Literatur und Zeitgeschichte
Vorwärts und Vossische Zeitung
Zeitungen als Alltagslektüre, gesellschaftliches Zeichen und Material des Romans.
Motti steht in der Tür: Lederschürze über dem Zweireiher, Ballonmütze auf dem Kopf, der Vorwärts in der Jackentasche. Noch bevor er von seinem Frachtwagen und seinen Zukunftsplänen spricht, ist zu sehen, wie er sich versteht. Später wird eine andere Zeitung unter seinem Arm klemmen.
Etwa 7 Minuten Lesezeit
In diesem Beitrag
Ein Blatt, das mit ins Zimmer kommt
Der junge Fuhrmann trägt seine Zeitung sichtbar. Ihr Titel gehört zu seinem Auftritt wie die Arbeitskleidung und die Mütze, die er als „stolze Krone des unbeugsamen Proletariers“ bezeichnet. Hildas Mutter kann ihn mit einem Blick einordnen. Er liefert die Mäntel aus, die sie näht; für ihre Tochter hält sie ihn trotzdem für keine standesgemäße Partie.
Gerade in diesem Zimmer bekommt der Vorwärts Gewicht. Die Kommerzienrätin lebt von schlecht bezahlter Arbeit und hält an ihrem gesellschaftlichen Rang fest. Motti ist stolz auf seine Herkunft als Arbeiter und spricht zugleich vom eigenen Wagen, von zwei Pferden und von einer künftigen Teilhaberschaft. Besitzwunsch und proletarisches Selbstbewußtsein stecken bei ihm in derselben Jacke.
Der Name auf dem Papier ist dabei eindeutig. Unter dem Zeitungstitel stand um 1900: „Centralorgan der socialdemokratischen Partei Deutschlands“. Wer den Vorwärts las, fand dort die Welt aus der Perspektive der organisierten Arbeiterbewegung: politische Forderungen, Auseinandersetzungen um Arbeit und Lohn, Versammlungen und die Debatten innerhalb der Sozialdemokratie. [1] [2]

Der Vorwärts: eine eigene Öffentlichkeit
Als Motti mit dem Blatt in der Tasche auftritt, hat dessen Name bereits eine Geschichte von Verbot und Wiederkehr hinter sich. Der erste Vorwärts erschien 1876 in Leipzig. Unter dem Sozialistengesetz wurde er 1878 verboten. Das Gesetz erlaubte die Unterdrückung sozialistischer Organisationen, Versammlungen und Druckschriften; es galt bis 1890. Seit dem 1. Januar 1891 erschien in Berlin wieder ein Vorwärts, hervorgegangen aus dem Berliner Volksblatt. Wilhelm Liebknecht übernahm die Chefredaktion. [2] [3]
„Zentralorgan“ bedeutete, daß die Zeitung eine zentrale Stimme der Partei sein sollte. Zugleich war sie eine Berliner Tageszeitung. Die Redaktion mußte den Lesern regelmäßig etwas bieten: Nachrichten aus der Stadt, Berichte aus Gerichten und Parlamenten, Hinweise auf Veranstaltungen, Lektüre für freie Stunden. Zwischen Parteiführung und Redaktion konnte es dabei durchaus Streit über die politische Richtung geben. [2]
Wie breit dieses Angebot war, zeigt eine Ausgabe vom 3. Januar 1900. Unter der Überschrift „Der Wohnungsmangel“ geht es um die verfügbaren Wohnungen in den Berliner Stadtteilen. Weitere Spalten behandeln das Rettungswesen und die Schuljugend. Arbeitergesangvereine geben ihre Proben bekannt, der Arbeiter-Turnerbund seine Übungsstunden. Ein Briefkasten der Redaktion, Theaterprogramme und Warenanzeigen ergänzen die Nachrichten. Das ist eine ganze Lebenswelt, bis hin zur Frage, wohin man nach Feierabend geht. [1]
Ein Monatsabonnement kostete damals 1 Mark 10 Pfennig, eine einzelne Nummer fünf Pfennig. Auch Julie Wolfthorns Plakat wirbt mit dem Monatspreis und der Zustellung „frei ins Haus“. Die Zeitung will regelmäßig auf dem Tisch liegen. [1]
Für einen Leser wie Motti verbindet sich damit die Erfahrung, daß seine Arbeitswelt öffentlich vorkommt. Fuhrleute, Schneiderinnen und andere Beschäftigte erscheinen hier als Menschen mit gemeinsamen Interessen. Der Abstand zwischen dem Leben im Hinterhof und der Politik läßt sich in Zeitungsspalten überbrücken.
„Tante Voß“: ein alter Name im neuen Berlin
Die Vossische Zeitung bringt eine andere Tradition mit. Ihr Name geht auf den Verleger Christian Friedrich Voß zurück, der das Blatt 1751 übernahm. Die Zeitung hatte schon lange vor Mottis Geburt zum Berliner Leben gehört. Ihr vertrauter Beiname „Tante Voß“ paßt zu diesem Alter: Man spricht von ihr beinahe wie von einer Verwandten. Über Generationen war sie eine Stimme des liberalen Bürgertums gewesen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts geriet sie gegenüber den großen, modernen Massenblättern ins Hintertreffen; seit 1914 erschien sie im Ullstein-Verlag. [4]
Auf der Titelseite vom 1. August 1914 stehen Tradition und moderner Zeitungsbetrieb dicht beieinander. Über dem Text prangt ein Adler; darunter nennt sich das Blatt noch „Königlich privilegirte Berlinische Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen“. Wenige Zeilen tiefer stehen der Verlag Ullstein & Co., Geschäftsstellen, Fernsprechanschlüsse, Bezugspreise und Anzeigentarife. Die Zeitung betont ihre Herkunft und verkauft zugleich Nachrichten auf einem hart umkämpften Markt. [5]
Der Kopf kündigt ein Finanz- und Handelsblatt, Grundstücks- und Hypothekenfragen, eine „Literarische Umschau“, eine tägliche Sportbeilage, Wissenschaft und Reiselektüre an. Wer die Vossische unter dem Arm trägt, führt damit ein Stück bürgerlicher Öffentlichkeit mit sich: Politik, Geschäft und Bildung gehören in diesem Blatt zusammen. [5]

Frack, Zylinder, Vossische
Der Roman stellt Mottis Arbeitskleidung eine zweite Ausstattung gegenüber: Frack, gestärktes Leinen, Zylinder und Lackschuhe. Zur selben Verwandlung gehört der Zeitungstausch. An die Stelle des Vorwärts tritt die Vossische Zeitung. Hilda sieht einen „feinen Pinkel“ vor sich.
Die Zeitung ist so genau gewählt wie jedes Kleidungsstück. Der Vorwärts ragt aus der Seitentasche des Arbeitsrocks; die Vossische klemmt unter dem Arm. Aus dem mitgeführten täglichen Begleiter wird ein Bestandteil des vornehmen Auftretens. Hildas Abneigung richtet sich gegen den ganzen Anblick: Der vertraute junge Mann scheint sich in jemanden verwandelt zu haben, der zu einer anderen Gesellschaft gehören will.
Im Kapitel „Tante Voß“ erhält dieser Zusammenhang seine trockenste Formulierung:
„Und jemand mit Pinke las nun mal die Vossische Zeitung.“
Teufelshauch
Das klingt wie eine unumstößliche Regel und entlarvt gerade dadurch den Anspruch, der darin steckt. Motti wählt die Zeitung, die zu seiner Stellung als Fuhrunternehmer passen soll. Seine Bindung an die proletarische Herkunft ist damit keineswegs verschwunden. Der Roman läßt beides nebeneinander bestehen: den Stolz auf die eigene Arbeit und die Freude daran, endlich jemand mit Geld zu sein.
Was man außer Politik zu lesen bekam
Ein Blick in die alten Ausgaben macht die beiden Zeitungen wieder zu Gebrauchsgegenständen. Man muß sie aufschlagen, die engen Spalten überfliegen, Überschriften suchen, eine Meldung weiterverfolgen. Auf derselben Seite können große Politik und kleine Bedürfnisse unmittelbar aneinanderstoßen.
Die Vossische nennt im August 1914 für Groß-Berlin einen monatlichen Bezugspreis von 2 Mark 70 Pfennig bei zweimaliger freier Zustellung am Tag. Sie erscheint morgens und abends, an Sonn- und Festtagen einmal. Ihre Anzeigenspalten werden nach Zeilen berechnet; Stellenanzeigen haben einen eigenen Tarif. Schon der Zeitungskopf verrät, daß hier verschiedene Gruppen zusammenkommen: Abonnenten, Geschäftsleute, Wohnungssuchende, Arbeitgeber und Menschen, die Arbeit brauchen. [5]
Auch der Vorwärts bot seinen Lesern Literatur. Das Unterhaltungsblatt vom 3. Januar 1900 beginnt mit Clara Viebigs Das Weiberdorf. Roman aus der Eifel. Wandernde Männer kehren in ihr Dorf zurück; ihre Gespräche bringen die Mundart in die Zeitungsspalten. Der Fortsetzungsroman führt die Berliner Leser in eine andere Landschaft und läßt sie auf die nächste Folge warten. Ein Parteiblatt konnte zugleich die Zeitung sein, in der man einen Roman las. [6]

Nach der Lektüre bleibt Papier. In der Dachkammer wird es zerknüllt, um Feuer zu machen. Bei Miegel dient es als Verpackung. Eine Zeitung kann an einem Tag politische Haltung zeigen und am nächsten den Ofen entzünden. Diese beiläufigen Handgriffe gehören ebenso zur materiellen Welt des Romans wie Kohlen, Mäntel und Frachtwagen.
Als Motti im August 1914 beginnt, die Ausgaben aufzubewahren, fällt das deshalb auf. Was gewöhnlich verbraucht wird, bildet nun einen Stapel auf seinem Schreibtisch. Jeder neue Tag fügt etwas hinzu; die vergangenen Tage lassen sich wieder aufschlagen.
Wie Nachrichten in den Roman eingehen
Bei der Vossischen Zeitung lassen sich manche dieser Blätter genau bestimmen. Die Morgenausgabe vom 1. August 1914 eröffnet mit „Deutschlands Ultimatum“. Am 4. August stehen „Fünf Milliarden Kriegskredite“ über der ersten Seite. Das sind die Schlagzeilen, die Mottis Lektüre ihren Rhythmus geben. [5] [7]
Der Roman übernimmt auch kleinere Nachrichten und die Wechsel zwischen ihnen: politische Erklärungen, militärische Meldungen, Vorschriften, beruhigende Aufrufe. Die Sätze werden kürzer, die Neuigkeiten drängen sich. Beim Lesen erlebt man, wie eine große Entwicklung in lauter einzelne Mitteilungen zerfällt, die täglich ankommen und sofort weitere Gedanken auslösen. Die historischen Hintergründe dieser Woche erläutert der Beitrag Berlin im August 1914.
Daneben steht die ausführliche, feierliche Sprache der Reportage. Die Vossische beschreibt den Kaiserauftritt vom 31. Juli mit der Wendung „von ungeheurem Jubel umbraust“. Der Roman nimmt sie auf und setzt sie neben Mottis körperlich nahes, wenig ehrerbietiges Erleben unter dem Balkon. Die würdige Zeitungsformel trifft auf Gedränge, Geräusche und Spuckenebel. [5]
Hier wird aus historischem Zeitungstext eine Romanszene. Der gedruckte Jubel bekommt einen Standort im Gedränge und einen Leser, der dabei gewesen ist. Wie beim Wechsel vom Vorwärts zur Vossischen kommt es auf diesen einzelnen Menschen an: auf das, was Motti erwartet, worauf er stolz ist und was er aus seiner Zeitung herausliest.
Quellen und weiterführende Literatur
- Vorwärts. Berliner Volksblatt, 17. Jahrgang, Nr. 1, 3. Januar 1900: S. 1, Zeitungskopf und Bezugspreise; S. 5, Wohnungsmangel, Rettungswesen und Schuljugend; S. 6, Vereinsnachrichten; S. 7, Briefkasten der Redaktion; S. 8, Theaterprogramme und Anzeigen. Digitalisierte Ausgabe, Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung; dauerhafter Nachweis. Die Ausgabe veranschaulicht das Angebot um 1900; der Roman legt keine bestimmte Tagesausgabe des Vorwärts fest.
- Franz Osterroth und Dieter Schuster: Chronik der deutschen Sozialdemokratie, Bd. 1, Einträge zum Parteitag von 1890 und zum 1. Januar 1891, digitale Ausgabe der Friedrich-Ebert-Stiftung. Ergänzend: Historische Informationstafel Lindenstraße 2–4: Der Vorwärts. Das Zentralorgan der SPD, dokumentiert bei Gedenktafeln in Berlin.
- Arnulf Scriba: Das Sozialistengesetz. Deutsches Historisches Museum, LeMO, 25. August 2014. Zur Verfolgung der sozialdemokratischen Organisationen und Presse zwischen 1878 und 1890.
- Mendelssohn-Gesellschaft: Vossische Zeitung, Einführung zum historischen Zeitungsarchiv. Zur Verlegergeschichte, zum liberalen Bürgertum und zur Übernahme durch Ullstein.
- Vossische Zeitung, Nr. 385, Morgenausgabe vom 1. August 1914, S. 1: Zeitungskopf mit Rubriken und Bezugspreisen; „Deutschlands Ultimatum“; Bericht über die Kaiseransprache vom 31. Juli. Digitalisierte Ausgabe, Staatsbibliothek zu Berlin / ZEFYS.
- Unterhaltungsblatt des Vorwärts, 17. Jahrgang, Nr. 1, 3. Januar 1900, S. 1: Clara Viebig, Das Weiberdorf. Roman aus der Eifel, Beginn der Fortsetzung. Digitalisierte Ausgabe, Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung. Die Ausgabe dient hier als Beispiel für das literarische Angebot der Zeitung um 1900.
- Vossische Zeitung, Nr. 390, Morgenausgabe vom 4. August 1914, S. 1: „Fünf Milliarden Kriegskredite“. Digitalisierte Ausgabe, Staatsbibliothek zu Berlin / ZEFYS.
Bildnachweise
1. Vorwärts. Mark 1,10 pro Monat; frei ins Haus. Julie Wolfthorn (1864–1944), Entwurf; Kunstanstalt Hollerbaum & Schmidt, Berlin, Druck. um 1902; Wikimedia Commons datiert „vor 1902“, die Ausstellung der Deutschen Digitalen Bibliothek „1902“. Kunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin; digitale Reproduktion über Wikimedia Commons SMB-Sammlungsdatensatz 1850484; Wikimedia Commons, Datei-ID 94268335. Sammlungskatalog; Sammlung und Original; Digitalisat. Entwurf und originalgetreue Reproduktion gemeinfrei. Wikimedia Commons kennzeichnet die Datei mit PD-Art und PD-old-auto-expired; Julie Wolfthorn starb 1944. Rechtestatus der Quelle; Gemeinfrei (PD-Art / PD-old). Unbeschnitten; proportional von 2688 × 4000 auf 1000 × 1488 Pixel verkleinert; als WebP gespeichert. Keine weiteren Änderungen.
2. Vossische Zeitung, Morgen-Ausgabe Nr. 385, 1. August 1914, Titelseite. Vossische Zeitung; Verlag Ullstein & Co., Berlin. Verantwortlich für die Redaktion laut Zeitungskopf: H. Bachmann. 1. August 1914. Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Zeitungsinformationssystem ZEFYS; Digitalisat eines Mikrofilms ZDB-ID 2711236-6; Ausgabe SNP27112366-19140801-0-0-0-0, Scan 1 Sammlungskatalog; Sammlung und Original; Digitalisat. Public Domain Mark 1.0. Die Staatsbibliothek stellt die über ZEFYS angebotenen Zeitungsdigitalisate ohne Lizenz- und Nutzungseinschränkungen bereit. Rechtestatus der Quelle; Public Domain Mark 1.0. Unbeschnitten; proportional von 2400 × 3371 auf 1400 × 1966 Pixel verkleinert; WebP. Keine weiteren Änderungen.
3. Unterhaltungsblatt des Vorwärts, Nr. 1, 3. Januar 1900, Seite 1: Clara Viebig, Das Weiberdorf. Clara Viebig (1860–1952), Text; verantwortlicher Redakteur Paul John; Druck und Verlag Max Bading, Berlin (Impressum auf Seite 4). 3. Januar 1900. Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung, Digitale Sammlungen: Historische Presse der deutschen Sozialdemokratie URN urn:nbn:de:bo133-1-321982; Ausgabe-ID 301031, Seite-ID 301032; ZDB-ID 2891836-8 Sammlung und Original; Digitalisat. Gemeinfreier Text und originalgetreue digitale Reproduktion. Clara Viebig starb am 31. Juli 1952; die Schutzfrist ihres Textes endete mit Ablauf des Jahres 2022 (§§ 64, 69 UrhG). Die abgebildete Seite enthält ihren Romananfang und den Zeitungskopf. Clara Viebig: Lebensdaten im FES-Personenindex; Gemeinfreier Text; originalgetreuer Scan. Unbeschnitten; proportional von 2480 × 3507 auf 1400 × 1980 Pixel verkleinert; WebP. Keine weiteren Änderungen.
Digitale Quellen und Bildnachweise geprüft am 2. November 2026.