Literatur und Zeitgeschichte

Berlin im August 1914

Mobilmachung, öffentliche Begeisterung und der Übergang in den Krieg.

Motti hebt die Zeitungen auf. Sonst wandern sie in den Ofen; seit dem 1. August bleiben sie auf seinem Schreibtisch liegen. Morgenausgabe, Abendausgabe, immer neue Nachrichten. Draußen jubelt Berlin. In seinem Hof fehlen bald die Pferde.

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„Tante Voß“ berichtet

Aus dem Kohlenkutscher ist ein Fuhrunternehmer geworden. Motti liest inzwischen die Vossische Zeitung, die vertraute „Tante Voß“, statt des Vorwärts. Er kann sich etwas leisten, hat Wagen und Tiere, eine Stellung in der Stadt. Nun sitzt er vor den Ausgaben einer Woche, in der all das eine andere Bedeutung bekommt.

Der Rhythmus seiner Lektüre entspricht dem Erscheinungsrhythmus der Zeitung. Die Vossische kam morgens und abends heraus, an Sonn- und Festtagen einmal; so steht es im Zeitungskopf. Dazu kamen Extrablätter und amtliche Bekanntmachungen an den Anschlagsäulen. Wer wissen wollte, was geschah, kaufte ein Blatt, las einem anderen über die Schulter oder blieb vor einem Anschlag stehen. Nachrichten wurden auf der Straße gemeinsam aufgenommen und weitergetragen. [1]

Im Kapitel „Tante Voß“ greift Motti beim Lesen auf seine eigenen Erinnerungen zurück: Dort war er gewesen, das hatte er gehört. Die Zeitung liefert ihm nachträglich die Worte für den Auftritt des Kaisers, für die Menge und für das Gefühl, zu ihr zu gehören. Zugleich landen auf seinem Tisch Meldungen, deren Tragweite sich noch kaum überblicken läßt.

Männer und Frauen stehen am Berliner Moritzplatz um ein Extrablatt und lesen gemeinsam die Nachrichten, Anfang August 1914.
Am Berliner Moritzplatz lesen Passanten ein Extrablatt, Anfang August 1914. Die Nachrichten werden gemeinsam auf der Straße verfolgt. Bundesarchiv, Bild 183-S32538 / Scherl, Photograph unbekannt; CC BY-SA 3.0 DE. Vollständiger Bildnachweis.

Fünf Tage, die Berlin verändern

Die Ereignisse folgen so dicht aufeinander, daß Kriegszustand, Mobilmachung und Kriegserklärung leicht zu einem einzigen Augenblick verschmelzen. Für die Menschen in Berlin waren es verschiedene Bekanntmachungen mit jeweils neuen Folgen:

Bereits der 31. Juli verändert die Regeln des öffentlichen Lebens. Die Vossische Zeitung erläutert am folgenden Morgen, welche Verfassungsrechte außer Kraft gesetzt werden können und welche Anordnungen in Berlin gelten. Versammlungen brauchen die Erlaubnis der Militärbehörde; Veröffentlichungen über militärische Bewegungen werden beschränkt. Waffen dürfen ohne amtliche Erlaubnis weder gekauft noch verkauft oder getragen werden. Während sich Menschen vor dem Schloß sammeln, wächst die Befehlsgewalt des Militärs über die Stadt. [1]

Ein Offizier verliest am 31. Juli 1914 Unter den Linden eine Bekanntmachung vor einer dichten Menge; Soldaten stehen im inneren Kreis.
Unter den Linden, 31. Juli 1914: Leutnant von Viebahn gibt den Kriegszustand bekannt. Die allgemeine Mobilmachung folgt am nächsten Tag. Foto: Hermann Rex; gemeinfrei. Vollständiger Bildnachweis.

Vor dem Schloß: Jubel, Andacht, Sorge

Motti steht bei den Rossebändigern. Die erhöhten Figuren am Schloß bieten ihm einen festen Punkt in einer Menge, die sich drängt, singt und nach oben schaut. Die Kaiserreden sind kurze Auftritte; das Warten darauf, die wiederholten Hochrufe und die Lieder dauern wesentlich länger. Das Schloß wird zum Ort, an dem man die Entscheidung über die eigene Zukunft erwartet.

Die Zeitung vom 2. August schildert den vorhergehenden Abend nicht nur als fortgesetztes Hurra. Auf die Nachricht der Mobilmachung folgt vor dem Dom eine ernste Stille. Dann setzt „Ein feste Burg ist unser Gott“ ein. Im Dom predigt Hofprediger Bruno Doehring über Psalm 130, „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir“. Zwischen Angst, Gottesdienst und patriotischer Bekräftigung liegen an diesem Abend oft nur wenige Schritte. [2]

Die berühmten Bilder jubelnder Männer zeigen einen wirklichen Teil dieses Augusts. Die stillen Abschiede in Wohnungen zeigen sie kaum. Noch am 28. Juli hatten in Berlin Tausende gegen den Krieg demonstriert. Auf den Straßen standen neben Begeisterten Menschen, die vor allem Nachricht suchten; andere versuchten, Ersparnisse abzuheben oder Lebensmittel zu kaufen. Besonders sichtbar waren junge Männer aus dem Bürgertum, Schüler und Studenten. Ihre Auftritte prägten das spätere Bild eines einmütig begeisterten Volkes. [4]

Auch im Lustgarten des Romans hört man verschiedene Stimmen. Zwischen Hochrufen, Bier und dem Stolz junger Freiwilliger ertönt „Frieden, Freiheit, Brot!“ Die Antwort lautet: „Halt’s Maul!“ Der Einwand geht im Lärm unter. Die Beschwörung der Einigkeit hat eine hörbare Kehrseite: Wer widerspricht, stört.

„Nur noch Deutsche“

Am 1. August erklärt der Kaiser die Parteigegensätze für überwunden. Am 4. August bekräftigt er vor den im Schloß versammelten Reichstagsabgeordneten, er kenne nur noch Deutsche. Der Burgfrieden bezeichnet die Zurückstellung innenpolitischer Auseinandersetzungen für die Dauer des Krieges. Auch die Sozialdemokratie trägt die Bewilligung der Kriegskredite mit. Ihre Abgeordneten bleiben zwar der Eröffnung im Schloß fern, stimmen anschließend aber im Reichstag für die Finanzierung des Krieges. [5] [6]

Für Motti reicht die Verheißung weiter als eine Verständigung zwischen Parteien. In der Menschenmenge fühlt er sich angekommen. Der jüdische Fuhrunternehmer, dessen Sprache und Lebensgeschichte ihn kenntlich machen, hört nun das Versprechen einer Gemeinschaft, in der solche Unterschiede keine Rolle mehr spielen sollen. Doch im Roman steht neben diesem Gefühl bereits ein Verlust: Bis vor kurzem war er ein Fuhrmann, den seine Freunde „Chawejr“ nannten. Jetzt ist er „nur noch Deutscher“.

Dazu gehört ein sehr konkreter zeitgenössischer Hintergrund. In der Vossischen Zeitung vom 2. August rufen der Verband der deutschen Juden und der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens dazu auf, über die gewöhnliche Pflicht hinaus dem Vaterland zu dienen. Männer sollen sich freiwillig melden; Männer und Frauen sollen durch Hilfeleistungen und Spenden beitragen. Jüdische Verbände sprechen hier als Teil der deutschen Gesellschaft und beanspruchen ihren Platz in deren gemeinsamer Anstrengung. [2]

Mottis Begeisterung erhält dadurch eine persönliche Schärfe. Die Menge verspricht ihm Anerkennung. Was sie von ihm verlangt, steht schon an der nächsten Litfaßsäule.

Reservisten in Zivilkleidung und Uniform schwenken auf einem offenen Lastwagen ihre Hüte, Berlin im August 1914.
Reservisten auf einem Lastwagen in Berlin, August 1914. Einige tragen noch Zivil, andere bereits Uniform. Bundesarchiv, Bild 183-R22572 / Scherl, Photograph unbekannt; CC BY-SA 3.0 DE. Vollständiger Bildnachweis.

Die Mobilmachung holt die Pferde

„Aushebung der Pferde“ ist eine jener unscheinbaren Überschriften, an denen sich die große Politik in eine Verpflichtung für einzelne Besitzer verwandelt. Am 2. August weist die Vossische ausdrücklich auf die Anschläge des Berliner Magistrats hin: Dort seien die Pflichten der Pferdebesitzer und die Orte der Aushebung zu erfahren. Auf derselben Seite stehen die Aufhebung der Sonntagsruhe während der Mobilmachung und ein Aufruf, Quartiere für Soldaten anzubieten. Die Stadt muß Tiere, Arbeitszeit und Wohnraum bereitstellen. [2]

Für einen Fuhrunternehmer sind Pferde und Wagen die Voraussetzung jedes Auftrags. Ohne Gespann bleibt eine Fuhre stehen; ohne Tiere wird aus dem Hof ein Abstellplatz. Im Roman muß Motti die für kriegsbrauchbar erklärten Pferde und Wagen binnen Tagesfrist abliefern. Die Sprache des Anschlags läßt keinen Raum für die Jahre, in denen er sie erworben, versorgt und eingesetzt hat.

Noch macht er vor dem Schloß einen Witz. Bei den bronzenen Rossebändigern stehen ja zwei weitere Gäule: Die müßten ebenfalls ins Feld. Der Berliner Sprachwitz trifft einen handfesten Unterschied. Die Pferde am königlichen Portal bleiben stehen. Die wirklichen Zugtiere der Stadt werden gebraucht.

Was die Abgabe für Motti bedeutet, versteht man aus seinem früheren Leben als Kohlenkutscher. Mit diesen Tieren verbindet sich sein Aufstieg. Wenn der Krieg nach ihnen greift, erreicht er Motti lange vor einer Nachricht vom Schlachtfeld.

Papiergeld und unsichtbare Feinde

In den Zeitungen, die Motti durchblättert, wechseln Erfolgsnachrichten und Beschwichtigungen einander ab. Die Bevölkerung soll ruhig bleiben, Papiergeld annehmen und zugleich auf feindliche Spione achten. Das erzeugt einen eigentümlichen Alltag: Vertrauen wird verlangt, Verdacht ständig neu genährt.

Wie weit das Mißtrauen gegenüber Geldscheinen reicht, zeigt eine kleine Berliner Meldung vom 2. August. Im Restaurant Rheingold geraten Gäste mit der Geschäftsführung aneinander, weil Banknoten bei der Begleichung einer Rechnung abgelehnt werden. Daneben erinnert die Reichsbank öffentlich daran, daß ihre Noten als Zahlungsmittel anzunehmen seien. Die Sorge um den Wert des eigenen Geldes steht buchstäblich neben den Aufrufen zur nationalen Hingabe. [2]

Die von Motti gelesenen Spionagemeldungen gehören zur selben erregten Öffentlichkeit. Historisch führte die Suche nach angeblichen feindlichen Agenten zu Verdächtigungen und Übergriffen. Fremd wirkende Menschen und fremdsprachige Namen konnten plötzlich als Zeichen einer Gefahr gelten. Wolfgang Kruse beschreibt diese Mischung aus nationalem Hochgefühl, Panik und Aggression als einen wesentlichen Bestandteil des Kriegsbeginns. [5]

Auch die Nachricht über französische Grenzverletzungen begegnet Motti im Druck. Die Morgenausgabe vom 4. August behauptet, Frankreich habe ohne Kriegserklärung angegriffen und Deutschland zur Gegenwehr gezwungen. Wer diese Meldung liest, erhält bereits eine fertige Erklärung des Geschehens: Der Krieg ist da, und die Verantwortung liegt beim Feind. [7]

„Bis zum letzten Hauch von Mann und Roß“

Am 7. August steht über der ersten Seite der Vossischen Zeitung der kaiserliche Aufruf An das deutsche Volk!, datiert auf den Vortag. Er ist von den Balkonreden Ende Juli und Anfang August zu unterscheiden. Nun ist der Krieg seit Tagen im Gange. Trotzdem lautet die entscheidende Behauptung:

„Mitten im Frieden überfällt uns der Feind.“

Wilhelm II., An das deutsche Volk!, 6. August 1914

Der Aufruf erzählt von deutscher Friedensarbeit und feindlichem Neid. Aus der Entscheidung zum Krieg wird die Pflicht zur Verteidigung; Zweifel erscheinen als Verrat. Gottes Beistand soll die Gewißheit des Sieges verbürgen. Die vorhergehenden deutschen Kriegserklärungen und der Einmarsch in Belgien verschwinden hinter dem Bild des überfallenen Landes. [3] [8]

In Teufelshauch stehen diese Worte in einer Stadt, deren Alltag bereits dem Krieg unterstellt wird. Die religiöse Sprache, der militärische Takt und das Verlangen nach bedingungsloser Gefolgschaft gehören zu ihrer bedrohlichen Atmosphäre.

Eine Formulierung aus dem Aufruf läßt sich nach Mottis Geschichte allerdings kaum noch überlesen: „bis zum letzten Hauch von Mann und Roß“. Für den Kaiser ist sie eine Bekräftigung. Für den Fuhrmann benennt sie, was der Krieg verlangt. [8]

Quellen und weiterführende Literatur

  1. Vossische Zeitung, Nr. 385, Morgenausgabe vom 1. August 1914, besonders S. 1–2: Kaiseransprache vom 31. Juli; „Erklärung des Kriegszustandes“ und Erläuterungen zu den Anordnungen. Staatsbibliothek zu Berlin, ZEFYS. Digitalisierte Ausgabe.
  2. Vossische Zeitung, Nr. 387, Morgenausgabe vom 2. August 1914: S. 1 Mobilmachungsbefehl und Ansprache des Kaisers; Erste Beilage, S. 1–2 (Digitalisatseiten 3–4), „Berlin am Abend der Mobilmachung“, „Bittgottesdienst im Dom“, „Aufhebung der Sonntagsruhe“, „Aushebung der Pferde“, „Aufrufe“ sowie Bekanntmachung der Reichsbank und Meldung zur Ablehnung von Papiergeld. Digitalisierte Ausgabe, ZEFYS.
  3. Andreas Mix: Die Juli-Krise 1914. Deutsches Historisches Museum, LeMO, 1. September 2014. Zur Eskalation, den Kriegserklärungen und dem Einmarsch in Belgien.
  4. Oliver Schweinoch und Arnulf Scriba: Das „August-Erlebnis“. Deutsches Historisches Museum, LeMO, Stand 24. November 2022. Zu Friedensdemonstrationen, Kriegsbegeisterung und Zukunftsangst.
  5. Wolfgang Kruse: Auslösung und Beginn des Krieges. Bundeszentrale für politische Bildung, Fassung vom 26. Februar 2026; besonders „Der Burgfriedensschluss“ und „Kriegsbegeisterung? Die Stimmungsentwicklung bei Kriegsbeginn“.
  6. Vossische Zeitung, Nr. 391, Abendausgabe vom 4. August 1914, S. 1: „Der Kaiser an den Reichstag“ und Berichte vom Schloß. Zur historischen Unterscheidung von Eröffnung im Schloß und anschließender parlamentarischer Sitzung. Digitalisierte Ausgabe, ZEFYS.
  7. Vossische Zeitung, Nr. 390, Morgenausgabe vom 4. August 1914, S. 1: „Fünf Milliarden Kriegskredite“ und „Abberufung des deutschen Botschafters aus Paris“. Die Berichte werden hier als zeitgenössische Nachrichten und Rechtfertigungen des Krieges gelesen. Digitalisierte Ausgabe, ZEFYS.
  8. Wilhelm II.: An das deutsche Volk!, 6. August 1914; abgedruckt in der Vossischen Zeitung, Nr. 396, Morgenausgabe vom 7. August 1914, S. 1. Digitalisierte Ausgabe, ZEFYS.

Bildnachweise

1. Bekanntgabe des Kriegszustands Unter den Linden, Berlin. Hermann Rex (1884–1937), laut Dateinachweis. 31. Juli 1914. Scan aus Hermann Rex: Der Weltkrieg in seiner rauhen Wirklichkeit. Das Frontkämpferwerk, Oberammergau 1926, S. 6. Wikimedia Commons, Dateikennung 15219906. Sammlung und Original; Digitalisat. Historische Aufnahme und Reproduktion gemeinfrei (Public Domain). Rechtestatus der Quelle; Public Domain Mark. Unbeschnitten auf 1200 × 834 Pixel verkleinert und in WebP umgewandelt; keine Retusche.

2. Berlin, Extrablatt. Photograph unbekannt; Herkunft: Scherl Bilderdienst. Anfang August 1914. Bundesarchiv, Bestand Bild 183 (Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst – Zentralbild). Signatur Bild 183-S32538. Sammlung und Original; Digitalisat. Vom Bundesarchiv unter CC BY-SA 3.0 Deutschland bereitgestellt. Webfassung unter derselben Lizenz. Rechtestatus der Quelle; CC BY-SA 3.0 DE. Unbeschnittene Archivfassung in WebP umgewandelt; Nachweisrand erhalten. Keine Retusche, keine Hochskalierung.

3. Berlin, Mobilmachung, Reservisten auf LKW. Photograph unbekannt; Herkunft: Scherl Bilderdienst. Etwa August 1914. Bundesarchiv, Bestand Bild 183 (Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst – Zentralbild). Signatur Bild 183-R22572. Sammlung und Original; Digitalisat. Vom Bundesarchiv unter CC BY-SA 3.0 Deutschland bereitgestellt. Webfassung unter derselben Lizenz. Rechtestatus der Quelle; CC BY-SA 3.0 DE. Unbeschnittene Archivfassung in WebP umgewandelt; Nachweisrand erhalten. Keine Retusche, keine Hochskalierung.

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