Schauplätze · Grenadierstraße

Die Grenadierstraße

Essiggeruch, Kellerläden und jüdisches Leben im Berlin um 1900

„Zu einer Zeit, als die Almstadtstraße Grenadierstraße hieß, roch es dort nach Essig und vergorenem Abfall.“

Teufelshauch, Kapitel 1: Der Schatten

Mit diesem Satz beginnt Teufelshauch. Kohlenkutscher kippen Briketts auf den Gehsteig, Treppen führen zu Kellerläden hinunter. Auf Schiefertafeln stehen „Brot“, „Butter“ und „Konserven“, auf Deutsch oder Jiddisch. Vor einem der Abstiege wacht ein schwarzer Königspudel. Dahinter liegt ein Buchantiquariat.

Als Hilda mit ihrem Vater am 25. März 1900 hierherkommt, will sie eigentlich auf den Rummel in der Hasenhaide. Gustav hat zuvor noch ein Geschäft zu erledigen. Zwischen Händlern, Bretterbuden und diskutierenden Männern fühlt sich die Vierzehnjährige plötzlich weit von Charlottenburg entfernt. Dabei liegt die Grenadierstraße unweit des Alexanderplatzes, mitten in Berlin.

Historische Straßenansicht mit dem Logierhaus Centrum an der Ecke Grenadierstraße und Hirtenstraße, 1905.
Das Logierhaus „Centrum“ an der Ecke Grenadierstraße und Hirtenstraße, 1905.
Foto: Georg Bartels. Wikimedia Commons, gemeinfrei. Unverändert.

Heute heißt sie Almstadtstraße; den neuen Namen erhielt sie 1951. Sie gehört zu jener Gegend, die als Scheunenviertel bekannt wurde. Die namensgebenden Scheunen hatten einst vor den Stadtmauern gestanden. Später weitete sich die Bezeichnung auf die benachbarten Wohn- und Geschäftsstraßen aus – auf ein dicht bebautes Viertel, in dem sich Wohnungen, Werkstätten, Läden und Hinterhöfe drängten. [1] [2]

Woher der Essiggeruch kam

Die Essigfabrik Heinn, die im Roman mehrfach auftaucht, gab es tatsächlich. Das Familienunternehmen bestand seit 1840. Sein erhaltenes Wohn- und Geschäftshaus in der heutigen Almstadtstraße 11 ließ Otto Heinn 1902 nach Plänen von Gustav Lanzendorf errichten. Hinter der reich geschmückten Fassade wurde in den Seiten- und Quergebäuden produziert. Die Weinblätter im Fassadenschmuck erinnern an die frühere Nutzung. [3]

Im Roman zieht der Geruch aus Heinns Bottichen durch die Straße. Für ihre Bewohner ist die Fabrik auch ein Arbeitsplatz. Motti zählt das Rühren im Essigbottich zu den wenigen Möglichkeiten, eine geregelte Beschäftigung zu finden. Wenn Hilda später wieder durch die Gassen läuft, erkennt sie die Gegend an diesem Geruch.

Jugendstilfassade des ehemaligen Wohn- und Geschäftshauses der Essig- und Senffabrik Heinn in der Almstadtstraße 11.
Das 1902 errichtete Wohn- und Geschäftshaus der Essig- und Senffabrik Heinn, heute Almstadtstraße 11. Aufnahme vom 3. Juli 2010.
Foto: Jörg Zägel / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0. Unverändert.

Aßmann, Miegel und die kleinen Wohnungen

Die Grenadierstraße des Romans versammelt Motive aus dem Scheunenviertel und dem weiteren Berlin. Besonders deutlich wird das bei Aßmanns Beerdigungs-Institut. In Kapitel 12 steht ein weißer Kindersarg im Tiefparterre; nebenan wird die Lieferung an Krankenhäuser angeboten. Über Rozenblums Toreinfahrt hängt das Schild „Hier sind kleine Wohnungen zu vermieten“. Durch das Tor rollen die Kohlenwagen, und dahinter müssen Hilda und ihre Mutter ihre wenigen Habseligkeiten unterbringen.

Auf Heinrich Zilles Fotografie aus der Bergstraße stehen diese Dinge dicht beieinander: der Kindersarg im Kellerfenster, das Schild „Beerdigungs-Institut Gustav Aßmann“, die Ankündigung „Lieferung nach allen Krankenhäusern“ und rechts die Durchfahrt mit dem Wohnungsangebot unter der Aufschrift „Holz, Kohlen“. Über dem Bestatter wird Bier ausgeschenkt. Der Roman nimmt diese Nachbarschaft auf und gibt ihr einen Platz in Hildas Straße. [8]

Heinrich Zilles Aufnahme von Gustav Aßmanns Beerdigungsinstitut in der Bergstraße: weißer Kindersarg, Lieferung nach allen Krankenhäusern und Wohnungsschild über der Durchfahrt.
Gustav Aßmanns Beerdigungsinstitut in der Bergstraße, in der Sammlungsübersicht als Nr. 70 geführt. Rechts über der Durchfahrt das Schild mit den kleinen Wohnungen. Das genaue Aufnahmejahr ist nicht gesichert. Vollständiges Digitalisat.
Foto: Heinrich Zille. Berlinische Galerie, Fotografische Sammlung, Objekt-ID 17679. Bildquelle: Chrono Research Lab, nach dem Sammlungsdatensatz. Gemeinfrei; Rechteauskunft der Berlinischen Galerie. Ansicht ohne unteren Scanrand mit Farbtafel; Bilddatei unverändert.

Gegenüber liegt im Roman Miegels Roßschlachterei. Wurstkringel hängen im Fenster, während draußen die Fuhrleute ihre Pferde vorbeiführen. Auch solche Kellerläden hat Zille fotografiert. Seine Aufnahme aus der Müllerstraße 24 zeigt den Namen Hedwig Peters über der Tür, daneben „Spezialität: Feine Wurstwaren“. Sie veranschaulicht die Art von Geschäft, die im Roman bei Miegel zu finden ist; eine Identifizierung mit dessen Laden lässt die Aufnahme nicht zu.

Roßschlächterei im Souterrain der Müllerstraße 24 in Berlin-Wedding, mit dem Namen Hedwig Peters über der Tür und Werbung für feine Wurstwaren; Fotografie von Heinrich Zille.
Roßschlächterei in der Müllerstraße 24, Berlin-Wedding, zwischen Anton- und Schulstraße. Über der Tür steht „Hedwig Peters“. Das genaue Aufnahmejahr ist nicht gesichert. Vollständiges Digitalisat.
Foto: Heinrich Zille. Berlinische Galerie, Fotografische Sammlung, Objekt-ID 17677. Bildquelle: Chrono Research Lab, nach dem Sammlungsdatensatz. Gemeinfrei; Rechteauskunft der Berlinischen Galerie. Ansicht ohne unteren Scanrand mit Farbtafel; Bilddatei unverändert.

Oben in der Dachkammer

Als Hilda und ihre Mutter selbst in die Grenadierstraße ziehen müssen, reicht ihr Besitz für einen Handkarren. Ein Tisch, zwei Stühle, ein Bett und die Nähmaschine werden die enge Treppe hinaufgetragen. Mehr passt nicht in ihre Kammer. Die Nähmaschine muss fortan zum Lebensunterhalt beitragen: Die Mutter näht Mäntel, Motti bringt sie zu den Konfektionären. Die Arbeit ist regelmäßig und kärglich bezahlt.

„Sie waren angekommen, oben in der Dachkammer, ganz unten.“

Teufelshauch, Kapitel 12: Die Schalen des Zorns

Wie eine solche Unterkunft aussehen konnte, zeigt die Wohnungs-Enquête von 1903. Für diese Untersuchung einer Berliner Ortskrankenkasse wurden die Wohnverhältnisse erkrankter Versicherter dokumentiert. Eine Aufnahme führt in eine Mansarde der Grenadierstraße 32: schadhafte Wände, eine niedrige schräge Decke, ein schmaler Raum voller Hausrat.

Der von Albert Kohn bearbeitete Bericht beschreibt den dort wohnenden Mann und seine Kammer genauer. Vor dem Fenster erhob sich die hohe Wand eines anderen Gebäudes; kaum ein Sonnenstrahl gelangte hinein. Die Aufnahme musste deshalb mit Blitzlicht gemacht werden. Zum Kochen diente ein einfacher eiserner Ofen. Das Foto gehört zu einer Untersuchung aus genau den Jahren, in denen Hildas Geschichte beginnt. [4]

Mansardenwohnung in der Grenadierstraße 32 mit schräger, schadhafter Decke, Bett, Tisch, Stuhl und Waschschüssel; Aufnahme für die Wohnungs-Enquête 1903.
Mansardenwohnung in der Grenadierstraße 32. Aufnahme für die Wohnungs-Enquête von 1903, veröffentlicht 1904.
Foto: Heinrich Lichte & Co. Digitalisat: Zentral- und Landesbibliothek Berlin; Bilddatei über Wikimedia Commons. Originalquelle, gemeinfrei. Unverändert.

Eine Adresse, die man in Galizien kannte

Für viele jüdische Zuwanderer aus Osteuropa war die Grenadierstraße bereits im Kaiserreich eine erste Adresse in Berlin. Hier lebten Verwandte oder Bekannte; hier konnte man sich auf Jiddisch verständigen und vertraute religiöse Einrichtungen finden. Manche wollten bleiben, andere weiterreisen, auch nach Amerika. Fehlten Geld oder Papiere, konnte aus dem Zwischenhalt ein jahrelanger Aufenthalt werden. [5] [6]

Im Roman lässt sich das an den Häusern ablesen. Neben den jiddischen Warenangeboten aus dem ersten Kapitel taucht später die Aufschrift „Koscher“ an Lebensmittelgeschäften, Bäckereien und Gaststätten auf. Sie bezeichnet Lebensmittel, die den jüdischen Speisevorschriften entsprechen. Miegels Roßschlachterei verkauft dagegen Fleisch, das nach diesen Regeln ausgeschlossen ist: Pferdefleisch ist nicht koscher. [9] [10]

Wie sichtbar jüdisches Gewerbe im Berliner Straßenbild war, zeigt Friedrich Albert Schwartz’ Aufnahme aus der Klosterstraße von 1886–1892. Neben einer koscheren Fleischerei liegt eine „Hebräische Buchhandlung“. Zwei Tafeln in hebräischer Schrift hängen neben dem Eingang der Fleischerei; im Schaufenster steht der Hinweis auf die Aufsicht des Rabbinats. Die Aufnahme entstand nahe der Marienkirche, südlich des Scheunenviertels. Sie erweitert den Blick auf das jüdische Geschäftsleben im alten Berliner Zentrum.

Koschere Fleischerei Fleisch & Co. und Hebräische Buchhandlung in der Berliner Klosterstraße, mit zwei großen Tafeln in hebräischer Schrift neben dem Ladeneingang, 1886–1892.
Koschere Fleischerei und hebräische Buchhandlung, Klosterstraße 15–14, 1886–1892. In der Vergrößerung lassen sich die Ladenschilder und Tafeln genauer betrachten. Bild vergrößern.
Foto: Friedrich Albert Schwartz. Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek, Sammlung Fotografie, Inv. D 148d gr./1110. Bildquelle: Wikimedia Commons, gemeinfrei. Unverändert.

Zum jüdischen Leben dieser Jahre gehörten auch Orte, an denen man Bücher lesen und ausleihen konnte. Die 1895 gegründete Jüdische Lesehalle bezog 1897 Räume in der Oranienburger Straße 28, neben der Neuen Synagoge. Weil ihr Bestand wuchs, zog sie 1903 vom Seitenflügel ins Vorderhaus. Die Fotografie von etwa 1905 zeigt Besucher vor diesem Eingang. [11]

Besucher vor dem Eingang der Jüdischen Lesehalle in der Oranienburger Straße 28 in Berlin, um 1905.
Besucher vor der Jüdischen Lesehalle in der Oranienburger Straße 28, um 1905. Die Aufnahme erschien 1905 im Rückblick auf das erste Jahrzehnt der Einrichtung.
Fotograf unbekannt. Aus: Jüdische Lesehalle und Bibliothek (Hg.), Rückblick auf das erste Jahrzehnt der Lesehalle 1895–1905, Berlin 1905. Bildquelle: Wikimedia Commons, gemeinfrei. Unverändert.

Motti und der Schabbes

Mordechai Linsenberg, genannt Motti, ist mit seinem Vater Zygmunt und zwei Pferden aus Tarnów nach Berlin gekommen. Der Achtzehnjährige trägt eine Lederschürze und die Ballonmütze, die er als Krone des Proletariers bezeichnet. Aus seiner Jackentasche schaut der Vorwärts. Er hat inzwischen einen eigenen Frachtwagen mit zwei Pferden und hofft, Partner im Geschäft seines Vaters zu werden.

Motti lehnt den Glauben und die strengen Regeln seines Vaters ab. In Kapitel 38 halten neun Männer sein Gespann an. Für das gemeinsame Gebet fehlt ihnen der zehnte Mann. Als er sie auf Deutsch abweist, fragen sie ihn, weshalb er nicht die Mameloschen, die Muttersprache, mit ihnen spricht. Motti will fort aus dieser Welt und ihrem Streit um Regeln. Doch sobald Hilda den Gottesnamen ausspricht, fährt er sie an.

Auch der Wochenrhythmus bleibt vertraut. Am Schabbat verstummt im Roman zunächst das werktägliche Feilschen. Ein Alter führt einen Jungen ins Schtibl, die kleine Betstube; später stehen Männer diskutierend zusammen, Mädchen spazieren Arm in Arm, und auf der anderen Straßenseite lassen Burschen eine Zigarette kreisen. Solche Betstuben waren oft in gewöhnlichen Wohnhäusern untergebracht und dienten dem Gebet und gemeinsamen Lernen. [7]

Hilda will an diesem Sonnabend Knopflöcher versäubern. Motti, der von den religiösen Vorschriften nichts mehr wissen will, lässt das nicht gelten:

„Am Schabbes wird nicht malocht.“

Teufelshauch, Kapitel 40: Am Schabbes

Die Tür des Antiquariats

Zu dieser Straße gehört auch der Bücherkeller aus dem ersten Kapitel. Während oben Kohlen abgeladen und Waren angepriesen werden, sitzt unten der Antiquar, den die Leute „den Schatten“ nennen. Sein Laden ist voller alter Bücher. Eine Wendeltreppe führt noch tiefer hinab.

Auf der Tür steht ein Satz aus Dantes Inferno:

„Ihr, die ihr eintretet, laßt alle Hoffnung fahren!“

Teufelshauch, Kapitel 1: Der Schatten

Gustav hat hier etwas zu besorgen. Hilda zwängt sich am schwarzen Pudel vorbei und liest die Warnung.

Dann geht sie hinein.