Schauplätze · Lustgarten

Die Granitschale im Lustgarten

Vom preußischen Weltwunder zu den sieben Schalen des Zorns

Die Berliner „Suppenschüssel“ ist 6,91 Meter breit und wiegt rund 75 Tonnen. Sie besteht aus einem einzigen Granitblock und steht vor der Freitreppe des Alten Museums. Ein preußischer König gab sie in Auftrag, ein Steinmetz wollte mit ihr die Antike übertreffen. In Teufelshauch gehört sie zu den sieben Schalen des Zorns. Maße und Material, Berliner Beiname.

Hummels Gemälde zeigt die glänzende Granitschale mit gespiegelten Besuchern; im Hintergrund stehen Dom und Schloss.
Johann Erdmann Hummel: Die Granitschale im Berliner Lustgarten, 1831. Die polierte Außenwand spiegelt die Besucher und die Umgebung.Alte Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin. Reproduktion: Google Arts & Culture / Wikimedia Commons. Bildquelle · Gemeinfrei – Public Domain Mark 1.0.

Größer als die Antike

1826 bestellte Friedrich Wilhelm III. beim Berliner Steinmetzen Christian Cantian eine große Granitschale. Cantian hatte bereits eine für den Herzog von Devonshire gefertigt. Das preußische Gegenstück sollte sie übertreffen. Der Steinmetz versprach sogar ein Werk, das größer und prächtiger ausfallen würde als die mit Nero in Verbindung gebrachte Porphyrschale in Rom. Landesdenkmalamt Berlin, Staatliche Museen zu Berlin.

Karl Friedrich Schinkel plante zunächst, die Schale in der Rotunde seines neuen Museums aufzustellen. Auch das römische Vorbild stand in einer Rotunde, in den Vatikanischen Museen. Doch der Findling, den Cantian für das Berliner Werk auswählte, gab mehr her als ursprünglich vorgesehen. Die Schale wuchs über die geplanten Maße hinaus. Schließlich setzte sich Schinkel dafür ein, sie vor die Freitreppe zu stellen. Bildhauerei in Berlin.

Mit ihren sieben Metern Durchmesser gab sie ein beredtes Zeugnis vaterländischer Gigantomanie ab.

Teufelshauch, Kapitel 12

Vom Findling zum Weltwunder

Der Stein lag in den Rauenschen Bergen bei Fürstenwalde. Den Großen Markgrafenstein hatte das Inlandeis aus Südschweden nach Brandenburg gebracht; sein Granit war schon damals uralt. Er entstand vor etwa 1,42 Milliarden Jahren. Große rosafarbene Feldspäte, durchscheinender Quarz und schwarzer Glimmer bilden das Muster, das später unter der Politur hervortreten sollte.

Im Mai 1827 begannen die Arbeiten. Der Findling wurde gespalten und der Rohling vor Ort ausgemeißelt. Auf Kiefernstämmen bewegte man die schwere Fracht zum Wasserweg, wo ein eigens angefertigter Kahn sie aufnahm. Gerda Schirrmeister: Herkunft und Herstellung.

Am 6. November 1828 erreichte sie Berlin. Hinter dem Packhof, nördlich des Museums, ging die Arbeit weiter. Eine Dampfmaschine mit zehn Pferdestärken trieb die Schleifarbeiten an. Zweieinhalb Jahre beanspruchten Schliff und Politur. Antike Form und moderne Maschinentechnik kamen hier zusammen; die Schale wurde als „Biedermeierweltwunder“ bekannt. Landesdenkmalamt Berlin.

1831 stand sie auf einem provisorischen Sockel im Lustgarten. Am 10. November 1834 folgte die offizielle Übergabe auf ihrem dreiteiligen Unterbau. Bildhauerei in Berlin.

Schwarzweiße Reproduktion eines Gemäldes: Arbeiter richten die Granitschale mit Seilen in einem großen hölzernen Hebegerüst auf.
Johann Erdmann Hummel: Aufrichtung der Granitschale im Packhof zu Berlin, 1831. Das Hebegerüst zeigt den Aufwand, den bereits das Wenden des Gefäßes erforderte.Reproduktion: Bildindex der Kunst und Architektur / Wikimedia Commons. Bildquelle · Gemeinfrei – Public Domain Mark 1.0.

Die Schale und die Stadt

Wie sehr der Stein damals glänzte, zeigt Johann Erdmann Hummels Gemälde von 1831. Die gewölbte Außenwand spiegelt die Umgebung. Kleine Besucher stehen kopfüber im Granit, während die Schale aus dem tief gewählten Blickwinkel über Dom und Schloss hinauszuwachsen scheint. Hummel malte auch die Schleifarbeiten und das Aufrichten des Gefäßes. 1832 stellte er den dreiteiligen Zyklus auf der Berliner Kunstausstellung vor. Staatliche Museen zu Berlin.

Um 1900 sah die Umgebung bereits anders aus. Seit 1871 stand im Lustgarten das Reiterdenkmal Friedrich Wilhelms III. Der Auftraggeber der Schale war nun selbst als Monument auf dem Platz vertreten. Zwischen Museum, Dom und Schloss lag ein öffentlicher Raum, in dem königliche Kunstförderung, Kirche und Herrscherhaus unmittelbar aufeinandertrafen. Berlin-Lexikon: Lustgarten, Landesdenkmalamt Berlin.

Historische Schwarzweißaufnahme der Granitschale, umgeben von Besuchern und Bänken; dahinter Lustgarten und Berliner Stadtschloss.
Berlin, Lustgarten mit Granitschale, Stadtschloss, ca. 1900–1915. Die Datierung folgt dem Vermerk auf dem Archivabzug.Bundesarchiv, Bild 146-1998-014-20A / Hoffmann, Herbert / CC-BY-SA 3.0. Unverändert übernommen. Bildquelle · CC BY-SA 3.0 DE.

Am 1. August 1914 versammelten sich hier Tausende, um den Ablauf des deutschen Ultimatums an Russland abzuwarten. Als die Mobilmachung verkündet wurde, sang die Menge „Nun danket alle Gott“. Die Gebrüder Haeckel hielten die Menschenansammlung vor dem Schloss auf einer Fotografie fest. Deutsches Historisches Museum.

Granit, Porphyr und Jaspis

Cantians römischer Maßstab lässt sich bis heute besichtigen. In der Sala Rotonda der Vatikanischen Museen steht die große antike Schale aus rotem Porphyr. Die Kuppel der 1779 vollendeten Halle ist dem Pantheon nachgebildet. Kolossale Statuen besetzen die Nischen, römische Mosaiken bedecken den Boden. Inmitten dieser Architektur erreicht das Gefäß einschließlich späterer Ergänzungen einen Umfang von etwa dreizehn Metern. Vatikanische Museen.

Ein weiteres steinernes Riesengefäß steht in der Eremitage in St. Petersburg: die Große Kolywan-Vase aus grünlichem Jaspis. Ihre ovale Schale misst gut fünf Meter in der Länge; das gesamte Werk wiegt annähernd neunzehn Tonnen. Das Material stammt vom Berg Rewnjucha im Altai. Von 1829 bis 1843 wurde es in der Steinschleiferei von Kolywan bearbeitet. Bei der Aufstellung 1849 waren die Wände des Neuen Eremitagegebäudes noch nicht vollständig errichtet. Eremitage: Saal der Großen Vase, Geschichte des Saales.

Für die Berliner Schale hatte man den Standort ändern müssen. In St. Petersburg kam der Koloss ins Museum, während dieses noch gebaut wurde.

Die sieben Schalen des Zorns

In Teufelshauch gehören die Granitschale im Lustgarten, die Jaspisschale in St. Petersburg und das Porphyrbecken in Rom zu den sieben Schalen des Zorns. Was die Herrscher als Zeugnisse ihrer Größe aufstellen ließen, steht bereit, die Welt mit Unheil zu überziehen.

Die biblische Vision verbindet sieben Siegel, sieben Posaunen und sieben Zornesschalen. Das Lamm, das für Christus steht, ist würdig, das versiegelte Buch zu öffnen. Auf das Brechen des siebten Siegels folgen die Posaunengerichte; später gießen sieben Engel Gottes Zorn über die Erde aus. Die Plagen treffen die Verehrer des Tieres und dessen Reich. Offenbarung 5, 8 und 16.

Der Roman macht den Ausgang dieses Geschehens von einer Frage abhängig: Wer wird das letzte Siegel brechen? Immer wieder kehrt die Warnung zurück, die Hilda schließlich durch das Gedränge im Lustgarten ruft:

Das Lamm muß das siebte Siegel brechen! Tut es die Schlange, dann – weh!

Teufelshauch, Kapitel 90

Dem Lamm ist die Überwindung des Bösen zugedacht. Gelangt jedoch die Schlange an das letzte Siegel, nimmt sie den Ablauf der Endzeit in ihre Gewalt. Die Katastrophen bereiten dann dem Satan den Weg zur Herrschaft über die Erde. Hilda versucht, diesen Ausgang zu verhindern. In Kapitel 75 nennt der Roman das drohende Geschehen ein Weltende „nach der Choreographie der Hölle“.

Im August 1914 drängen sich die Menschen im Lustgarten. Die Menge jubelt dem Kaiser zu, die Militärkapelle spielt Preußens Gloria, junge Männer erwarten Ruhm und das Eiserne Kreuz. Während Hilda sich ihren Weg durch die Menge bahnt, beginnt in ihrer Vision die Granitschale vor dem Alten Museum zu rauchen.

Der Rauch, den die Granitschale vor dem Museum in den Himmel blies, prallte an der Wolkendecke ab und senkte sich in Schwefelschwaden wie ein Leichentuch über den Platz.

Teufelshauch, Kapitel 92