Psychologie und Psychiatrie

Hypnose und Suggestion

Der Antiquar erkennt in Tallars Bücherregal abgeschabte, neu beschriebene Handschriften. Palimpseste. Für ihn ist damit auch der Beruf seines Gegenübers erklärt: „Sie wühlen in den Erinnerungen. Sie decken auf, und Sie decken zu.“

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Das Bild trifft einen wunden Punkt der frühen Psychotherapie. Wer einen Menschen nach seiner Vergangenheit befragt, hofft, etwas Verborgenes zum Vorschein zu bringen. Doch die Fragen, die Erwartungen und die Macht des Fragenden können selbst Spuren hinterlassen. Eine alte Schrift freizulegen und eine neue darüberzusetzen sind verschiedene Eingriffe. Tallar läßt sich beides zutrauen.

Um 1900 war die Hypnose mit großen Hoffnungen verbunden. Sie versprach Zugang zu Erinnerungen, die dem wachen Bewußtsein verschlossen schienen, und Einfluß auf Beschwerden, denen mit Arzneien schwer beizukommen war. Zugleich stritten Ärzte darüber, wieviel von dem, was sie beobachteten, erst durch ihre eigenen Anweisungen entstand. In Teufelshauch bekommt dieser Streit einen Raum, eine Stimme und ein Gesicht: Tallars Salon, sein Zählen und die stahlblauen Augen.

Albert von Kellers Gemälde: Ein Mann beugt sich über eine im Sessel zurückgelehnte Frau; ein weiterer Mann sitzt beobachtend daneben.
Albert von Keller, „Hypnose bei Schrenck-Notzing“, um 1885. Blick, Berührung und die aufmerksame Beobachtung gehören zur dargestellten Sitzung. Das Gemälde zeigt eine andere historische Szene als Tallars Salon. Vollständiger Bildnachweis.

Eine Kraft zwischen Menschen?

Als Hilda in eine unheimliche Bilderwelt gerät, erklärt sie sich deren Bewegungen mit einem „Fluidum“. Dieser Stoff, denkt sie, fülle das Universum und halte die Schöpfung in Harmonie. Das Wort gehört zur älteren Vorstellung des animalischen Magnetismus. Mit „animalisch“ war hier eine Kraft in Lebewesen gemeint. Franz Anton Mesmer hatte eine unsichtbare, übertragbare Wirkkraft angenommen, durch deren Beeinflussung sich Krankheiten behandeln ließen.

Die spätere Suggestionslehre gab denselben Erscheinungen eine andere Erklärung. Hippolyte Bernheim, Arzt in Nancy, wandte sich 1888 in Die Suggestion und ihre Heilwirkung ausdrücklich gegen das magnetische Fluidum. Für ihn genügte eine Vorstellung, die einem Menschen eingegeben wurde und sich in Empfindung, Wahrnehmung oder Bewegung umsetzte. Das Streichen einer Hand mußte dann keine Kraft übertragen: Es konnte die Erwartung wecken, daß etwas Bestimmtes geschehen werde.[1]

Eine Suggestion war in diesem Verständnis also eine wirksame Eingebung. Sie konnte als gesprochener Satz auftreten, aber auch durch eine Geste, eine Haltung oder eine Versuchsanordnung vermittelt werden. Die Hypnose galt Bernheim als Zustand erhöhter Empfänglichkeit dafür. Beides war nicht deckungsgleich: Er beschrieb auch Suggestionen im Wachzustand. Damit reichte die Frage nach der Beeinflussung weit über das Einschlafen auf ärztlichen Befehl hinaus.

Hildas Fluidum-Vorstellung steht unmittelbar neben den medizinischen Handgriffen des Doktors. In ihrer Erfahrung gehen die Sprache des Rummels, die Rede von Geistern und die Behandlung im Salon ineinander über. Tallar besitzt einen Fachausdruck für Vorgänge, die anderen wie Verzauberung vorkommen. Ob der Fachausdruck schon eine Erklärung liefert, ist damit noch lange nicht entschieden.

Paris, Nancy und der Anteil des Arztes

An der Pariser Salpêtrière untersuchte Jean-Martin Charcot den sogenannten großen Hypnotismus an Patientinnen, die als hysterisch galten. Seine Schule beschrieb unterscheidbare Stadien mit körperlichen Kennzeichen. Bernheim bezweifelte, daß diese regelmäßigen Abläufe unabhängig von der Behandlung zustande kamen. Konnte eine Patientin durch wiederholte Vorführungen und unbemerkte Hinweise gelernt haben, welche Reaktion von ihr erwartet wurde?

Sigmund Freud, der Bernheims Buch ins Deutsche übersetzte, stellte diesen Streit in seiner Vorrede von 1888 ausführlich dar. Er verteidigte wesentliche Beobachtungen Charcots, räumte der Kritik aber einen entscheidenden Punkt ein: Künftige Untersuchungen mußten den Einfluß der Suggestion genauer berücksichtigen. Der Arzt stand mit seinen Erwartungen mitten im Versuch. Er konnte an einem Erscheinungsbild beteiligt sein, das er anschließend als unabhängigen Befund beschrieb.[1]

Das ist der historische Hintergrund für Hildas Mißtrauen im Salon. Sie betrachtet die Gegenstände auf dem Beistelltisch und hat den Eindruck, daß alles ihretwegen arrangiert wurde. Ihre Aufmerksamkeit wird bereits gelenkt, bevor Tallar mit dem Zählen beginnt.

Finger, Stimme, Glöckchen

Der Doktor legt Hilda den Zeigefinger auf die Nasenwurzel. Später sitzt sie vor der silbernen Zigarettenkiste. Auf deren Deckel stehen das Sternbild Jungfrau und die Worte von der schwangeren Frau aus der Johannesoffenbarung; daneben wartet ein Porzellanglöckchen. Tallar zählt rückwärts. Hilda sieht ihr eigenes Gesicht im Metall, fremd und unscharf. Ein alltäglicher Handgriff mit einem Streichholz öffnet den Weg in eine überwältigende Wahrnehmung.

Die einzelnen Reize gehören zum historischen Vokabular der Hypnose: Fixation bezeichnet das Festhalten des Blicks, Verbalsuggestion die Beeinflussung durch Worte. Eine Berührung oder ein wiederkehrender Laut konnte als vereinbartes Zeichen Bedeutung erhalten. Ludwig Mayer beschreibt solche Verknüpfungen in seinem Text Zur Phänomenologie des Hypnotismus von 1936. Er nennt Blick, Berührung und Laute, die bei entsprechend vorbereiteten Personen eine erneute Hypnose einleiten sollten.[3]

Mayers Darstellung gehört in die dreißiger Jahre; auch die herangezogene dritte Auflage seiner Technik der Hypnose erschien erst 1943.[2] Seine Texte führen die ältere Debatte mit einem weitreichenden Anspruch auf Beeinflußbarkeit fort. Als Isolierrapport bezeichnet er eine tiefe Hypnose, in der nach seiner Vorstellung allein der Hypnotiseur Zugang zur Versuchsperson behält. Er beansprucht damit eine Macht über Wahrnehmung und Handeln, deren Reichweite unter Ärzten umstritten war.

Im Salon gibt Tallar den Takt vor. Er entscheidet, wann die Aufmerksamkeit sich verengen und wann sie zurückkehren soll. Drei Glöckchenschläge holen Hilda aus ihren Bildern. Sie hat jedes Zeitgefühl verloren. Der Arzt besitzt die Zeichen, mit denen er den Vorgang eröffnet und beendet; Hilda besitzt zunächst nur das Erlebte.

Dabei wirken die Dinge auf dem Tisch auch durch ihren Inhalt. Die Zigarettenkiste glänzt und spiegelt, trägt aber zugleich ein Bild von Schwangerschaft und Geburt. Sie beschäftigt die Augen und gibt der Vorstellung Stoff. Gerade diese Verbindung aus sinnlichem Reiz und bedeutungsvoller Darstellung macht Tallars Einrichtung so beunruhigend.

Die Hoffnung, eine Erinnerung lösen zu können

Hinter der Beschäftigung mit der Vergangenheit stand ein ernsthafter therapeutischer Gedanke. Josef Breuer und Sigmund Freud beschrieben 1893, später erneut in ihren Studien über Hysterie von 1895, Erinnerungen an erschütternde Erlebnisse als weiterhin wirksame Ursachen körperlicher und seelischer Beschwerden. Ein Ereignis konnte vergangen sein, während sein Schrecken fortbestand.

In ihrer Darstellung genügte es nicht, einen Vorfall nüchtern zu benennen. Die Kranken sollten die Erinnerung mit dem zugehörigen Gefühl wiedererleben und aussprechen können. Dafür verwendeten Breuer und Freud auch Hypnose. Abreagieren hieß, einem bislang gebundenen Affekt nachträglich Ausdruck zu verschaffen. Die Autoren verglichen die fortwirkende traumatische Erinnerung mit einem Fremdkörper.[4]

Seite 4 der Studien über Hysterie von 1895 mit der Vorstellung, eine traumatische Erinnerung wirke wie ein Fremdkörper fort.
Erinnern und Aussprechen als Behandlung: Breuer und Freud erläutern 1895, wie eine traumatische Erinnerung nach ihrer Auffassung fortwirkt und durch erneutes Durchleben gelöst werden soll. „Studien über Hysterie“, S. 4. Vollständiger Bildnachweis.

Vor diesem Hintergrund versteht sich Tallars Anspruch, durch die Hypnose ein Trauma überwunden zu haben. Er ordnet Hildas innere Bilder einer Leidensgeschichte zu und erklärt das Ergebnis zum Behandlungserfolg. Doch zwischen einem eindrucksvollen Bild, der Deutung des Arztes und einer tatsächlichen Erleichterung für die Patientin liegen mehrere Schritte. Tallar überspringt sie mit der Feststellung: „Meine Methode wirkt.“

Der Antiquar hält ihm etwas anderes entgegen: Er habe das Mädchen hypnotisiert und durcheinandergebracht. Diese beiden Urteile stehen im Roman unmittelbar nebeneinander. Der Doktor beansprucht, den Sinn des Vorgangs zu kennen; der Erzähler erinnert an dessen Wirkung auf Hilda. Ihre Verstörung verschwindet nicht dadurch, daß Tallar eine Erklärung dafür gefunden hat.

Eine Erinnerung kann auch eingegeben werden

Schon Bernheim hatte die Kehrseite beschrieben. Er nannte sie „rückwirkende Hallucinationen“: Eine Person erhielt die Vorstellung, etwas früher gesehen oder erlebt zu haben, und hielt sie anschließend für eine eigene Erinnerung.

Einem Patienten, den er mit „Sch.“ bezeichnet, erzählte Bernheim, sein Assistent sei nachts krank an dessen Bett gestanden. Der Patient habe ihm ein Taschentuch gereicht. Als der Mann dem Assistenten später begegnete, sprach er ihn darauf an. Der Assistent widersprach: Er sei gar nicht im Krankenhaus gewesen. Der Patient hielt an seiner Erinnerung fest und nannte sogar eine genaue Uhrzeit. In Bernheims Bericht besaß das eingegebene Erlebnis die Gewißheit einer eigenen Beobachtung.[1]

Seite 151 aus Bernheims Die Suggestion und ihre Heilwirkung, überschrieben Rückwirkende Hallucinationen.
Eine eingegebene Begebenheit wird als eigene Erinnerung verteidigt: Bernheims Bericht von 1888 behandelt unter der Überschrift „Rückwirkende Hallucinationen“ auch die Folgen für Zeugenaussagen. S. 151. Vollständiger Bildnachweis.

Die Versuche betrafen auch Aussagen über vermeintlich beobachtete Verbrechen. Damit war ein Problem auf dem Tisch, das sich nicht durch den guten Ruf des Untersuchers erledigen ließ: Wer nach Erinnerungen fragte, konnte an ihrer Entstehung beteiligt sein. Eindringlichkeit, Detailreichtum und Überzeugung waren für sich genommen noch kein Beweis, daß ein Ereignis so stattgefunden hatte.

Der Palimpsest-Vergleich des Antiquars bekommt hier seine Schärfe. Unter der jüngsten Schrift kann ein älterer Text liegen. Aber auch die neue Schrift ist vorhanden, lesbar und wirksam. Derjenige, der sie aufgetragen hat, sollte nicht allein darüber befinden, welche Fassung als Wahrheit gilt.

„Sie sind mein Patient“

Tallars Autorität beginnt lange vor einer eigentlichen Hypnosesitzung. Er erklärt dem Antiquar, wer hier Direktor und wer Patient ist. Er stellt die Fragen, schreibt die Antworten nieder, schenkt Kognak ein oder hält ihn zurück. Aus dem Satz, ein Mädchen sei tot, macht er die Frage, ob sein Gegenüber sich nun wieder an einen Mord erinnere. Die Frage enthält bereits die Antwort, die er hören möchte.

Auch die Ärzte der Zeit waren sich über die Möglichkeiten solcher Einflußnahme keineswegs einig. Emil Kraepelin stellte 1899 den großen Erwartungen an die Hypnose deutlich bescheidenere Erfahrungen gegenüber. Eingewurzelte Wahnideen ließen sich nicht einfach ausreden; der Einfluß auf schwer psychisch Erkrankte sei begrenzt. Sein Lehrbuch unterschied zwischen auffälligen Einzelerfolgen und einer anhaltenden Besserung.[5]

Für Tallar ist ein Widerspruch dagegen rasch ein weiteres Stück Material. Wenn sein Gegenüber nicht zustimmt, setzt er die Befragung fort. Darin liegt die eigentliche Bedrohung seiner Behandlung: Der Arzt will nicht nur etwas erfahren. Er beansprucht, dem anderen sagen zu dürfen, was dessen eigene Erfahrung bedeutet.

„Sie decken auf, und Sie decken zu.“ Der Antiquar spricht den Satz als Bücherkenner. Im Sessel gegenüber sitzt ein Mann, der am liebsten auch die letzte Fassung bestimmen würde.

Quellen und weiterführende Literatur

  1. Hippolyte Bernheim: Die Suggestion und ihre Heilwirkung. Autorisierte deutsche Ausgabe von Sigmund Freud. Leipzig/Wien: Franz Deuticke, 1888. Freuds Vorrede, S. III–XVI, besonders V–VIII; zur Suggestion und zum Fluidum S. 27–28, zu rückwirkenden Halluzinationen S. 149–152. Originalausgabe; Bibliotheksnachweis und Digitalisat.
  2. Ludwig Mayer: Die Technik der Hypnose. Praktische Anleitung für Ärzte und Studierende. 3., verbesserte Auflage. München/Berlin: J. F. Lehmann, 1943. Die im Literaturverzeichnis genannte Ausgabe; für die hier erläuterten Einzelheiten wird der zugängliche Originaltext unter [3] herangezogen.
  3. Ludwig Mayer: Zur Phänomenologie des Hypnotismus (1936). Begleittext zu einem Lehrfilm der Reichsstelle für den Unterrichtsfilm, wiedergegeben in Hypnose – Zeitschrift für Hypnose und Hypnotherapie 11 (2016), Heft 1+2, S. 135–156; hier besonders S. 137–142. Faksimile des historischen Textes.
  4. Josef Breuer und Sigmund Freud: Studien über Hysterie. Leipzig/Wien: Franz Deuticke, 1895. „Ueber den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene“, S. 1–17, besonders S. 1–7; zuerst erschienen 1893. Originalausgabe, S. 4; Wellcome Collection.
  5. Emil Kraepelin: Psychiatrie. Ein Lehrbuch für Studirende und Aerzte. 6., vollständig umgearbeitete Auflage, Bd. I: Allgemeine Psychiatrie. Leipzig: Johann Ambrosius Barth, 1899. „Psychische Behandlung“, S. 329–331. Originalausgabe.

Bildnachweise

1. Hypnose bei Schrenck-Notzing. Albert von Keller (1844–1920), Öl auf Leinwand. Um 1885. Kunsthaus Zürich. Inventarnummer 2009/0038. Digitale Reproduktion des Kunsthauses Zürich, bereitgestellt über Wikimedia Commons. Sammlung, Original und Nutzungsangaben; Digitalisat. Gemeinfreies Werk; originalgetreue Reproduktion eines zweidimensionalen gemeinfreien Gemäldes (PD-Art). Rechtestatus der Quelle; Public Domain Mark 1.0. Unbeschnitten; Bilddatei unverändert übernommen.

2. Die Erinnerung als fortwirkender Fremdkörper. Josef Breuer (1842–1925) und Sigmund Freud (1856–1939). 1895. Wellcome Collection, London, Signatur M8941. Studien über Hysterie, Leipzig/Wien: Franz Deuticke, S. 4. Internet Archive: b33951718. Sammlung, Original und Nutzungsangaben; Digitalisat. Gemeinfreies Buch und gemeinfreies Digitalisat; von der Wellcome Collection mit Public Domain Mark ausgewiesen. Rechtestatus der Quelle; Public Domain Mark 1.0. Proportional auf 1400 Pixel Breite verkleinert und als JPEG gespeichert; kein Beschnitt oder inhaltlicher Eingriff.

3. Rückwirkende Hallucinationen. Hippolyte Bernheim (1840–1919); deutsche Übersetzung von Sigmund Freud (1856–1939). 1888. Francis A. Countway Library of Medicine, Harvard Medical School; Digitalisat über Internet Archive und Wellcome Collection. Die Suggestion und ihre Heilwirkung, Leipzig/Wien: Franz Deuticke, S. 151. Internet Archive: diesuggestionund00bern. Sammlung, Original und Nutzungsangaben; Digitalisat. Gemeinfreies Buch und gemeinfreies Digitalisat; von der Wellcome Collection mit Public Domain Mark ausgewiesen. Rechtestatus der Quelle; Public Domain Mark 1.0. Proportional auf 1400 Pixel Breite verkleinert und als JPEG gespeichert; kein Beschnitt oder inhaltlicher Eingriff.

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