Menschen und Lebenswelten

Sinti und Roma in historischen Quellen

Selbstzeugnisse, Fremdbilder und die Perspektiven der im Roman verwendeten Literatur.

Hilda blättert durch einen Stapel alter Archivalien. Sie liest einen Lexikonartikel; aus den Papieren fällt ein Zettel, dessen Schrift sie nur mühsam entziffern kann: ein Ausweisungsmandat. Wenig später begegnet uns Jeremias, der dieses Papier bei sich trägt. Er kann nicht lesen. Was darauf steht, kennt er auswendig.

Diese beiden Schriftstücke führen mitten in die Geschichte der Quellen über Sinti und Roma. Das eine beschreibt Menschen, das andere verfügt über sie. Ihre eigenen Stimmen muß man anderswo suchen: in Briefen, Eingaben, Liedern und Büchern, die sie selbst verfaßt haben. Die Schauplätze reichen dabei von deutschen Territorien bis nach Siebenbürgen und auf den Balkan. Unter dem alten Sammelnamen „Zigeuner“ haben die Autoren Lebensverhältnisse zusammengezogen, zwischen denen beträchtliche Unterschiede bestanden.

Was Hilda im Lexikon findet

Das Geographisch-Historisch-Statistische Zeitungs-Lexikon von Wolfgang Jäger erschien 1782–1784 in Nürnberg. Es sollte seinen Lesern die Länder, Orte und Bevölkerungen erschließen, denen sie in Nachrichten begegneten. Im zweiten Band steht der von Hilda gelesene Artikel. Er nennt als Erwerbsquellen Musik, Tanz, Wahrsagerei und „einige Handarbeiten“. Zugleich heißt es, die Beschriebenen erlaubten sich „mancherley Freyheiten“. Die Aufzählung von Tätigkeiten ist bereits mit einem Urteil über die Lebensführung verbunden.[1]

Auch die Frage nach der Herkunft nimmt viel Platz ein. Ägypten, vertriebene Juden, schließlich Indien: Jäger führt verschiedene Erklärungen an und hält die indische Herkunft für die zuverlässigste. Ein kurzer Eintrag versammelt damit Wanderungen, Berufe, moralische Wertungen und Herkunftstheorien. Wer ihn aufschlug, erhielt eine handliche Auskunft. Von einer bestimmten Familie, einem bestimmten Handwerker oder den Gründen einer Reise erfuhr er wenig.

Jeremias’ Welt besteht aus solchen Einzelheiten. Die Männer bessern Pflüge aus und arbeiten als Schlossergehilfen. Die Bauern brauchen ihre Fertigkeiten. Was im Lexikon am Ende einer Reihe als „einige Handarbeiten“ erscheint, kann vor Ort darüber entscheiden, ob ein Gerät wieder zu gebrauchen ist und ob eine Familie etwas zu essen hat.

Titelblatt von Grellmanns historischem Versuch aus dem Jahr 1783 in Frakturschrift
Grellmanns historischer Versuch von 1783 versprach, Lebensart, Sitten und Herkunft eines ganzen Volkes zu erklären. Titelblatt der Erstausgabe. Vollständiger Bildnachweis.

Der Gelehrte, der Räuber und das „Liebesleben“

Ein Jahr vor Jägers zweitem Band veröffentlichte Heinrich Moritz Gottlieb Grellmann seinen historischen Versuch. Schon der ausführliche Titel verspricht eine Gesamtdarstellung: Lebensart, Verfassung, Sitten, Schicksale und Ursprung eines Volkes. Grellmann trägt dazu Reiseberichte, ältere Schriften, Nachrichten und Sprachmaterial zusammen. In der Vorrede nennt er die Gelehrten und Vermittler, denen er seine sprachvergleichenden Unterlagen verdankt. Sein Buch zeigt, wie aus verstreuten Mitteilungen ein zusammenhängendes, scheinbar geschlossenes Wissen werden konnte.[2]

Die einzelnen Bücher verfolgen allerdings sehr unterschiedliche Absichten. M. Bitzius erzählt 1877 Leben, Thaten und Ende des Räuberhauptmanns Jakob Reinhard, genannt Hannikel. Schon dieser Titel richtet die Aufmerksamkeit auf Verbrechen, Verfolgung und ein spektakuläres Ende. Eine solche Lebensgeschichte kann viel über einen bestimmten Räuber und über das Interesse an Räubern verraten. Zum Maßstab für den Alltag einer ganzen Bevölkerung wird sie erst durch die Verallgemeinerung des Lesers.[3]

Historisches Bildnis Hannikels mit einer Schußwaffe über der Schulter
Jakob Reinhard, genannt Hannikel, um 1787. Sein Leben wurde wiederholt als Räubergeschichte erzählt. Kölreuter, Öl auf Papier; Wehrgeschichtliches Museum Rastatt. Vollständiger Bildnachweis.

Victor Arecos Das Liebesleben der Zigeuner, um 1910 erschienen, gehört wiederum zu einer Reihe über das „Liebesleben aller Zeiten und Völker“. Hier bestimmt der Blick auf Sexualität die Auswahl und Erklärung des Materials. Areco deutet etwa die Vorliebe für rote Kleidung als Ausdruck sexueller Anziehung und erklärt Kleidung schließlich zum Reizmittel. Beobachtung und Behauptung gehen dabei ineinander über; soziale Umstände werden zu angeblichen Eigenschaften einer „Rasse“ umgedeutet. Daß Areco selbst an einer Stelle fehlende genauere Beobachtungen einräumt, hindert ihn nicht an weitreichenden Urteilen.[4]

Der Roman läßt solche Stimmen ausdrücklich hören. „Sie behaupteten“, heißt es über die Reiseschriftsteller. Was darauf folgt, erhält dadurch einen Sprecher: Es sind Urteile von Autoren, die über andere Menschen schreiben. Die Frauen, die Männer und ihre Lebensverhältnisse müssen wir uns erst hinter diesen Urteilen erschließen.

Gebraucht, geduldet, fortgeschickt

Die Verbindung zum Dorf ist in Jeremias’ Geschichte eng. Man handelt miteinander, läßt Geräte ausbessern, sucht Hilfe für ein krankes Tier. Junge Leute besuchen das Lager, trinken und tanzen mit den Fremden. Persönliche Nähe schützt jedoch nicht davor, daß die Obrigkeit ihre Abreise verlangt.

Das Mandat im Roman setzt eine Frist von zwei Wochen. Bei einer Rückkehr droht der Tod „ohne allen Proceß“. Sein Wortlaut richtet sich unterschiedslos an Männer und Frauen. Die Frage, was ein einzelner Mensch getan hat, kommt darin nicht vor. Für Jeremias ist das Schriftstück zugleich mit einer religiösen Erfahrung verbunden: Ein Pfarrer hat es ihm vorgelesen. Er bewahrt es über dem Herzen auf.

Gerade das macht die Szene so beklemmend. Schrift muß nicht verstanden werden, um über ein Leben zu bestimmen. Der Leser kennt die Drohung; Jeremias trägt das Papier wie ein persönliches Zeugnis mit sich. Der Roman verknüpft hier obrigkeitliche Gewalt, Frömmigkeit und eine sehr eigene Erinnerung.

Eine Zeitung behauptet – ein Buch überliefert

Bei Grellmann läßt sich die Entstehung einer besonders folgenreichen Behauptung bis in die Fußnote verfolgen. Im Kapitel über Speise und Trank kommt er auf angeblichen Kannibalismus zu sprechen. Er erklärt, er habe auf einen Auszug aus den Gerichtsakten gehofft. Da dieser nicht vorliege, berufe er sich auf die öffentlichen Blätter. Dann druckt er deren Nachrichten ab.[2]

Eine davon stammt aus den Beyträgen zum Reichs-Postreuter, Stück 71 von 1782. Sie berichtet von einer Hinrichtung in Frauenmark im Hontenser Komitat und behauptet, die Verurteilten hätten die Leichen ihrer Opfer gegessen. Weitere Zeitungsmeldungen folgen. Die Anklage, die angeblichen Geständnisse und die grausamen Strafen erscheinen im Druck als eine fortlaufende Geschichte.

Die Lücke benennt Grellmann selbst: Die Akten hat er nicht. Trotzdem erhält die Zeitungsnachricht einen Platz in einer Darstellung der Lebensweise eines ganzen Volkes. Aus dem Bericht über einen vermeintlichen Einzelfall wird Material für eine allgemeine Charakterisierung. Diesen Umgang mit übernommenen Aussagen hat die neuere Forschung an der historischen Literatur über Roma wiederholt untersucht.[5]

Teufelshauch greift die Sprache solcher Nachrichten auf und versetzt das Material nach Hermannstadt in das Jahr 1839. Wer die Vorlage kennt, hört in der knappen Meldung auch den Ton der gedruckten Gewißheit: Menschen sind bereits zu „Missethätern“ erklärt, ehe der Leser ihre Geschichte erfahren hat. Was hinter der Nachricht steckt, muß sich im Roman erst zeigen.

„Ein Ägypter“ schreibt zurück

Es gibt auch historische Texte, in denen Angehörige der beschriebenen Gemeinschaften selbst öffentlich widersprechen. Ein bemerkenswertes Beispiel erschien 1867 in der bulgarischsprachigen, in Konstantinopel gedruckten Zeitung Macedonia. Der Verfasser unterzeichnete mit „Ein Ägypter“. Diese Bezeichnung gehörte damals zu den Namen für Gemeinschaften auf dem Balkan, deren Nachfahren sich heute unter anderem als Roma oder Balkan-Ägypter verstehen.[6]

Zeitungskopf Macedonia in kyrillischer Schrift, Ausgabe vom 3. Dezember 1866
Zeitungskopf von Macedonia, 3. Dezember 1866. In dieser Zeitung erschien 1867 der Brief „Ein Ägypter“. Abgebildet ist der Zeitungskopf des Gründungsjahres. Vollständiger Bildnachweis.

Der Brief wendet sich gegen die Benachteiligung durch die griechisch dominierte orthodoxe Kirchenhierarchie. Sein Autor argumentiert mit der Bibel: Vor Gott seien die Menschen gleich; auch seine Gemeinschaft habe Anspruch auf geistliche Bildung und Gottesdienst in der eigenen Sprache. Die Apostel hätten schließlich in verschiedenen Sprachen gesprochen. Aus diesem Anspruch entwickelt er Forderungen nach eigener Bildung und gemeinschaftlicher Organisation. Er schreibt polemisch und beruft sich auf eine ägyptische Herkunft, aus der er historischen Stolz gewinnt. Auch ein Selbstzeugnis hat eine Absicht und eine bestimmte Vorstellung von der eigenen Geschichte. Hier erfahren wir, welche Anerkennung ein Mensch für sich und die Seinen verlangt.[6]

Eine andere Form der eigenen Stimme begegnet bei Ferenc Nagyidai Sztojka. Sein 1886 veröffentlichtes ungarisch-romanes Wörterbuch enthält auch eigene literarische Arbeiten. Sztojka tritt als Verfasser auf: Er übersetzt, schreibt Gedichte und gestaltet Geschichte literarisch. Damit wird eine Seite des 19. Jahrhunderts sichtbar, die in Reiseberichten und Polizeinachrichten leicht verschwindet – Menschen, die selbst Bücher schreiben und über ihre Sprache verfügen.[7]

Quellen und weiterführende Literatur

  1. Wolfgang Jäger: Geographisch-Historisch-Statistisches Zeitungs-Lexicon, Bd. II: M–Z. Nürnberg: Ernst Christoph Grattenauer, 1784, S. 984–985, Artikel „Zigeuner“. Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek; Zugang über Internet Archive.
  2. Heinrich Moritz Gottlieb Grellmann: Die Zigeuner. Ein historischer Versuch über die Lebensart und Verfassung, Sitten und Schicksale dieses Volks in Europa, nebst ihrem Ursprunge. Dessau/Leipzig: Buchhandlung der Gelehrten, 1783. Vorrede; S. 34–36 mit den übernommenen Zeitungsmeldungen, darunter Beyträge zum Reichs-Postreuter, Stück 71, 1782. Originalausgabe.
  3. M. Bitzius: Leben, Thaten und Ende des berühmten Zigeuner- und Räuberhauptmanns Jakob Reinhard, genannt Hannikel. 2. Aufl. Reutlingen: Enßlin und Laiblin, 1877.
  4. Victor Areco: Das Liebesleben der Zigeuner. Leipzig: Leipziger Verlag, um 1910 (Das Liebesleben aller Zeiten und Völker, Bd. 3). Die undatierte Ausgabe wird bibliografisch unterschiedlich angesetzt. Die besprochenen Passagen sind zugänglich in der Quellenauswahl der Enzyklopädie des europäischen Ostens, S. 221–224.
  5. Joachim Krauß: „Vom wandernden Zigeunervolke“. Siebenbürgische Quellen als Baustein der deutschsprachigen Zigeunerkonstruktion. In: Germanistische Beiträge 27 (2010), S. 66–77. Wissenschaftliche Untersuchung als PDF.
  6. „Ein Ägypter“: Brief an die Redaktion, Macedonia, 1867. Inhalt und historischer Zusammenhang nach Elena Marushiakova und Vesselin Popov: Letter from ‘One Egyptian’: First Historical Evidence of Aspirations for Civil Emancipation, Vortrag, Stockholm, 2016, besonders S. 2–4. Text und Quellenangaben. Ergänzende Quelle zum historischen Hintergrund.
  7. Elena Marushiakova und Vesselin Popov: Beginning of Roma Literature: The Case of Alexander Germano, 2020, Manuskriptfassung, besonders S. 2–4 zu frühen Selbstzeugnissen und Ferenc Nagyidai Sztojka. Universität St Andrews, Volltext. Ergänzende Forschungsliteratur.

Bildnachweise

1. Titelblatt von Grellmanns Die Zigeuner. Heinrich Moritz Gottlieb Grellmann (1756–1804), Verfasser; Buchhandlung der Gelehrten, Verlag. 1783. Dessau/Leipzig, 1783, unpaginiertes Titelblatt. Exemplar der Österreichischen Nationalbibliothek; Digitalisierung: Google; Bereitstellung: Internet Archive. Bildquelle und Angaben zum Original; Digitalisat. Gemeinfrei; Internet Archive weist die Ausgabe mit Public Domain Mark 1.0 aus. Public Domain Mark 1.0. Titelblatt aus dem PDF gerendert, ohne inhaltliche Bearbeitung.

2. Jakob Reinhard, genannt Hannikel. Kölreuter, Künstlerangabe der Bildquelle; Scan auf Wikimedia Commons: Wuselig. um 1787. Öl auf Papier. Wehrgeschichtliches Museum Rastatt. Reproduziert in: Baden und Württemberg im Zeitalter Napoleons, Band 1.2, Stuttgart 1987, S. 996; Bereitstellung: Wikimedia Commons. Bildquelle und Angaben zum Original; Digitalisat. Gemeinfreies Werk und originalgetreue Reproduktion; Wikimedia Commons: PD-Art / PD-old-70 und Public Domain Mark. Public Domain Mark 1.0. Datei unverändert übernommen.

3. Zeitungskopf von Macedonia vom 3. Dezember 1866. Macedonia, Redaktion unter Petko R. Slaveykov (1827–1895); Scan: Wikimedia Commons. 3. Dezember 1866, Datierung des abgebildeten Zeitungskopfes. Macedonia, Konstantinopel, Jahrgang 1. Wikimedia Commons, Datei Makedonia Newspaper 1866-12-03 Issue 1.jpg; dort als selbst angefertigter Scan verzeichnet. Bildquelle und Angaben zum Original; Digitalisat. Gemeinfreier historischer Zeitungsdruck; Wikimedia Commons: PD-old und Public Domain Mark. Public Domain Mark 1.0. Vorhandenen Zeitungskopf-Ausschnitt unverändert übernommen.

Digitale Quellen und Bildnachweise geprüft am 1. November 2026.