Pixel Breite skaliert. Kein Beschnitt, keine Retusche.
2. Die Zeichen von Hagith und Ophiel. Verfasser und Zeichner nicht genannt; Druck: [Peter Perna], Basel. 1575. Arbatel de magia veterum. Universitätsbibliothek Basel, Signatur AN VI 37. Digitalisierung und Bereitstellung: e-rara. Aphorismus 17, gedruckte S. 30; Seite 35 des bereitgestellten PDF-Digitalisats. Oben das Zeichen Hagiths, dessen Beschreibung auf S. 29 beginnt; unten das Zeichen Ophiels. Sammlung, Original und Nutzungsangaben; Digitalisat. Gemeinfrei; e-rara kennzeichnet das Digitalisat mit Public Domain Mark. Freigabe der Sammlung; Public Domain Mark 1.0. Originalgetreues Seitenbild aus dem bereitgestellten PDF extrahiert; kein Beschnitt, keine Retusche, keine inhaltliche Veränderung.
3. Die Regierungszeiten der Planetengeister bis 1900. Verfasser und Zeichner nicht genannt; Druck: [Peter Perna], Basel. 1575. Arbatel de magia veterum. Universitätsbibliothek Basel, Signatur AN VI 37. Digitalisierung und Bereitstellung: e-rara. Schluss von Aphorismus 16 und Anfang von Aphorismus 17, gedruckte S. 25; Seite 30 des bereitgestellten PDF-Digitalisats. Sammlung, Original und Nutzungsangaben; Digitalisat. Gemeinfrei; e-rara kennzeichnet das Digitalisat mit Public Domain Mark. Freigabe der Sammlung; Public Domain Mark 1.0. Originalgetreues Seitenbild aus dem bereitgestellten PDF extrahiert; kein Beschnitt, keine Retusche, keine inhaltliche Veränderung.
Digitale Quellen und Bildnachweise geprüft am 1. November 2026.