Schauplätze

Garbáty und die Königin von Saba

Von der Schönhauser Allee nach Pankow: die Zigarettenfabrik und ihre berühmteste Marke.

In Tallars silberner Zigarettenkiste liegen drei Schachteln „Königin von Saba“. Auf der Packung lächelt ein Mann mit Schnurrbart: Josef Garbáty, der Fabrikant. Hilda betrachtet ihn; Motti glaubt später, von ihm geradezu ermuntert zu werden. Hinter diesem kleinen Bild steht eine Berliner Unternehmensgeschichte, die für einen jungen Fuhrmann aus der Grenadierstraße einiges zu bedeuten hat.

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Ein bekanntes Gesicht auf der Schachtel

Der Mann auf der Zigarettenpackung ist keine Erfindung des Romans. Eine erhaltene Schachtel im Jüdischen Museum Berlin zeigt Josef Garbátys Porträt in einem goldfarbenen Schmuckrahmen. Darüber steht sein Name; zu beiden Seiten sind Wappen angebracht. Im Hintergrund erscheinen Kuppeln und andere Motive einer orientalischen Stadt. Unter dem Bild liest man „Königin von Saba“. Die kleine Pappschachtel läßt sich wie eine Streichholzschachtel aufschieben. [1]

Auf wenigen Quadratzentimetern treffen eine biblische Königin, eine ferne Stadtlandschaft und ein Berliner Unternehmer zusammen. Der Firmenname ist ein Gesicht geworden. Genau dieses Gesicht erkennt der Roman wieder: Garbáty „strahlte über seinem Schnurrbart“.

Historische Werbezeichnung der Zigarettenpackung Königin von Saba mit dem Gründerporträt Josef Garbátys, Ornamenten und einer orientalischen Stadtsilhouette.
Das Gründerporträt auf der „Königin von Saba“. Ausschnitt aus einer Garbáty-Anzeige in der Magdeburger Volksstimme vom 28. November 1931. Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung; gemeinfrei. Vollständiger Bildnachweis.

Von Lida über die Linienstraße zur Schönhauser Allee

Josef Garbáty-Rosenthal wurde 1851 in Lida geboren. Seine Familie kam nach Berlin; der Vater begann in den 1870er Jahren mit der Herstellung von Zigaretten in Heimarbeit. Josef stieg in das Geschäft ein. Aus der Familienarbeit wurde ein Unternehmen, an dessen Aufbau auch seine Frau Rosa Rahel beteiligt war. Die frühen Adressen führen durch den Berliner Norden: 1881 Linienstraße 37, ab 1890 Schönhauser Allee 143, ab 1896 Schönhauser Allee 56. [2]

1896 wurde die „Cigarettenfabrik J. Garbáty“ ins Handelsregister eingetragen. Der Name mußte sich in einem dicht besetzten Markt durchsetzen. Garbáty machte die Verpackung, die Anzeige und den einprägsamen Schriftzug zu Bestandteilen seines Geschäfts. Die „Königin von Saba“ wurde sein größter Markenerfolg. [3]

Für das Berlin der frühen Romanszenen liegt die Fabrik damit an der Schönhauser Allee. Sie gehört zur Arbeitswelt nördlich des Scheunenviertels. Wer in der Grenadierstraße von einer Beschäftigung „bei Garbáty“ spricht, nennt einen wirklichen Betrieb. Die große Anlage, an die der Name heute in Pankow erinnert, entsteht erst einige Jahre später.

Die Fabrik wächst nach Pankow

1906 zog die Produktion nach Pankow. An der Hadlichstraße errichtete Paul Ueberholz neue Fabrikgebäude; 1913 kam ein weiterer Bau zur Berliner Straße hinzu. Pankow war damals noch eine selbständige Gemeinde, durch die Straßenbahn mit Berlin verbunden. Hier gab es Platz für die Erweiterung des Betriebs. [4] [5]

Die Fabrik bekam eine repräsentative Straßenfront. Hinter ihr lagen Produktionsräume und Lager; neben dem Firmengelände stand Garbátys Villa. Der heutige Denkmalbestand umfaßt Fabrik, Wohnhaus, Kontor, Speicher und Einfriedung. An diesem Ort läßt sich das Ausmaß des Unternehmens besser ablesen als an einer Zigarettenschachtel: Aus der Arbeit einer Familie war eine große Fabrikanlage geworden. [4] [5]

Farbige historische Werbezeichnung des Garbáty-Werks in Pankow mit geöffnetem Eingangstor, Fabrikhof und mehrgeschossigen Gebäuden. Die Fassade trägt den Firmennamen; rechts steht Tabak-Lager.
Die Pankower Fabrik in einer zeitgenössischen Werbeansicht von 1916. Rechts ist das Tabaklager zu sehen; unter der Ansicht stehen deutsche und kyrillische Werbezeilen. Illustrirte Zeitung, 30. November 1916 / Wikimedia Commons; gemeinfrei. Vollständiger Bildnachweis.

„Bei Garbáty“: Arbeit und Auskommen

Motti nennt die Firma in einem ganz anderen Ton. Als er auf die Geschäfte und die Menschen der Grenadierstraße blickt, erscheint ihm schon eine geregelte Beschäftigung als Privileg. Wer sie hat, „stopfte Zigaretten bei Garbáty oder rührte im Bottich von Heinns Essigfabrik“. Danach bleiben Bier, Skat und große Reden. Motti will mehr.

Die beiden Firmennamen bezeichnen für ihn erreichbare Arbeitsplätze. Sie versprechen einen Lohn und einen festgelegten Tagesablauf. Einen eigenen Wagen, Pferde, ein Geschäft unter dem eigenen Namen – das stellt er sich anders vor. Sein Unmut gilt dem Gedanken, daß das Leben nach jeder Schicht wieder an derselben Stelle beginnt.

Der historische Betrieb entwickelte zugleich Einrichtungen, die den Beschäftigten unmittelbar zugutekamen: eine Kantine, Pausenräume, Bäder, eine Wäscherei und eine Bibliothek. Garbátys Sozialpolitik gehörte zum Ruf der Firma. [5] [6] Die Arbeitslosenversicherung, mit der das Unternehmen seiner Zeit voraus war, stammt allerdings aus dem Jahr 1918; sie gehört in die spätere Entwicklung der Fabrik. [2]

Auch außerhalb des Betriebs wurde Garbáty als Stifter sichtbar. Im benachbarten Jüdischen Waisenhaus an der Berliner Straße finanzierte er 1913 den Betsaal mit seiner aufwendigen Kassettendecke. Fabrik und Waisenhaus standen dicht beieinander. Unternehmerischer Erfolg konnte hier Beschäftigung schaffen und Einrichtungen der jüdischen Gemeinde tragen. [7]

Eine Königin verkauft Zigaretten

Die Packung versprach etwas anderes als den Arbeitsalltag ihrer Hersteller. Auf dem erhaltenen Stück im Jüdischen Museum wird die Ware als „echte Orient-Cigarette“ bezeichnet. Der biblische Name, die Stadtansicht und der Goldschmuck gaben ihr eine Herkunft aus einer Welt von Reichtum und Ferne. Produziert wurde sie in Berlin. [1]

Garbáty setzte solche Vorstellungen gezielt ein. Andere Marken hießen „Feudal“, „Duke of Edinburgh“ oder „Prince of Battenberg“. Namen aus Adel, Geschichte und Antike sollten die Produkte unterscheidbar machen. Die Reklame reichte von Verpackungen und Zeitungsanzeigen bis zu beschrifteten Firmenwagen. [3]

Die Königin von Saba bringt ihren Reichtum schon in der biblischen Erzählung mit. Im ersten Buch der Könige reist sie mit Gefolge, Gewürzen, Gold und Edelsteinen nach Jerusalem, um Salomos Weisheit mit Rätseln zu prüfen. Im älteren Lutherwortlaut heißt sie „Königin von Reicharabien“. Ihr Besuch führt sie in einen Hofstaat, dessen Pracht ihre Erwartungen übertrifft. [8]

Diesen Wortlaut greift Teufelshauch auf, wenn Hilda bei ihrer Ankunft in Dalldorf „Einzug wie einst die Königin von Reicharabien in Jerusalem“ hält. Sie sieht sich als vornehme Dame. Kurz darauf begegnet derselbe königliche Name auf einer Zigarettenschachtel. Die Pracht hat sehr verschiedene Größen: das Gebäude, vor dem Hilda steht, die silberne Kiste auf dem Tisch und die kleine bedruckte Verpackung darin.

Der Mann, der es geschafft hat

Motti schaut auf das Porträt mit einem anderen Wunsch. Der lächelnde Fabrikant scheint ihm zuzurufen:

„Wenn ich armer Jid aus dem Schtetl in Lida es geschafft habe“, schien er seinen Landsmann aufzumuntern, „schaffst du es allemal.“

Teufelshauch

Das ist Mottis Zuspruch an sich selbst, dem er Garbátys Gesicht leiht. Die Herkunft des Fabrikanten macht ihn zum geeigneten Vorbild. Da ist einer, der als jüdischer Einwanderer in Berlin ein Unternehmen aufgebaut hat und dessen Name nun auf unzähligen Schachteln steht. Für Motti ist Erfolg damit etwas Vorstellbares. Er muß nicht für immer der Fuhrmann bleiben, den andere herumkommandieren.

So begegnet Garbáty ihm zweimal: als Arbeitgeber für jene, die Zigaretten herstellen, und als Unternehmer, dessen Aufstieg er sich selbst wünscht. In Tallars Salon liegt das alles griffbereit in einer silbernen Kiste. Der Doktor braucht nur zu sagen: „Greif zu!“

Der Ort und seine spätere Geschichte

Die Pankower Fabrik wurde bis in die frühen 1930er Jahre erweitert. Unter der nationalsozialistischen Herrschaft geriet das jüdische Unternehmen unter Verfolgungsdruck; 1938 wurde die Familie zum Verkauf gezwungen. Die Söhne konnten mit ihren Familien auswandern. Josef Garbáty blieb in Berlin und starb im Juni 1939. Sein Grab liegt auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee. [9] [5]

Wer den Ort aufsuchen möchte, findet die erhaltene Fabrikanlage an der Hadlichstraße und der Berliner Straße in Pankow. Sie steht unter Denkmalschutz und wird heute unter anderem zum Wohnen genutzt. Der Garbátyplatz vor dem Bahnhof trägt den Namen des Fabrikanten weiter. Von dort sind es nur wenige Schritte zu den Gebäuden, in denen die „Königin von Saba“ hergestellt wurde. [4] [5] [2]

Quellen und weiterführende Literatur

  1. Jüdisches Museum Berlin: Zigarettenschachtel der Firma Garbáty für die Marke „Königin von Saba“, Inv.-Nr. 2008/28/2, Berlin, ca. 1890–1939. Objektbeschreibung, Aufschriften und Porträtbestimmung. Im Datensatz weiterführend genannt: Erik Lindner, „Garbáty – eine Zigarettenfabrik in Pankow“, in: „Arisierung“ in Berlin, Berlin 2007, S. 247–296.
  2. KAUPERTS: Garbátyplatz, Abschnitt „Geschichte“. Biographische Daten, frühe Firmenadressen, betriebliche Arbeitslosenversicherung von 1918 und Benennung des Platzes.
  3. Björn Berghausen, Berlin-Brandenburgisches Wirtschaftsarchiv: Die Königin von Saba ist aus Berlin. In: Berliner Wirtschaft, 9/2015, S. 66. Zur Handelsregistereintragung, Markenwahl und Werbung.
  4. Landesdenkmalamt Berlin: Zigarettenfabrik Garbáty, Denkmaldatenbank, Obj.-Dok.-Nr. 09085260. Gesamtanlage Hadlichstraße 41, 44 / Berliner Straße 123; Bauphasen und Architekten.
  5. visitBerlin: Zigarettenfabrik Garbáty. Zur Verlagerung nach Pankow, den Bauten von Paul Ueberholz und Fritz Höger sowie zur späteren Nutzung.
  6. Berliner Zentrum Industriekultur: Zigarettenfabrik Garbáty. Zur Bedeutung des Unternehmens als Arbeitgeber und zu den Sozialeinrichtungen. Ergänzend: Förderverein Jüdischer Friedhof Weißensee, Rundgang, Station 31.
  7. Bezirksamt Pankow von Berlin: Sehenswertes in Pankow, Abschnitt „Jüdisches Waisenhaus“. Zur Stiftung des Betsaals durch Josef Garbáty-Rosenthal im Jahr 1913.
  8. 1. Könige 10,1–13, Lutherbibel 1912, digitale Ausgabe der Deutschen Bibelgesellschaft. Besuch der „Königin von Reicharabien“ bei Salomo.
  9. Förderverein Jüdischer Friedhof Weißensee: Rundgang, Station 31: Josef Garbáty-Rosenthal, Grabfeld D 4. Unternehmensgeschichte, Stiftungen, Zwangsverkauf und Emigration der Söhne.

Bildnachweise

1. Königin von Saba mit dem Porträt Josef Garbátys – Detail einer Zeitungsanzeige. Unbekannter Entwerfer; Auftraggeber: Garbáty. 28. November 1931. Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung, historisches Zeitungsarchiv, Magdeburger Volksstimme Volksstimme. Tageszeitung der Sozialdemokratischen Partei im Regierungsbezirk Magdeburg, 42. Jahrgang, Nr. 278, 28. November 1931, S. 5 (PDF-Seite 5), rechte Anzeigenspalte Sammlungskatalog; Sammlung und Original; Digitalisat. Gemeinfreie, 1931 anonym veröffentlichte Werbegrafik; originalgetreue digitale Reproduktion des Zeitungsdrucks. Der Entwerfer ist nicht genannt; die Schutzfrist für die anonyme Veröffentlichung ist abgelaufen (§§ 66, 69 UrhG). Schutzfrist anonymer Werke (§ 66 UrhG); Reproduktionen gemeinfreier visueller Werke (§ 68 UrhG). Detailausschnitt aus dem unteren Teil der Anzeige: Saba-Packung, Markenschriftzug und Schluß des Werbetextes. In Originalauflösung des Ausschnitts (650 × 1186 Pixel) als WebP gespeichert; keine Retusche.

2. Garbáty-Zigarettenfabrik Berlin-Pankow – zeitgenössische Werbeansicht. Unbekannter Entwerfer; Auftraggeber: J. Garbáty. 30. November 1916. Digitální studovna Ministerstva obrany ČR, digitalisierte Illustrirte Zeitung; Bezugsdatei Wikimedia Commons Illustrirte Zeitung, Leipzig: J. J. Weber, Nr. 3831 (122), 30. November 1916, S. [728a]; digitale Seite UUID dd4c4072-1247-11e8-9cb6-005056b73ae5; Commons-Datei-ID 154611682 Sammlungskatalog; Sammlung und Original; Digitalisat. Gemeinfrei. Wikimedia Commons führt die anonyme historische Anzeige als Public domain mit PD-anon-70-EU. Rechtestatus der Quelle; Gemeinfrei (PD-anon-70-EU). Die vorhandene Commons-Abbildung unbeschnitten und proportional von 1691 × 897 auf 1500 × 796 Pixel verkleinert; WebP. Keine Retusche oder Farbänderung.

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