Bücher, Magie und Überlieferung

Teufelshauch – die Überlieferung hinter dem Titel

Legbareder Beng, der Atem des Dämons und das Schutzamulett.

Eine heiße Nadel, rote Farbe und ein Stück Buchenholz: Daraus fertigt Jeremias ein Amulett für Makeda. Auf dem Täfelchen steht ein Teufel mit Dreizack und Eisenkette. Der alte Mann will sein Ziehkind vor einer Macht bewahren, die den Verstand zerstören kann. Ihr Name gibt dem Roman seinen Titel: purdipen bengeskro, Teufelshauch.

Das Täfelchen hat eine gedruckte Vorlage. Heinrich von Wlislocki bildet es 1892 in Aus dem inneren Leben der Zigeuner ab, einem der Bücher, aus denen die Überlieferungen um Jeremias und Makeda schöpfen. Im Kapitel „Handarbeiten“ beschreibt er Material, Zeichnung, Farben und Verwendung. Dort steht auch das Wort „Teufelshauch“. Es bezeichnet etwas, das aus dem Körper eines psychisch erkrankten Menschen vertrieben werden soll. [1, S. 35 und 38]

Historische Zeichnung eines rechteckigen Täfelchens mit gehörntem Teufel, Kette und dreizackiger Gabel
Legbareder Beng auf dem Buchenholztäfelchen. Wlislocki, 1892, S. 35, Abb. 14. Die im Druck weißen Körperstellen und das Gesicht waren der Beschreibung zufolge rot bemalt. Ausschnitt; University of Michigan / Google / Internet Archive. Vollständiger Bildnachweis.

Der Teufelskönig und seine Großmutter

Wlislocki nennt die Gestalt auf dem Holz legbareder beng und übersetzt dies mit „oberster Teufel“ oder „Teufelskönig“. In seinem ein Jahr zuvor erschienenen Buch Volksglaube und religiöser Brauch der Zigeuner führt er die Rangordnung näher aus: Es gebe siebenundsiebzig große und sieben kleine Teufel, alle unter der Herrschaft des obersten. Der König selbst müsse allerdings seiner Großmutter gehorchen. [2, S. 126]

Diese Großmutter hat eine sonderbare Herkunft. Gott habe bei der Erschaffung der Welt voller Abscheu auf eine Schlange gespuckt; daraus sei sie entstanden. Sie gebäre den obersten Teufel. Die übrigen kämen im Abstand von siebentausend Jahren aus einer Wunde in ihrem linken Bein zur Welt. In dieser von Wlislocki überlieferten Erzählung haben selbst die finsteren Mächte eine Familiengeschichte. Ihr Oberhaupt ist mächtig, aber innerhalb der eigenen Familie keineswegs unabhängig. [2, S. 126]

Eine weitere Geschichte zeigt den jungen Teufelskönig als nächtlichen Besucher schlafender Frauen. Seine Großmutter ärgert sich über seine Liebeleien und greift zu einer ebenso drastischen wie unappetitlichen List. Am Ende entsteht aus einem seiner Küsse die erste Fledermaus. Wlislocki verbindet diese Herkunftssage mit der Vorstellung, Fledermäuse könnten Frauen Bosheit in den Leib hauchen. Atem und Kuß überwinden die Grenze des Körpers; etwas Fremdes gelangt in den Menschen. [1, S. 115]

Solche Erzählungen verbinden Gott, Teufel, Tiere, Familienzwist und Krankheit. Wlislocki ordnet sie unterschiedlichen Roma-Gruppen in Südungarn, Serbien und Siebenbürgen zu. Diese gedruckten Überlieferungen bilden den Hintergrund der Dämonengestalt in Teufelshauch.

Nebel im Kopf

Wie eine unsichtbare Macht den Verstand angreifen kann, beschreibt Wlislocki besonders anschaulich beim Krankheitsdämon Melalo. Dieser erscheint als kleiner grauer Vogel mit zwei Köpfen und scharfen Krallen. Beim Fliegen verbreitet er Nebel. Wer davon erfaßt werde, schlafe ein und erwache mit verwirrtem Geist. Der Dämon könne im Körper bleiben; es genüge aber auch, daß er seinen Nebel dort zurücklasse. [1, S. 4–7]

Zur Heilung soll Melalo vertrieben und der Nebel verscheucht werden. Wlislocki beschreibt dazu einen schmalen Leinenstreifen mit dem aufgestickten Bild des Dämons, den man dem Kranken um den Leib bindet. Auch kleine Birkenholztäfelchen mit eingebrannter Darstellung würden um den Hals getragen. Die Abbildung des gefürchteten Wesens gehört somit selbst zu den Mitteln gegen seine Wirkung. [1, S. 7–8]

Buchseite mit der Beschreibung des Nebels im Kopf und einer Zeichnung des zweiköpfigen Vogeldämons Melalo unten rechts
Melalo, der zweiköpfige Krankheitsdämon, unten rechts auf S. 7. Der Text beschreibt sein auf Leinen gesticktes Bild als Mittel gegen den Dämon und seinen Nebel. Wlislocki, 1892; University of Michigan / Google / Internet Archive. Vollständiger Bildnachweis.

Auf der nächsten Seite steht eine weitere Erklärung: Eine Hexe habe vom Verstand des Kranken „gefressen“. In diesem Fall werde statt des Vogels ein Teufel mit Gabel und Kette auf das Holz gebrannt. Melalo und Legbareder Beng sind verschiedene Gestalten; die Vorstellung vom verlorenen Verstand und das am Körper getragene Dämonenbild verbinden ihre Beschreibungen. [1, S. 8]

Diese Sprache kehrt im Roman wieder. Eine Frau hält Hilda das Amulett entgegen und ruft den Namen Legbareder Bengs. Dann sagt sie: „Auch von deinem Verstand hat er gefressen.“ Der Satz gehört in eine überlieferte Vorstellung, in der geistige Verwirrung als Eingriff eines fremden Wesens verstanden wird. Etwas dringt ein, frißt, vernebelt oder raubt. Die erkrankte Person hat einen Teil ihrer selbst verloren.

Das Bild des Angreifers als Schutz

Beim Buchenholztäfelchen wird Wlislocki ungewöhnlich genau. Die schwarzen Teile der Figur seien mit einer erhitzten Nadel eingebrannt; das Gesicht und die im Buchdruck weiß gebliebenen Stellen des Körpers seien rot bemalt. Der Schwarzweißdruck zeigt also keine vollständige Farbansicht des Gegenstandes. Erst die Beschreibung macht verständlich, weshalb der Teufel im Roman rote Querstreifen trägt. [1, S. 38]

Durch ein Loch unter dem Kopf der Figur wird ein Lederriemen gezogen. Mit ihm bindet man das Täfelchen dem Kranken an den Leib, um den purdipen bengeskro auszutreiben. Das Bild soll dort wirken, wo der Schaden vermutet wird: am Menschen selbst. Wlislocki beschreibt hier einen Gegenstand zur Heilung eines bereits Erkrankten. [1, S. 38]

Seite 38 aus Wlislockis Buch mit der Beschreibung des Buchenholzamuletts, seiner roten Bemalung und dem Ausdruck Teufelshauch, purdipen bengeskro
Die unmittelbare Wort- und Sachvorlage: Auf S. 38 nennt Wlislocki Buchenholz, rote Bemalung, die erhitzte Nadel und den Lederriemen. Im selben Absatz steht „Teufelshauch“ mit der Bezeichnung „purdipen bengeskro“. Ausgabe von 1892; University of Michigan / Google / Internet Archive. Vollständiger Bildnachweis.

Jeremias fertigt sein Täfelchen dagegen vorsorglich. Makeda soll vor Schaden an der Seele bewahrt bleiben. Buchenholz, Brandzeichnung, rote Farbe und Lederschnur kehren wieder; der Roman macht aus dem beschriebenen Heilmittel eine persönliche Schutzgabe. Jeremias kann das Mädchen nicht auf jedem Weg begleiten. Er kann ihr aber etwas anfertigen, das sie bei sich trägt.

Auch die Wirkung des Bildes erhält im Roman eine eigene Erklärung. Das Abbild des Teufelskönigs gaukle den Wesen der Finsternis vor, „daß diese Seele nicht mehr zu haben war“. Der höchste Dämon auf dem Holz soll andere Mächte fernhalten. Wer das Zeichen sieht, soll die Trägerin für bereits beansprucht halten und von ihr ablassen. Diese Begründung gehört zur Erzählung; Wlislockis Beschreibung des Buchenholztäfelchens nennt das Austreiben des Teufelshauchs, ohne den Vorgang auf diese Weise zu erklären.

„Es beschützt mich“

Im Berliner Polizeipräsidium wird das Amulett zum Gegenstand einer Befragung. „Was ist das? Ein Talisman?“ fragt der Kommissar. „Es beschützt mich“, antwortet die Frau. Auf die Frage, wovor, nennt sie den Teufelshauch. Während sie spricht, stenographiert Tallar in sein Notizheft.

Die drei Beteiligten gehen von sehr verschiedenen Voraussetzungen aus. Die Frau fürchtet einen Angriff auf ihren Geist. Der Kommissar hält den Anhänger für den Klimbim von Wahrsagerinnen. Tallar beobachtet eine Patientin und sammelt Anzeichen für eine Diagnose. Ihre Worte werden gehört, aber jeder versteht darunter etwas anderes. Hilda sitzt mit im Raum und wird plötzlich selbst angesprochen.

Damit führt der Titel mitten in die Frage, die Hildas Leben bestimmt: Was geschieht mit ihr, und wem kann sie darüber glauben? Der Dämonenatem hat in der Überlieferung einen Namen, ein Bild und ein Gegenmittel. Die ärztliche Sprache bietet andere Namen für ihre Zustände. Für Hilda kommt es darauf an, wieder klar sehen, denken und handeln zu können.

Wie unmittelbar sie am Täfelchen Halt sucht, zeigt eine kleine Szene auf dem Heimweg vom Rummel. Die Welt verschwimmt vor ihren Augen; Mottis Ausgelassenheit ist ihr unerträglich. Dann heißt es:

„Auf der Suche nach Halt fuhr ihre linke Hand an das Amulett. Die Wut verrauchte. Ihre Sehschärfe kehrte zurück.“

Das Buchenholz liegt in ihrer Hand. Mottis Bewegungen sehen plötzlich anders aus, und Hilda kann ihm wieder zuhören. „Der Zauber wirkte“, sagt der Erzähler. Für diesen Augenblick läßt der Teufelshauch sie los.

Quellen und weiterführende Literatur

  1. Heinrich von Wlislocki: Aus dem inneren Leben der Zigeuner. Ethnologische Mittheilungen. Berlin: Emil Felber, 1892. Melalo und die am Körper getragenen Dämonenbilder: S. 4–8; Buchenholztäfelchen: Abb. 14 auf S. 35, Beschreibung mit dem Ausdruck „purdipen bengeskro“ auf S. 38; Teufelskönig und Fledermaus: S. 115. Vollständige Originalausgabe.
  2. Heinrich von Wlislocki: Volksglaube und religiöser Brauch der Zigeuner. Münster i. W.: Aschendorffsche Buchhandlung, 1891. Rangordnung und Herkunft der Teufel: S. 126. Vollständige Originalausgabe.

Zur Entstehung, Bearbeitung und quellenkritischen Einordnung dieser Sammlungen siehe Wlislockis Sammlungen lesen.

Bildnachweise

1. Amulett mit dem Teufelskönig, Abbildung 14. Heinrich von Wlislocki (1856–1907), Verfasser; Zeichner im Band nicht genannt. 1892. Aus dem inneren Leben der Zigeuner. Ethnologische Mittheilungen. Berlin: Emil Felber, 1892. Exemplar der University of Michigan; Digitalisierung: Google; Bereitstellung: Internet Archive. Abbildung 14 auf S. 35; Beschreibung auf S. 38. Digitalisat ausdeminnerenle00wlisgoog, PDF-Seite 53. Sammlung, Original und Nutzungsangaben; Digitalisat. Gemeinfreier historischer Druck; Internet Archive führt den urheberrechtlichen Status als NOT_IN_COPYRIGHT. Freigabe der Sammlung; Gemeinfrei / Public Domain. Abbildung 14 als Ausschnitt der historischen Buchseite, ohne Retusche. Der Schwarzweißdruck wurde nicht nachkoloriert.

2. Melalo und sein Bild auf einem am Körper getragenen Leinenstreifen. Heinrich von Wlislocki (1856–1907), Verfasser; Zeichner im Band nicht genannt. 1892. Aus dem inneren Leben der Zigeuner. Ethnologische Mittheilungen. Berlin: Emil Felber, 1892. Exemplar der University of Michigan; Digitalisierung: Google; Bereitstellung: Internet Archive. S. 7 mit Abbildung 1; Digitalisat ausdeminnerenle00wlisgoog, PDF-Seite 25. Sammlung, Original und Nutzungsangaben; Digitalisat. Gemeinfreier historischer Druck; Internet Archive führt den urheberrechtlichen Status als NOT_IN_COPYRIGHT. Freigabe der Sammlung; Gemeinfrei / Public Domain. Vollständige historische Buchseite aus dem PDF gerendert; kein Beschnitt, keine Retusche und keine inhaltliche Veränderung.

3. Beschreibung des Buchenholztäfelchens und des Teufelshauchs. Heinrich von Wlislocki (1856–1907), Verfasser; Zeichner im Band nicht genannt. 1892. Aus dem inneren Leben der Zigeuner. Ethnologische Mittheilungen. Berlin: Emil Felber, 1892. Exemplar der University of Michigan; Digitalisierung: Google; Bereitstellung: Internet Archive. S. 38, Kapitel Handarbeiten; Digitalisat ausdeminnerenle00wlisgoog, PDF-Seite 56. Sammlung, Original und Nutzungsangaben; Digitalisat. Gemeinfreier historischer Druck; Internet Archive führt den urheberrechtlichen Status als NOT_IN_COPYRIGHT. Freigabe der Sammlung; Gemeinfrei / Public Domain. Vollständige historische Buchseite aus dem PDF gerendert; kein Beschnitt, keine Retusche und keine inhaltliche Veränderung.

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