Menschen und Lebenswelten

Wlislockis Sammlungen lesen

Welche Erzählungen und Vorstellungen sie überliefern und welche Fragen an ihre Darstellung zu stellen sind.

Makeda möchte eine Geschichte hören. Ihr Großvater erzählt von einem armen Korbflechter, den alle den dummen Georg nennen. Viel später versammeln sich die Patienten um Isebels Bett und verlangen ebenfalls ein Märchen. Sie hören von einer Hochzeit und einem unheimlichen Geschenk aus dem Wasser. Beide Male wird zugehört, unterbrochen, gelacht und mitgefiebert.

Heinrich von Wlislockis Bücher führen in die Überlieferungen hinter diesen Szenen. Sie enthalten Märchen und Lieder, Beschreibungen von Bräuchen und Zeichnungen kleiner Gegenstände, denen große Kräfte zugeschrieben werden. Einige davon sind im Roman bis in ihre Einzelheiten wiederzuerkennen: die Frauenköpfe an Jeremias’ Stock, die roten Schuhe der Wasserfrauen, die Kette und der Dreizack auf dem Amulett.

Der arme Korbflechter und die drei Quellen

In Wlislockis Sammlung von 1886 trägt die Geschichte vom dummen Georg den Titel Der arme Korbflechter und die drei Quellen. Georg ist lahm, schielt und wird von den Dorfbewohnern gemieden. Seine Gutmütigkeit bringt ihm keinen guten Ruf ein: Weil er sein letztes Brot mit anderen teilt, halten sie ihn für dumm. Die Älteren fürchten seinen vermeintlich bösen Blick, die Jungen verspotten ihn. Er lebt mit seiner Mutter am Rand des Dorfes und verdient seinen Unterhalt mit Körben.[1]

Überschrift und Anfang des Märchens vom armen Korbflechter in der Ausgabe von 1886
„Der arme Korbflechter und die drei Quellen“: Anfang der Geschichte vom dummen Georg in Wlislockis Sammlung von 1886, S. 41. Ausschnitt. Vollständiger Bildnachweis.

Die Arbeit führt ihn in den Wald. Dort findet er immer schönere Ruten, schließlich silberne und goldene. Auf der Suche nach Material für sein Handwerk gerät er in eine andere Welt. Eine Quelle verspricht Schönheit, eine andere Reichtum; doch beides beantwortet noch nicht die Frage, wie er die Frau gewinnen kann, die ihm dort begegnet. Dafür braucht er die dritte Quelle: Weisheit.

Das Märchen beginnt bei einer Erfahrung, die ohne Zauberei auskommt. Ein Mensch wird nach seinem Körper beurteilt, sein gutes Herz als Einfalt ausgelegt. Erst außerhalb des Dorfes eröffnen sich ihm Möglichkeiten, die dort niemand für ihn vorgesehen hat. Schönheit, Geld und Einsicht sind dabei verschiedene Gaben. Wer die eine besitzt, verfügt noch lange nicht über die anderen.

Makeda hört diese Geschichte von ihrem Baropapo. Sie interessiert sich für die Liebe, die darin möglich wird. Die Erzählung gehört damit zu dem, was ein Großvater einem heranwachsenden Mädchen mitgibt. Daß der Held Georg heißt, bleibt auch den anderen Zuhörern des Romans nicht gleichgültig.

Ein Stab für das letzte Kind

Jeremias’ Stock hat drei Seiten. Unter seinem Messinggriff sitzen zwei Frauenköpfe, verbunden durch Schlangen und Frösche. Die Gesichter zeigen Ana, die Königin der Waldfeen und Mutter der Krankheitsdämonen. In das Holz sind drei Worte gebrannt: Sastyar – Amenge – Ana, im Roman übersetzt mit „Heile uns, Ana!“

Die Vorlage steht in Wlislockis Aus dem inneren Leben der Zigeuner, im Kapitel über Handarbeiten. Dort beschreibt er einen Stock im Besitz einer südungarischen Familie. Der Großvater habe ihn geschnitzt, nachdem sechs seiner Kinder innerhalb einer Woche an Cholera gestorben seien. Ein Sohn war ihm geblieben. Für ihn fertigte der Vater den Stab als Gabe an Ana. Der Junge überlebte; fortan wurde der Stock erkrankten Familienmitgliedern zu Häupten in den Boden gesteckt.[2]

Historische Zeichnung des Stabgriffes mit zwei Frauenköpfen, Schlangen und Fröschen
Der Griff des Ana-Stabes: zwei Frauenköpfe, Schlangen und Frösche. Wlislocki, Aus dem inneren Leben der Zigeuner, 1892, S. 35, Abb. 12. Ausschnitt. Vollständiger Bildnachweis.

Diese Herkunftserzählung erklärt den Gegenstand genauer als die bloße Bezeichnung „Zauberstab“. Ein Vater versucht, sein letztes Kind zu retten. Die Macht, an die er sich wendet, ist zugleich mit den gefürchteten Krankheiten verbunden. Ana kann ihre dämonischen Kinder beschwichtigen; ihre Lieblingstiere erscheinen auf dem Stock. Die Bilder und Worte machen die Bitte um Hilfe dauerhaft sichtbar.

Wlislocki übersetzt die Anrufung mit „Hilf uns, Ana“. Er beschreibt sogar die unsicheren Buchstaben, die mit einem spitzen, vermutlich erhitzten Instrument in das Holz geritzt wurden. Im Roman kehrt dieses Detail wieder: Jeremias hat die Worte mit einer heißen Nadel eingebrannt, obwohl er des Schreibens unkundig ist.

Der alte Mann beruft sich zugleich auf den christlichen Gott. Seine Frömmigkeit und der Schutz durch Ana gehören zu seinem Leben. Wer Krankheit, Schuld und Verlust erklären muß, kann auf mehr als eine überlieferte Vorstellung zurückgreifen. Jeremias’ Stock läßt beides nebeneinander sichtbar werden: die Angst vor Strafe und die Bitte, die eigenen Leute mögen verschont bleiben.

Der Teufel auf dem Buchenholz

Auch das Amulett, das Jeremias Makeda gibt, hat eine gezeichnete Vorlage. Wlislocki zeigt ein kleines Buchenholztäfelchen mit dem legbareder beng, dem obersten Teufel. In einer Hand hält die Gestalt eine Kette, in der anderen eine dreizackige Gabel. Die schwarzen Teile des Bildes seien ins Holz eingebrannt, das Gesicht und die in der Zeichnung weiß gebliebenen Körperstellen rot bemalt.[2]

Historische Zeichnung eines rechteckigen Amuletts mit Teufelsfigur, Kette und Dreizack
Das Buchenholztäfelchen gegen den Teufelshauch. Die Beschreibung nennt rote Bemalung und eingebrannte schwarze Linien. Wlislocki, 1892, S. 35, Abb. 14; Beschreibung S. 38. Ausschnitt. Vollständiger Bildnachweis.

Der Schwarzweißdruck überliefert also nur einen Teil des Aussehens. Erst die Beschreibung ergänzt die Farbe. Sie erläutert auch die Verwendung: Durch ein Loch wurde ein Lederriemen gezogen. Mit ihm band man das Täfelchen einem psychisch Erkrankten an den Körper, um den purdipen bengeskro, den „Teufelshauch“, auszutreiben.

Der Roman übernimmt Holz, Brandzeichnung, rote Farbe und Lederschnur. Er gibt dem Gegenstand zugleich eine andere Aufgabe: Jeremias vertraut darauf, daß das Amulett Makeda vor Schaden an der Seele bewahrt. Aus einem beschriebenen Heilmittel wird ein Schutz, den er seinem Ziehkind mit auf den Weg gibt. Was der Großvater schnitzen und um ihren Hals hängen kann, soll dort helfen, wo seine eigene Hand nicht mehr hinreicht.

Rote Schuhe am Grund des Wassers

Die Nivaschi in Isebels Märchen gehören zu den gefährlichsten Gästen einer Hochzeit. Das Paar bittet am Wasser um Glück und gemeinsame Lebenszeit; eine Macht aus der Tiefe beantwortet den Wunsch. Ihr Geschenk ist an eine Forderung gebunden.

Wlislocki nennt die Wasserwesen in Volksglaube und religiöser Brauch „Nivashi“. Er beschreibt ihre unterirdischen Paläste, ihren Reichtum und ihre Macht über die Menschen. Die Wasserfrauen tragen außer roten Schuhen keine Kleidung; ihr langes Haar hüllt sie ein. Ihr Kuß kann einem Mann einen Teil der Oberlippe kosten. Für den so Gezeichneten überliefert Wlislocki das Wort Bimuyakro, „Lippenloser“. Auch Opfergaben von Brautpaaren an die Wassergeister gehören zu seiner Darstellung.[3]

Die Männer schildert Wlislocki an dieser Stelle mit feuerrotem Haar und Bart sowie mit Pferdefüßen. Isebels Nivaschi haben weißes Haar. Solche Unterschiede gehören zum Vergleich ebenso wie die wiederkehrenden roten Schuhe und der gefährliche Kuß. Die gedruckte Sammlung und die Erzählung des Romans sind verschiedene Fassungen.

Am Bett der Erzählerin bleiben diese Gestalten nicht fern. Der Zwerg erschrickt, der Riese tröstet ihn. Vergil lauscht aus seinem Versteck und verrät sich, als Isebel von den schönen Wasserfrauen spricht. Sie bemerkt seine Reaktion und richtet die Warnung vor dem Kuß unmittelbar an ihn. Der Witz entsteht zwischen Erzählerin und Zuhörer. Für einen Augenblick gilt das Märchen mitten im Saal.

Was Wlislocki sammelte – und was er daraus machte

Wlislocki, 1856 in Kronstadt geboren, veröffentlichte innerhalb weniger Jahre mehrere umfangreiche Sammlungen. Auf die Märchen und Sagen von 1886 folgten 1890 die Volksdichtungen und Vom wandernden Zigeunervolke, 1891 Volksglaube und religiöser Brauch und 1892 Aus dem inneren Leben der Zigeuner. Die Bücher erschließen unterschiedliche Formen: erzählende Texte, Lieder, Beschreibungen von Lebensweisen, religiöse Vorstellungen und handwerkliche Gegenstände.[4]

Er trat mit dem Anspruch auf, verbreitete Vorstellungen zu berichtigen. Im Vorwort von 1891 widerspricht er der Behauptung, Roma besäßen keine Religion. Ebenso verwirft er phantastische Berichte über Sonnenkult und Menschenopfer. Er verweist auf das Mißtrauen, das jahrhundertelange Verfolgung gegenüber Außenstehenden erzeugt habe, und betont seine eigene Nähe zu den Menschen, von denen er berichtet.[3]

Diese beanspruchte Nähe muß jedoch an seiner Arbeit geprüft werden. Wlislocki bezeichnet bestimmte Gruppen als besonders „unverfälscht“ und sucht bei ihnen nach möglichst alten Überlieferungen. Damit entscheidet er bereits, welche Lebensweisen für sein Bild wichtig sind. Ansässige Menschen und Veränderungen der Gegenwart passen schlechter in diese Suche nach dem Ursprünglichen.

Die Forschung hat darüber hinaus seine Angaben zur Dauer seiner Aufenthalte, seine Übernahmen aus älteren Schriften und die Zuverlässigkeit einzelner Aufzeichnungen kritisiert. Joachim Krauß verweist dabei auf Martin Ruchs Untersuchungen und die Vorwürfe von Plagiaten und Fälschungen. Die von Wlislocki behauptete Vertrautheit ist deshalb kein ausreichender Beleg für die Genauigkeit jeder einzelnen Mitteilung.[5]

Was er selbst über seine Bearbeitung schreibt, ist besonders aufschlußreich: Aus Rücksicht auf die Anstandsvorstellungen seines Publikums habe er vieles ausgelassen und anderes für empfindliche Ohren zurechtgestimmt. Hinzu kamen Kürzungen aus Platzmangel. Zwischen der erzählten Geschichte und dem gedruckten deutschen Text stehen also Übersetzung, Auswahl und Eingriffe.[3]

Beim Lesen lohnt es sich deshalb, die Art der jeweiligen Mitteilung im Auge zu behalten. Der Ana-Stab wird mit einer bestimmten Familie und einer Entstehungsgeschichte verbunden. Beim Amulett beschreibt Wlislocki Material, Farben und Gebrauch. Beim Korbflechter erzählt er ein Märchen. Aus dessen Handlung läßt sich nicht ohne weiteres ableiten, wie Menschen ihren Alltag führten oder woran jeder von ihnen glaubte.

Ein verspotteter Korbflechter sucht die Weisheit; ein Vater schnitzt gegen die Angst um sein Kind; am Wasser lockt ein Glück, dessen Preis noch niemand kennt. Diese Geschichten handeln von Wünschen, die sich nicht durch Arbeit oder Geld erfüllen lassen – und von der Gefahr, die mit ihrer Erfüllung kommen kann.

Quellen und weiterführende Literatur

  1. Heinrich von Wlislocki: Märchen und Sagen der transsilvanischen Zigeuner. Berlin: Nicolaische Verlags-Buchhandlung, 1886. Nr. 17: „Der arme Korbflechter und die drei Quellen“, S. 41–45. Originalausgabe, Anfang des Märchens.
  2. Heinrich von Wlislocki: Aus dem inneren Leben der Zigeuner. Ethnologische Mittheilungen. Berlin: Emil Felber, 1892. Schutzstab: S. 34–36, Abb. 12 auf S. 35; Amulett: Beschreibung S. 38, Abb. 14 ebenfalls auf S. 35. Originalausgabe.
  3. Heinrich von Wlislocki: Volksglaube und religiöser Brauch der Zigeuner. Münster i. W.: Aschendorffsche Buchhandlung, 1891. Vorwort S. IX–XII; Nivashi S. 31–33. Originalausgabe.
  4. Weitere im Zusammenhang der Sammlungen genannte Werke: Heinrich von Wlislocki, Volksdichtungen der siebenbürgischen und südungarischen Zigeuner, Wien: Carl Graeser, 1890; ders., Vom wandernden Zigeunervolke. Bilder aus dem Leben der Siebenbürger Zigeuner, Hamburg: Verlagsanstalt und Druckerei Actien-Gesellschaft, vormals J. F. Richter, 1890. Werkverzeichnis mit Digitalisaten. Zur Person und zum Forschungsumfeld: Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas: Wlislockis Welt.
  5. Joachim Krauß: „Vom wandernden Zigeunervolke“. Siebenbürgische Quellen als Baustein der deutschsprachigen Zigeunerkonstruktion. In: Germanistische Beiträge 27 (2010), S. 66–77, besonders S. 69–72; dort auch der Verweis auf Martin Ruch, Zur Wissenschaftsgeschichte der deutschsprachigen „Zigeunerforschung“ von den Anfängen bis 1900, Freiburg 1986. Volltext.

Bildnachweise

1. Anfang des Märchens Der arme Korbflechter und die drei Quellen. Heinrich von Wlislocki (1856–1907), Sammler, Übersetzer und Herausgeber. 1886. Märchen und Sagen der transsilvanischen Zigeuner. Berlin: Nicolaische Verlags-Buchhandlung, 1886, S. 41, Nr. 17. Exemplar der University of Wisconsin–Madison; Digitalisierung: Google; Bereitstellung: Internet Archive. Bildquelle und Angaben zum Original; Digitalisat. Gemeinfreier historischer Druck. Internet Archive kennzeichnet das Digitalisat als NOT_IN_COPYRIGHT. Public Domain Mark 1.0. Aus dem Digitalisat gerenderter Ausschnitt: Überschrift und Beginn des Märchens, ohne Retusche.

2. Schutzstab mit den Köpfen der Ana, Abbildung 12. Heinrich von Wlislocki (1856–1907), Verfasser; Zeichner im Band nicht genannt. 1892. Aus dem inneren Leben der Zigeuner. Ethnologische Mittheilungen. Berlin: Emil Felber, 1892, S. 35. Exemplar der University of Michigan; Digitalisierung: Google; Bereitstellung: Internet Archive. Bildquelle und Angaben zum Original; Digitalisat. Gemeinfreier historischer Druck. Internet Archive kennzeichnet das Digitalisat als NOT_IN_COPYRIGHT. Public Domain Mark 1.0. Abbildung 12 aus der historischen Buchseite ausgeschnitten, ohne Retusche.

3. Amulett mit dem obersten Teufel, Abbildung 14. Heinrich von Wlislocki (1856–1907), Verfasser; Zeichner im Band nicht genannt. 1892. Aus dem inneren Leben der Zigeuner. Ethnologische Mittheilungen. Berlin: Emil Felber, 1892, S. 35. Exemplar der University of Michigan; Digitalisierung: Google; Bereitstellung: Internet Archive. Bildquelle und Angaben zum Original; Digitalisat. Gemeinfreier historischer Druck. Internet Archive kennzeichnet das Digitalisat als NOT_IN_COPYRIGHT. Public Domain Mark 1.0. Abbildung 14 aus der historischen Buchseite ausgeschnitten, ohne Retusche. Die Beschreibung des Gegenstandes steht auf S. 38.

Digitale Quellen und Bildnachweise geprüft am 1. November 2026.