Literatur und Zeitgeschichte

Dante in der Grenadierstraße

Am Eingang des Bücherantiquariats hängt eine Schiefertafel. Neben dem Hinweis auf den An- und Verkauf steht eine Warnung: „Ihr, die ihr eintretet, laßt alle Hoffnung fahren!“ Hinter der Tür bimmelt ein Glöckchen. Zwischen den Regalen geht es weiter zu einer Wendeltreppe, in neun Kreisen hinunter in einen Eiskeller. Auf dem Tisch liegen drei Holzpuppen: Brutus, Cassius und Judas.

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Schon auf den ersten Seiten erhält der Berliner Bücherkeller die Gestalt von Dantes Hölle. Die Warnung stammt vom Eingang, die Kälte und die drei Namen gehören an ihren tiefsten Punkt. Zwischen Schiefertafel und Puppentisch liegt, auf engstem Raum zusammengedrängt, eine ganze Jenseitsreise.

Historischer Holzstich: Dante und Vergil stehen vor einem dunklen Felsentor; über ihnen sind die Worte der Hölleninschrift angedeutet.
Dante und Vergil vor dem Höllentor. Dorés Illustration zu Inferno III zeigt den Übergang in die Unterwelt; im Roman steht die Warnung auf dem Schild eines Berliner Buchantiquariats. Druck von 1870 · Biblioteka Narodowa · Gemeinfrei. Vollständiger Bildnachweis.

Die Worte über dem Tor

„Lasciate ogne speranza, voi ch’intrate“ lautet der letzte Vers der Inschrift, die Dante im dritten Gesang des Inferno über dem Höllentor liest. Das Inferno bildet den ersten Teil seiner Commedia, der „Göttlichen Komödie“: Auf den Abstieg in die Hölle folgen der Läuterungsberg und das Paradies. Dante läßt sich selbst als lebenden Reisenden durch diese Reiche führen.

Die Inschrift erklärt zuvor, wer das Tor geschaffen habe: göttliche Macht, höchste Weisheit und erste Liebe. Gerechtigkeit habe seinen Schöpfer bewegt. Damit gehört die Hölle in Dantes Dichtung zur göttlichen Weltordnung. Ihre Bewohner sind einem endgültigen Urteil unterworfen. Ihnen fehlt die Hoffnung, daß die Strafe einmal endet; der Reisende hingegen soll hindurchgehen und wieder herausfinden.[1]

In der Grenadierstraße ist aus dieser gewaltigen Inschrift eine Kritzelei auf dem Ladenschild geworden. Hilda kann sie ohne Mühe entziffern, gerade weil sie es selbst mit der Schönschrift nicht genau nimmt. Das ist komisch, und es paßt zu einem Antiquar, der seinen Kunden einen solchen Willkommensgruß zumutet. Doch hinter der Tür setzt die Architektur fort, was auf der Tafel steht.

Warum die Treppe neun Kreise hat

Dantes Hölle verengt sich in neun Kreisen bis zum Mittelpunkt der Erde. Jeder Abstieg führt in einen anderen Bezirk. Dabei ordnet Dante die Verfehlungen: Unbeherrschtheit wiegt weniger schwer als bewußt zugefügtes Unrecht; Betrug wiegt schwerer als bloße Gewalt, weil er die menschliche Vernunft zum Werkzeug macht. Am tiefsten liegt der Verrat an einem Menschen, dessen besonderes Vertrauen man genießt. Vergil erläutert diese Ordnung im elften Gesang.[2]

Botticellis kolorierter Querschnitt durch Dantes Hölle: übereinanderliegende Ringe bilden einen Trichter, der sich bis zu Luzifer am untersten Punkt verengt.
Botticellis Höllentrichter: Die Kreise verengen sich nach unten, bis der Weg zum eisigen Grund und zu Luzifer führt. Spätes 15. Jahrhundert · Biblioteca Apostolica Vaticana · Gemeinfrei. Ein Klick öffnet die größere Ansicht. Vollständiger Bildnachweis.
Die neun Kreise des Inferno – von oben nach unten
KreisBewohner und Verfehlungen in Dantes Ordnung
1Limbus: ungetaufte Kinder und tugendhafte Menschen außerhalb des christlichen Glaubens.
2Die von ihrer Liebeslust Beherrschten.
3Die der Völlerei Verfallenen.
4Habgierige und Verschwender.
5Zornige und in dumpfer Trägheit Versunkene.
6Häretiker, also nach Dantes Urteil Irrgläubige.
7Gewalttäter; der Kreis ist nochmals in drei Ringe geteilt.
8Betrüger in zehn Gräben, den Malebolge.
9Verräter im Eis des Kokytos; im innersten Bereich befindet sich Luzifer.

Vor diesen Kreisen liegt ein Vorraum für die Unentschiedenen. Er ist vom ersten Kreis, dem Limbus, zu unterscheiden.[3]

Der Roman macht aus diesem gewaltigen Höllentrichter eine Wendeltreppe. Ihre neun Kreise lassen sich beim Hinuntergehen körperlich erfahren: eine Drehung, dann die nächste, immer tiefer. Hilda folgt ihrem Vater und dem Buchhändler. Unten angekommen, spürt sie zuerst die Kälte.

Am tiefsten Punkt herrscht Eis

Im letzten Kreis des Inferno sind die Verräter in den gefrorenen See Kokytos eingeschlossen. In dessen Mitte steckt Luzifer bis zur Brust im Eis. Seine riesigen, fledermausartigen Flügel schlagen ohne Unterlaß. Der Wind, den sie erzeugen, hält den See gefroren. Das Wesen, das sich gegen Gott erhoben hat, erhält so durch seine eigene Bewegung die Umgebung seiner Gefangenschaft.[4]

Das tiefste Böse erscheint als Erstarrung. Die Menschen im Eis sind voneinander abgeschnitten; Luzifer selbst ist gewaltig und zugleich gebunden. Diese Kälte gibt dem ehemaligen Eiskeller eine besondere Bedeutung. Sie gehört ebenso genau zur Dante-Anspielung wie die Zahl der Treppenwindungen.

Auch die Puppen vervollständigen das Bild. Dantes Luzifer hat drei Gesichter und drei Mäuler. In ihnen quält er Judas, den Verräter an Christus, sowie Brutus und Cassius, die Mörder Caesars. Eben diese drei Figuren bietet der Schatten Hilda zum Spielen an.[4]

Holzstich von Pisan nach Doré: Der riesige geflügelte Luzifer steckt im Eis, vor ihm liegen eingefrorene Verdammte; rechts stehen die kleinen Gestalten Dantes und Vergils.
Am tiefsten Punkt der Hölle herrscht Eis. Doré und Pisan zeigen Luzifer im gefrorenen Kokytos; rechts nähern sich Dante und Vergil. Illustration zu Inferno XXXIV, Druck von 1870 · Biblioteka Narodowa · Gemeinfrei. Vollständiger Bildnachweis.

Drei Verräter auf dem Puppentisch

Daß Dante die beiden Römer neben Judas setzt, hängt mit seiner Vorstellung von Weltgeschichte zusammen. Das Römische Reich hat darin einen von Gott bestimmten Rang. Der Verrat an Caesar trifft die weltliche Ordnung, der Verrat an Christus die Heilsgeschichte. Die drei Namen am Grund der Hölle verbinden deshalb politische und religiöse Treue.[5]

Der Antiquar übernimmt diese Dreiergruppe, widerspricht aber ihrem Urteil. Brutus und Cassius, behauptet er, seien „Agenten Gottes“ gewesen: „Sie haben Satans Plan durchkreuzt.“ Dantes Verdammte erhalten in seiner Erzählung eine Aufgabe auf der Gegenseite. An einem Tisch voller alter Bücher wird damit bereits darüber gestritten, wer die Geschichte lenkt und wem ein vermeintlicher Verräter tatsächlich dient.

Hilda beschäftigt zunächst etwas ganz anderes: Warum tragen die Männer weiße Kleidchen? Und kann sie noch mit Puppen spielen, ohne sich lächerlich zu machen? Sie läßt Brutus mit sich Ringelreihen tanzen. Das Weltgericht ist in ihren Händen zum Spielzeug geworden, während neben ihr die Erwachsenen über Dämonen und Reichtum verhandeln.

Ein Vergil, der selbst zu den Gefangenen gehört

Bei Dante führt der römische Dichter Vergil, der Verfasser der Aeneis, den Reisenden durch die Hölle. Dante nennt ihn seinen Meister und sein Vorbild. Am Tor nimmt Vergil seine Hand und spricht ihm Mut zu. Er erklärt, was sie sehen, und hilft ihm über Gefahren hinweg. Seine Aufgabe besteht darin, einen Weg durch die Schrecken zu ermöglichen.[1][6]

Im Wachsaal von Dalldorf trifft Hilda auf einen anderen Vergil. Der Hilfsaufseher treibt die Patienten mit einer Rute an, spielt den Dompteur und trägt seine Bildung wie ein Bühnenkostüm. Als Hilda den italienischen Satz über einer Tür zu entziffern versucht, liest er ihn mit theatralischem Klang vor. Wieder steht dort die Warnung vom Höllentor. Diesmal weist sie den Weg in den Raum mit den Nachttöpfen.

Der große Name fällt in einen erniedrigenden Alltag. Vergil zeigt Hilda, wo sie sich befindet, und erklärt ihr die Regeln. Schutz bietet diese Führung zunächst kaum. Zugleich erkennt sie seine Abhängigkeit: Vor den Pflegern wird der großspurige Aufseher klein; er gehört selbst zu den Insassen.

Auch Dantes Vergil steht außerhalb der Erlösung, die sein Schützling erhoffen darf. Sein eigener Ort ist der Limbus. Dort leben die Seelen ohne körperliche Marter, aber mit einer Sehnsucht nach Gott, die unerfüllt bleibt. Der Führer kennt den Weg, ohne selbst an dessen höchstes Ziel gelangen zu können. Dieser Widerspruch gehört schon zur literarischen Vorlage des Namens.[6]

Die „Jammerseelen“ vor der Hölle

Als Hilda fragt, wo sie gelandet sei, antwortet der Aufseher: „Bei den Jammerseelen.“ Er meine jene, „die der Himmel ausgespien hat“, und jene, die nicht einmal zur Hölle fahren dürften. Darin klingt eine weitere Passage aus Dantes drittem Gesang an.

Zwischen Tor und Acheron begegnet Dante den Menschen, die sich im Leben weder zum Guten noch zum Bösen entschieden haben. Zu ihnen treten jene Engel, die im Streit zwischen Gott und den Rebellen nur für sich selbst Partei ergriffen. Der Himmel weist sie zurück, und die tiefere Hölle nimmt sie ebenfalls nicht auf. Sie laufen ruhelos einer Fahne hinterher, von Insekten gestochen. Selbst die Hoffnung auf den Tod bleibt ihnen versagt.[1]

Der Aufseher überträgt diesen Ausschluß in die Sprache der Anstalt. Für die einen gebe es Strafe, für andere Genesung und Entlassung. Seine „Jammerseelen“ sieht er in einem Zustand festgehalten, der keinen Abschluß kennt. Sein Wort „Vorhölle“ bezeichnet daher vor allem ein Leben im endlosen Dazwischen. Als genaue literarische Vorlage seiner Rede ist der Vorraum aus dem dritten Gesang zu erkennen; der Limbus des vierten Gesangs hat andere Bewohner.

Den Patienten erklärt er, was von ihrer Zukunft zu erwarten sei: schlafen, essen, die Notdurft verrichten, von vorn beginnen. „Heute, morgen, übermorgen.“ Die Unendlichkeit der Höllenstrafe wird zum immergleichen Tageslauf.

Ein Himmel, der an der Decke fehlt

Zur Sprache kommt im Wachsaal ein Bild. Vergil hat an der Decke Höllenszenen nachgeahmt, deren Vorbild Hilda aus dem Unterricht kennt: das Jüngste Gericht in der Kuppel von Santa Maria del Fiore in Florenz. Giorgio Vasari und Federico Zuccari schufen die Ausmalung zwischen 1572 und 1579. Sie verbindet himmlische und höllische Bereiche; die Höllenbezirke am unteren Rand gehören zu einem umfassenden Bild des Gerichts.[7]

Vergils Nachahmung enthält allein die Qualen der Verdammten. Die Herrlichkeiten des Himmels fehlen. Über den Patienten bleibt der Ausschnitt hängen, der ihren Zustand für unabänderlich erklärt. Dante-Zitat und Florentiner Kuppelbild greifen hier ineinander, ohne dieselbe Vorlage zu sein. Die Ausgestaltung dieses literarischen Wachsaals ist im Beitrag über Dalldorf näher zu sehen.

Dantes Reisender verläßt dagegen am Ende des Inferno die unterirdische Welt. Vergil führt ihn durch einen verborgenen Gang nach oben; zuletzt sehen sie wieder die Sterne.[4] Diese Bewegung gehört zur Vorlage ebenso wie ihr Höllentor. In Teufelshauch begegnet Hilda einem Vergil, der ihr vorerst nur die tägliche Wiederkehr des Elends erklärt. Gerade von einem Mann dieses Namens wäre ein Weg hinaus zu erwarten.

Quellen und weiterführende Literatur

  1. Dante Alighieri: Commedia, Inferno, Gesang III, besonders Verse 1–21 (Torinschrift und Vergils Beistand), 34–69 (die Unentschiedenen und die weder treuen noch rebellischen Engel). Italienischer Originaltext.
  2. Dante: Inferno, Gesang XI, besonders Verse 16–90: Vergils Erklärung der Ordnung von Unbeherrschtheit, Gewalt, Betrug und Verrat. Originaltext.
  3. Deutsche Dante-Gesellschaft: Inferno / Hölle, schematische Übersicht zu Dantes Jenseitsreichen, S. 12–13 der Erläuterungen zur Ausstellung in Hof. Übersicht als PDF. Die Tabelle oben faßt die Hauptkreise zusammen; die Unterteilungen des siebten bis neunten Kreises sind verkürzt.
  4. Dante: Inferno, Gesang XXXIV, besonders Verse 10–69 (Kokytos, Luzifer und die drei Verräter) sowie 127–139 (der Aufstieg zu den Sternen). Originaltext.
  5. Guy P. Raffa: Danteworlds, University of Texas at Austin, „Circle 9“, Abschnitt „Lucifer (with Brutus, Judas, & Cassius)“: zur Verbindung von Caesars Ermordung, Reichsgedanken und Judas’ Verrat. Universitäres Lektüreangebot.
  6. Dante: Inferno, Gesang I, Verse 61–87 und 112–129 (Vergil als Dichter und Führer); Gesang IV, Verse 25–45 (Vergils eigener Ort im Limbus).
  7. Opera di Santa Maria del Fiore: Giorgio Vasari e Federico Zuccari, Giudizio Universale. Datierung, Bildprogramm und Anordnung der Kuppelausmalung. Werkbeschreibung der Dombauhütte.

Bildnachweise

1. Dante und Vergil vor dem Höllentor. Gustave Doré (1832–1883); ausführender Holzstecher dieses Blattes nicht bezeichnet. Illustration zu Inferno III. Verwendeter Druck: 1870; Dorés Inferno-Zyklus erschien erstmals 1861. Biblioteka Narodowa, Warschau. Signatur 392.174. Dante Alighieri: Göttliche Komödie. Teil 1: Die Hölle. Berlin: W. Moeser, 1870, Tafel 8 recto; Polona, Scan 60. Sammlung und Original; Digitalisat. Digitalisat Polona, über die GLAM-Kooperation der Nationalbibliothek mit Wikimedia Polska auf Wikimedia Commons bereitgestellt. Gemeinfreies Werk und Digitalisat; Commons: PD-old-100-expired/Public Domain. Bildmetadaten und Rechtestatus auf Wikimedia Commons; Public Domain Mark 1.0. Für die Webseite proportional auf 2000 Pixel Breite verkleinert und als WebP gespeichert. Vollständiger Scan, kein Beschnitt.

2. Höllentrichter (La voragine infernale). Sandro Botticelli (um 1445–1510). Spätes 15. Jahrhundert; kolorierte Zeichnung auf Pergament. Biblioteca Apostolica Vaticana, Vatikanstadt. Reg.lat.1896.pt.A, fol. 101r. Sammlung und Original; Digitalisat. Verwendete Reproduktion aus dem Ausstellungskatalog Botticelli: de Laurent le Magnifique à Savonarole (Skira/Musée du Luxembourg, 2003), über Wikimedia Commons. Vorhandene Tonwertbearbeitung: Oxxo, 2010. Gemeinfreies Werk und werkgetreue Reproduktion (PD-Art/PD-old-auto-expired; Public Domain). Bildmetadaten und Rechtestatus auf Wikimedia Commons; Public Domain Mark 1.0. Für die Webseite proportional auf 2400 Pixel Breite verkleinert und als WebP gespeichert. Kein zusätzlicher Beschnitt und keine inhaltliche Veränderung.

3. Luzifer im Eis. Héliodore-Joseph Pisan (1822–1890), Holzstich nach Gustave Doré (1832–1883). Illustration zu Inferno XXXIV, Druck von 1870. Biblioteka Narodowa, Warschau. Signatur 392.174. Dante Alighieri: Göttliche Komödie. Teil 1: Die Hölle. Berlin: W. Moeser, 1870; Polona, Scan 446. Sammlung und Original; Digitalisat. Digitalisat Polona, über Wikimedia Commons. Vorhandene Bearbeitung durch Redaktor GLAM (21. Januar 2026): Bildauszug, Entsättigung und Kontrastbearbeitung. Gemeinfreies Werk und Reproduktion; Commons: PD-old-auto-expired/Public Domain. Bildmetadaten und Rechtestatus auf Wikimedia Commons; Public Domain Mark 1.0. Für die Webseite proportional auf 2000 Pixel Breite verkleinert und als WebP gespeichert. Kein zusätzlicher Beschnitt; die Signaturen Dorés und Pisans bleiben erhalten.

Digitale Quellen und Bildnachweise geprüft am 2. November 2026.