Menschen und Lebenswelten
Kohlenkutscher und Mantelnäherinnen
Die Arbeit, von der Motti und Hilda leben, und die materiellen Bedingungen ihres Alltags.
„Ich mache zwei Touren, Hilda! Morgens Rozenblums Kohlen und am Abend die Mäntel. Du nähst, und ich komme mit der Kiepe.“ Motti hat einen Plan. Er fährt, sie näht; zusammen werden sie sich durchbringen. Die Wohnung ist hergerichtet, das Kind hat eine Wiege. Jetzt muß das Leben darin bezahlt werden.
Sechsmal in der Woche geht Motti im Morgengrauen aus dem Haus. Wenn er am späten Nachmittag zurückkommt, ist sein Gesicht rußschwarz. Er wäscht sich, nimmt die Mäntel, die Hilda neben den Küchentisch gestellt hat, und zieht wieder los. Zwischen beiden Touren liegt gerade genug Zeit, um die Spuren der ersten Arbeit abzuwaschen. In der Dachkammer wartet die nächste Lieferung schon auf ihn.
Kohlen für die Stadt
Schon zu Beginn von Teufelshauch schütten Kohlenkutscher ihre Fracht auf den Gehsteig. Von dort werden die Briketts durch Schächte in die Kohlenbunker geschaufelt. Das ist die letzte Strecke einer Versorgung, die bis in die Häuser hinein körperliche Arbeit verlangt: abladen, schaufeln, verstauen. Bei Rozenblum stehen die Kohlenkisten im Hinterhof bereit. Er wuchtet eine davon auf den Wagen und drängt Motti zur Eile: „Die Kohle fährt sich nicht von selber.“
Berlin heizte mit Briketts. Wie sehr sie zum Alltag gehörten, zeigt ein Bericht der Gartenlaube von 1899 über die Müllbeseitigung. Die Berliner Asche enthielt so viel unbrennbare Brikettasche, daß die Müllverbrennung Schwierigkeiten bereitete. Was in den Wohnungen Wärme erzeugte, beschäftigte nach dem Auskehren der Öfen noch einmal Fuhrleute und Stadtverwaltung. [1]

Auf Zilles Fotografie wirbt die „Holz. Kohlen Handlung von Rudolf Heinrich“ an einem Bretterzaun. Durch die Einfahrt sieht man den Kohlenplatz; darüber erhebt sich eine kahle Hauswand. Ein solcher Händler brauchte Lagerfläche, eine Zufahrt und Kundschaft in den umliegenden Häusern. Der Verkauf von Brennstoff gehörte mitten ins Wohnviertel. Rozenblums Kohlenhandlung und die kleinen Wohnungen über seinem Hof stehen in dieser Nachbarschaft von Gewerbe und Wohnen.
Motti bewegt tagsüber die Kohlen anderer Leute. Oben in der Dachkammer wird jedes Brikett bedacht. Ein geöffnetes Dachfenster läßt die Kälte herein, und bis man den Mantel wieder ablegen kann, kostet es, wie Hilda weiß, mindestens ein Kohlebrikett. Frische Luft muß man sich leisten können. Der Kanonenofen wärmt das Zimmer; auf ihm wird Wasser heiß gemacht und das Essen gekocht. Brennstoff fehlt also an mehreren Stellen zugleich, sobald er knapp wird.
Von der Mantelträgerin zur Mantelnäherin
Hildas Mutter hat Mäntel früher gekauft. Auf der anderen Seite der Stadt gehörten Pelze und gute Kleidung zu ihrem Leben. Beim Umzug ins Scheunenviertel kommt eine verstaubte Nähmaschine aus ihrer Jugend auf den Handkarren. Neben dem Bett, dem Tisch und zwei Stühlen ist sie eines der wenigen Dinge, die geblieben sind – und dasjenige, mit dem sich nun Geld verdienen läßt.
Der Roman nennt die Mutter eine „Mantelträgerin“, während die Mantelnäherinnen hungern. Wenig später näht sie selbst. Motti besorgt ihr die Aufträge und liefert die fertigen Stücke bei den Konfektionären ab. Die Arbeit ist kärglich bezahlt, aber regelmäßig. Später übernimmt Hilda diese Arbeit. Die Nähmaschine wandert mit den beiden Frauen durch ihren sozialen Abstieg.
Die Berliner Konfektion stellte Kleidung für einen großen, weit über die Stadt hinausreichenden Markt her. Rund um den Hausvogteiplatz saßen bedeutende Unternehmen; ein Teil der Fertigung fand in kleinen Werkstätten und Privatwohnungen statt. Die Nähmaschine verband die Arbeit zu Hause mit einer Industrie, deren Ware in Geschäften auslag und exportiert wurde. Frauen aus Arbeiter-, Handwerker- und auch verarmten bürgerlichen Haushalten fanden hier Verdienst. Wer davon leben mußte, litt besonders unter den niedrigen Löhnen und der unregelmäßigen Beschäftigung. [2]
Viele Aufträge liefen über Zwischenmeister. Sie übernahmen Ware vom Konfektionär, verteilten Näharbeiten und organisierten die Fertigstellung. Dabei konnte ein Kleidungsstück mehrfach zwischen Heimarbeiterin und Werkstatt unterwegs sein. Hans Grandke beschreibt 1899 verschiedene Verfahren: Manche Frauen nähten ein Stück weitgehend fertig; andere lieferten zunächst nur die sogenannten „Rümpfe“, Jacketts ohne Knopflöcher und Besatz. Bügeln und Ausfertigen konnten weitere Arbeitskräfte übernehmen. Der häufige Weg zwischen Wohnung und Werkstatt verschlang zusätzliche Zeit. [3]
Hildas Knopflöcher, die Fransen und die herausstehenden Fäden gehören zu dieser kleinteiligen Arbeit. Mit den Maschinennähten war ein Mantel noch lange nicht fertig. Und mit dem letzten Stich lag der Lohn noch nicht auf dem Tisch: Die Ware mußte abgeliefert werden. Mottis Kiepe verbindet die Dachkammer mit den Auftraggebern. Schon für Hildas Mutter hat er diese Wege übernommen; mit seiner zweiten Tour hält er nun die gemeinsame Arbeit in Gang.
Wenn die Aufträge kommen – und wenn sie ausbleiben
Für eine Heimarbeiterin war die Menge der Aufträge ebenso entscheidend wie der Preis für das einzelne Stück. Bei Stücklohn brachte eine arbeitsarme Woche entsprechend wenig Geld. Hochbetrieb wiederum bedeutete, möglichst viel zu schaffen, solange Arbeit vorhanden war. Den Wechsel zwischen beiden Zuständen bestimmten die Bestellungen und die Mode.
Grandke nennt für die Mantelherstellung im Durchschnitt sechs Monate lebhafter Beschäftigung, zwei schwächere Monate und vier Monate „stille Zeit“. In seiner Befragung von Heimarbeiterinnen lagen die durchschnittlichen Wochenverdienste bei reichlicher Beschäftigung bei 11,11 Mark, in Zeiten schwachen Geschäfts bei 3,39 Mark. Das waren Bruttobeträge. Die Ausgaben für die Arbeit gingen noch davon ab; Grandke setzte sie bei ausschließlicher Heimarbeit mit mindestens fünfzehn Prozent an. [4]
So erklärt sich das Gewicht des kleinen Wortes „regelmäßig“, mit dem Mottis Vermittlung der ersten Nähaufträge beschrieben wird. Eine sichere Folge auch schlecht bezahlter Arbeiten war etwas wert. Sie erlaubte, wenigstens mit dem nächsten Verdienst zu rechnen. Hildas Mantelstapel sind unter diesen Bedingungen beides: die Aussicht auf Geld und die Arbeit, die noch getan werden muß.

1906 brachten Sozialreformer und Gewerkschaften diese Arbeitsverhältnisse mitten auf die Berliner Prachtstraße. In der Alten Akademie Unter den Linden zeigte die Deutsche Heimarbeit-Ausstellung der wohlhabenden Öffentlichkeit, unter welchen Bedingungen zu Hause produziert wurde. Käthe Kollwitz gab dem Ausstellungsplakat das Gesicht einer erschöpften Frau: dunkle Augenränder, eingefallene Wangen, ein Blick, der an den Betrachtern vorbeigeht. [5]
Ein Zimmer für Arbeit, Essen, Schlaf und Kind
Bevor in der Dachkammer geschlafen werden kann, müssen die Mäntel vom Bett. Hildas Mutter packt sie in den Weidenkorb, während Hilda die Rüben schält. Sie zündet Holzspäne und Zeitungspapier an, legt ein Brikett nach und setzt Wasser auf. Die Näharbeit, das Abendessen und die Vorbereitung der Schlafstätte greifen ineinander. Für jeden Handgriff muß erst Platz geschaffen werden.
Hans Ostwald schildert im Zillebuch Heimarbeiterfamilien, die einen Teil ihrer ohnehin kleinen Wohnung an Schlafburschen vermieten. Die Familie drängt sich daraufhin in einem Raum zusammen, „wo geschlafen, gekocht, gearbeitet und gegessen wird“. Die Mutter sitzt an der Nähmaschine am Fenster; Kinder helfen mit dem Ausziehen von Fäden und dem Trennen von Nähten. Raum, Luft und Tageslicht werden von allen zugleich gebraucht. [6]
In Hildas Kammer bringt das Dachfenster das Licht. Bett, Tisch, zwei Stühle, Ofen und Nähmaschine nehmen den Raum ein. Später steht die Wiege neben dem Küchentisch. Der Weg vom Arbeitsplatz zum Kind besteht aus wenigen Schritten. Doch die Nähe bedeutet auch, daß Hilda die Arbeit ständig vor Augen hat. Sie ißt neben ihr, sorgt neben ihr für das Kind und legt sich in demselben Zimmer schlafen.
Auch die Mahlzeiten haben wenig Spielraum. Zwei Rüben und ein dünner Streifen Speck sollen reichen. Das Sonntagskleid muß als Alltagskleid dienen und wird an den Nähten weiter gemacht. „Kaffee? Echten?“ fragt Hilda, als Motti ihr welchen anbietet. Die Freude daran braucht keine Erklärung in Mark und Pfennig. Eine Tasse Bohnenkaffee ist hier eine Kostbarkeit.
Motti setzt dem Elend seine Hände entgegen. Er schleift die splittrigen Dielen ab, lackiert sie, leimt die Möbel neu und streicht sie weiß. Die Wände bekommen Blumentapeten, die Stühle hellblaue Kissen. Auf dem Tisch stehen getrocknete Astern. Er zimmert eine Wiege mit Kufen und malt einen goldenen Stern darauf. Diese Arbeit verdient kein Geld. Sie macht das Zimmer bewohnbar und bereitet Hilda einen Empfang, auf den er stolz sein kann.
„Solange sein Gespann die Kohlen fährt“
Motti tritt mit Selbstbewußtsein auf: Lederschürze, schwarzes Jackett, Ballonmütze und der Vorwärts in der Tasche. Das Blatt war das Zentralorgan der deutschen Sozialdemokratie. Die Zeitung gehört zu seinem Auftreten als Arbeiter ebenso wie die Mütze, die ihm zur Krone wird. [7]
Zugleich träumt er von einer eigenen Stellung im Geschäft seines Vaters. „Zygmunt Linsenberg und Sohn, Fuhrunternehmung“ soll einmal auf dem Firmenschild stehen. Ein Frachtwagen und zwei Pferde geben seinem Ehrgeiz eine greifbare Form. Er kann fahren, anpacken, Arbeit beschaffen. Daraus soll etwas Eigenes werden.

Wie wenig gesichert seine Lage ist, verrät später eine Korrektur mitten im Satz: „Rozenblum läßt uns hier wohnen, solange mein“, setzt er an, und verbessert sich: „solange sein Gespann die Kohlen fährt.“ Das Gespann gehört Rozenblum. Mit der Arbeit hängt auch das Dach über ihren Köpfen zusammen. Motti kann die Stube noch so sorgfältig herrichten; über die Grundlage dieses Zuhauses verfügt ein anderer.
„Diese Mäntel!“
Was zunächst wie ein Anfang aussieht, bekommt bald den Takt einer endlosen Wiederholung. Motti fährt im Morgengrauen los, kehrt rußschwarz heim, wäscht sich und nimmt die Kiepe. Hilda sitzt am Küchentisch. Wieder liegen Mäntel vor ihr. Wieder wartet nach einem fertigen Stück das nächste.
Der Schatten vergleicht ihre Arbeit mit dem Fluch des Sisyphos, der seinen Stein immer aufs neue bergauf wälzen muß. Tallar hält dagegen: Was würde Sisyphos tun, wenn der Stein endlich oben bliebe? Nach kurzer Ruhe, behauptet er, würde er ihn selbst wieder hinunterstoßen, um von vorn anzufangen. Seine Folgerung lautet: „Darum ist es besser, man fügt sich in sein Schicksal.“
Das ist eine bequeme Antwort für den Mann, der weder an Hildas Nähmaschine sitzt noch Mottis zweite Tour machen muß. Hilda sagt es anders: „Die ganze Woche bin ich hier eingesperrt.“ Motti hat ihr die Kammer schön gemacht. Die Mäntel sorgen dafür, daß sie kaum aus ihr herauskommt.
Quellen und weiterführende Lektüre
- Der neue Berliner Müllschmelzofen. In: Die Gartenlaube, 1899. Digitale Wiedergabe bei epilog, insbesondere der Absatz zur Brikettasche im Berliner Hausmüll.
- Rosmarie Beier-de Haan: Die Entwicklung der Berliner Bekleidungsindustrie. Deutsches Historisches Museum, Begleitmaterial zur Ausstellung Gründerzeit. Volltext als PDF.
- Hans Grandke: Berliner Kleiderkonfektion. In: Hausindustrie und Heimarbeit in Deutschland und Österreich, Bd. 2: Die Hausindustrie der Frauen in Berlin. Schriften des Vereins für Socialpolitik, Bd. 85. Leipzig: Duncker & Humblot, 1899, S. 129–390; hier insbesondere S. 173–183 zur Organisation der Werkstätten- und Heimarbeit. Digitalisat des Bandes bei EconStor; DOI des Neudrucks.
- Grandke, Berliner Kleiderkonfektion, S. 142–143 zur Saison; S. 238–240 zu Wochenverdiensten und Arbeitskosten. Den genannten Durchschnittsverdiensten liegen Angaben von 39 Heimarbeiterinnen für die Hochsaison und 32 für schwachen Geschäftsgang zugrunde; es handelt sich um Ergebnisse dieser Befragung. Tabellen und Erläuterungen im Digitalisat.
- Kollwitz Museum Köln: Plakat „Deutsche Heimarbeit-Ausstellung 1906“, 1906. Werkkommentar zur Ausstellung und zum Plakat.
- Hans Ostwald: Das Zillebuch. Unter Mitarbeit von Heinrich Zille. Berlin: Paul Franke, 1929, S. 251–252, Schilderung der Heimarbeiterfamilien. Digitaler Volltext im TextGrid Repository. Zur fotografischen Überlieferung: Winfried Ranke: Heinrich Zille. Photographien Berlin 1890–1910. München: Schirmer/Mosel, 1975.
- Friedrich-Ebert-Stiftung: Historische Presse der deutschen Sozialdemokratie. Digitalisierte Jahrgänge des „Vorwärts“.
Bildnachweise
1. Kohlenplatz, vermutlich in Charlottenburg. Heinrich Zille (1858–1929); Undatierte Aufnahme aus Zilles Berliner Fotografien um die Jahrhundertwende; im verwendeten Katalogauszug ist kein einzelnes Aufnahmejahr angegeben. Berlinische Galerie, Fotografische Sammlung, fotografischer Nachlaß Heinrich Zille. Objekt-ID 228448. Digitalisat des Abzugs, zugänglich über den Zille-Kontaktabzug des Chrono Research Lab / Coding da Vinci. Bildquelle und Katalogangaben. Gemeinfrei. Der Abschlußbericht der Berlinischen Galerie zur Digitalisierung des Zille-Bestands bestätigt die Gemeinfreiheit der Fotografien und das Fehlen gesonderter Urheberrechte an den Neuvergrößerungen von Michael Schmidt und Manfred Paul. Der bereitstellende Kontaktabzug kennzeichnet die Bilder als Public Domain. Rechtevermerk des Museums. Public Domain. Die bereitgestellte Bilddatei ist vollständig und unverändert wiedergegeben, einschließlich Abzugsrand und Kontrollstreifen.
2. Plakat der Deutschen Heimarbeit-Ausstellung Berlin 1906. Käthe Kollwitz (1867–1945); 1906. Städel Museum, Frankfurt am Main, Graphische Sammlung, Städtische Galerie. Inventarnummer SG 4345, Objektkennung SG4345D. Kreide- und Pinsellithografie mit Spritztechnik und Schabeisen in Braun auf Velinpapier (rosa Affichenpapier); Blattmaß 715 × 473 mm. Erworben 1964 mit der Sammlung Helmut und Hedwig Goedeckemeyer. Bildquelle und Katalogangaben. Public Domain, vom Städel Museum ausdrücklich so ausgewiesen. Der Downloadhinweis erlaubt die uneingeschränkte Nutzung der Abbildung des gemeinfreien Kunstwerks und bittet um die Nennung: Städel Museum, Frankfurt am Main. Public Domain. Unveränderte vollständige Werkabbildung aus der Digitalen Sammlung, 680 × 1024 Pixel.
3. Pferdefuhrwerk. Heinrich Zille (1858–1929); Undatierte Aufnahme aus Zilles Berliner Fotografien um die Jahrhundertwende; im verwendeten Katalogauszug ist kein einzelnes Aufnahmejahr angegeben. Berlinische Galerie, Fotografische Sammlung, fotografischer Nachlaß Heinrich Zille. Objekt-ID 228392. Digitalisat des Abzugs, zugänglich über den Zille-Kontaktabzug des Chrono Research Lab / Coding da Vinci. Bildquelle und Katalogangaben. Gemeinfrei. Der Abschlußbericht der Berlinischen Galerie zur Digitalisierung des Zille-Bestands bestätigt die Gemeinfreiheit der Fotografien und das Fehlen gesonderter Urheberrechte an den Neuvergrößerungen von Michael Schmidt und Manfred Paul. Der bereitstellende Kontaktabzug kennzeichnet die Bilder als Public Domain. Rechtevermerk des Museums. Public Domain. Die bereitgestellte Bilddatei ist vollständig und unverändert wiedergegeben, einschließlich Abzugsrand und Kontrollstreifen.
Digitale Quellen und Bildangaben geprüft am 1. November 2026.