Bücher, Magie und Überlieferung

Die Nivaschi – Wassergeister und ihre Geschichten

Die herangezogene Überlieferung; eine vertiefte Gegenüberstellung mit der Romanhandlung folgt im Spoilerbereich.

„Außer ihren scharlachroten Schuhen“, sagt Isebel und blinzelt Vergil zu, „sind sie nackt.“ Die Patienten lachen. Doch wer einer Nivaschi-Tochter zu nahe kommt, riskiert seine Oberlippe: Schon beim ersten Kuß beißt die schöne Wasserfrau zu. Vergil hält sich erschrocken die Hand vor den Mund.

Im Wachsaal wird ein Märchen erzählt. Seine Gestalten stammen aus den Sammlungen Heinrich von Wlislockis: Wassergeister mit Pferdefüßen, langhaarige Frauen in roten Schuhen, Bewohner prächtiger Häuser auf dem Grund der Flüsse. Sie ziehen Menschen ins Wasser und halten die Seelen Ertrunkener gefangen. Sie können aber auch Kranke heilen, Liebenden helfen und eine arme Familie reich machen. Die Begegnung mit ihnen kann sehr verschieden ausgehen.

Rote Schuhe und ein gefährlicher Kuß

In Volksglaube und religiöser Brauch der Zigeuner von 1891 beschreibt Wlislocki die Wesen unter dem Namen Nivashi. Er ordnet die Vorstellungen Roma in Mitteleuropa zu und nennt im einzelnen Gewährsleute und Gruppen aus Südungarn und Siebenbürgen. Die männlichen Wassergeister haben bei ihm einen gedunsenen Leib, feuerrotes Haar, lange rote Bärte und Pferdefüße. Die Nivashi-Töchter erscheinen dagegen als schlanke, hellhäutige Schönheiten. Ihr Haar reicht bis zu den Fersen und dient ihnen als Kleidung; dazu tragen sie rote Schuhe. Ihre Wohnungen liegen tief unter Wasser, in Palästen, in denen Gold und Silber glänzen. [1, S. 31]

Nachts kommen die Frauen herauf und tanzen auf den Wiesen. Junge Männer führen sie mit List oder Gewalt in ihre Unterwasserwelt. Der erste Kuß hinterläßt ein sichtbares Zeichen: Der Mann verliert einen Teil seiner Oberlippe und wird zum Bimuyakro, dem „Lippenlosen“. Schönheit und Verstümmelung stehen in dieser Beschreibung unmittelbar nebeneinander. Genau mit diesem Wechsel spielt Isebel, wenn sie ihre Zuhörer erst von den nackten Wasserfrauen träumen läßt und ihnen im nächsten Satz den Kuß ausmalt. [1, S. 32]

Auch die Schuhe haben eine Funktion. Wlislocki überliefert eine Vorstellung, nach der ein Mann eine Nivashi-Tochter bannen und zu sich nach Hause tragen könne. Dazu müsse er ihr die roten Schuhe abnehmen. Behielte sie diese an, wäre er ihr ausgeliefert. Die Frau, ihrer Bewegungsfreiheit und ihrer Schuhe beraubt, werde seine Gefährtin; ihre Schwestern versorgten das Paar mit allem, was es wünsche. Schon dieser kurze Bericht verbindet Verlangen, Gewalt und die Aussicht auf ein sorgenfreies Leben. [1, S. 32]

Was man dem Fluß gibt

Für Menschen, die eine Brücke überqueren oder am Fluß arbeiten, sind die Nivashi vor allem eine Gefahr. Sie springen aus dem Wasser, ziehen Vorübergehende hinab und sperren die Seelen ihrer Opfer in Töpfe. Wlislocki berichtet davon, beim Überqueren einer Brücke dreimal ins Wasser zu spucken, um Unheil abzuwenden. Daneben stehen Gaben, mit denen man die Wassergeister günstig stimmen soll. [1, S. 32–33]

Besonders anschaulich wird das bei den kleinen Figuren, die Wlislocki im Kapitel über Amulette und Zaubergegenstände beschreibt. Wer sich als Knecht bei einem Fischer oder Schiffer verdinge, forme einen Nivashi aus Teig und werfe ihn in den Fluß. Auch geschnitzte Figuren werden genannt. Das Holz stammt dabei vom Friedhof: von Sargbrettern, Grabkreuzen oder einem ins Grab geschlagenen Pfosten. [1, S. 104–107]

Buchseite mit zwei geschnitzten Holzfiguren: links Nivashi mit breitem Gesicht und eingeschnittenen Augen, rechts Ana
Links: ein aus einem Grabpfosten geschnitzter Nivashi (Abb. 3), der als Schutzgabe in den Fluß geworfen wurde. Rechts: Ana (Abb. 4), eine andere Gestalt aus Wlislockis Sammlung. Volksglaube und religiöser Brauch, 1891, S. 107; Google / Internet Archive. Vollständiger Bildnachweis.

Die abgebildete Nivashi-Figur besteht aus einem solchen Grabpfosten. Augen und Mund sind eingeschnitten, die Nase ist durch Kerben angedeutet. Das kleine Bild wird dem Fluß übergeben, damit sein Besitzer nicht selbst von den Wasserdämonen hinabgezogen werde. Wlislockis Wassergeister gehören damit auch in die Vorstellungen vom gefährlichen Broterwerb auf dem Wasser. [1, S. 107]

Zwei Kerzen vor der Hochzeit

Eine andere Gabe gilt dem künftigen gemeinsamen Leben. In Vom wandernden Zigeunervolke von 1890 beschreibt Wlislocki einen Hochzeitsbrauch: Eine Woche vor der Vermählung gehen Braut und Bräutigam nachts an einen Fluß oder Teich und stellen zwei brennende Kerzen am Ufer auf. Erlischt eine durch den Wind, ist das ein schlechtes Vorzeichen. Dann werfen die beiden Äpfel und Eier ins Wasser, um die Geister für ihre Ehe günstig zu stimmen. In der Darstellung von 1891 nennt Wlislocki als Hochzeitsgaben Äpfel und Nüsse. [2, S. 178–179] [1, S. 32–33]

An den Brauch schließt sich 1890 ein „Hochzeitsmärchen“ an. In einem Winterlager am Waldrand bereiten Anrus und Raveka ihre Hochzeit vor. Zwei Pferde gehen an den Brautvater; die Braut erhält Tücher und Bänder, der Bräutigam ein von ihr genähtes Hemd. Dann stehen die beiden mit ihren Kerzen an einem zugefrorenen See. Das sind die Einzelheiten, mit denen Isebel in Teufelshauch die Geschichte von Milos und Maruschka eröffnet. [2, S. 179–180]

Seite 179 aus Vom wandernden Zigeunervolke; unten beginnt das Hochzeitsmärchen mit dem Winterlager, Anrus und Raveka
Im unteren Teil dieser Seite beginnt das „Hochzeitsmärchen“: Winterlager am Waldrand, zwei Pferde für den Brautvater und das genähte Bräutigamshemd. Wlislocki, Vom wandernden Zigeunervolke, 1890, S. 179; Google / Internet Archive. Vollständiger Bildnachweis.

Die Kerzen lassen das Paar über etwas sprechen, das zur Hochzeit gewöhnlich niemand hören will: Einer wird den anderen überleben. Der Bräutigam wünscht seiner Liebsten ein längeres Leben. Sie hört darin die Aussicht, einmal alt, allein und auf Almosen angewiesen zu sein. Ihr Wunsch nach einem gemeinsamen Ende hat einen handfesten Grund: Sie fürchtet die Armut der zurückbleibenden Frau. In diese Unterhaltung hinein öffnet sich das Eis, und ein Wassergeist erscheint. Er verspricht dem Paar Glück und denselben Todestag. [2, S. 180]

Isebel läßt ihre Zuhörer Partei ergreifen, bevor die übernatürliche Gestalt auftritt. Sie verstehen Maruschkas Einwand. Als der Nivaschi-König das ersehnte Versprechen gibt, hat die Erzählerin sie längst für das Brautpaar gewonnen.

Die Hebamme im Haus der Wassergeister

Daß die Nivashi selbst auf Menschen angewiesen sein können, erzählt Wlislocki von Gule Kamakri, der „süßen Sonnigen“. Die alte Frau heilt Kranke, teilt ihr Essen mit Armen und berät die Menschen, denen sie auf ihren Wanderungen begegnet. In einer Johannisnacht ruft sie ein Fremder aus dem Zelt: Ein Weib liege in Kindesnöten. Erst am Fluß merkt sie, wie kalt und feucht seine Hand ist. Er gibt sich als Nivashi zu erkennen und nimmt sie mit in seine Wohnung unter Wasser. [1, S. 33–34]

In einem Zimmer stehen viele tausend verschlossene Töpfe. Darin, erklärt der Hausherr, halte er die Seelen Ertrunkener fest, bis ihre Körper verfault seien. Neben diesem Raum liegt die Gebärende. Gule Kamakri hilft ihr, ein Mädchen zur Welt zu bringen, und bittet anschließend nur darum, wieder nach oben gebracht zu werden.

Am Ufer drückt ihr der Wassergeist ein goldenes Ei in die Hand. Jede Kohle, die sie damit berührt, wird zu Gold. Der Gewinn kommt ihrer ganzen Gemeinschaft zugute. Der Hüter der gefangenen Seelen hat sein Wort gehalten; die Frau, die zu Lebzeiten Menschen und Tiere versorgt, hat auch in seinem Haus etwas vermocht. Für eine Geburt braucht der mächtige Nivashi eine erfahrene Hebamme. [1, S. 34]

Petru und die Wasserrose

In einer weiteren Erzählung werden Nivashi-Töchter zu Helferinnen eines Liebespaares. Der arme Petru liebt ein Mädchen außerhalb seiner Roma-Gemeinschaft. Beide Seiten sind gegen die Verbindung. Als die jungen Leute fliehen, verfolgt die Stiefmutter des Mädchens sie mit Zauberei. Ein Garnknäuel rollt der Flüchtenden auf einer Brücke unter die Füße. Sie stürzt ins Wasser und wird zur Wasserrose. [1, S. 115–117]

Petru kann die Blume sehen, aber niemand kann sie pflücken: Sobald sich etwas nähert, taucht sie unter. Tagelang sitzt er an der Brücke. Eines Nachts hört er drei Nivashi-Töchter, die auf dem Wasser tanzen. Sie würden ihm helfen, sagen sie, wenn er ihnen Äpfel und Eier gäbe. Petru bringt einen ganzen Korb. Die Frauen essen die Gaben, küssen die Wasserrose und geben ihm seine Geliebte zurück. Mit ihren reichen Geschenken kann das Paar ein gemeinsames Leben in einer Stadt beginnen. [1, S. 117–118]

Historische farbige botanische Tafel einer weißen Seerose mit Blüte, grünen Schwimmblättern, Wurzelstock und Pflanzendetails
Weiße Seerose, Nymphaea alba, in Thomés Flora von 1885. In der Geschichte von Petru erscheint die verzauberte Geliebte als „Wasserrose“; eine botanische Art benennt Wlislocki dabei nicht. Digitalisierung: Kurt Stüber; Wikimedia Commons. Vollständiger Bildnachweis.

Hier löst ein Kuß den Zauber. Die Wasserfrauen tun, worum die Menschen vergeblich gebeten haben: Sie ermöglichen die Verbindung, die beide Familien verhindern wollten. Äpfel und Eier begegnen wieder als Gaben an die Nivashi; diesmal führt der Austausch zur Rettung.

Isebel hat ihr Publikum

Im Wachsaal trägt Isebel diese Überlieferungen als Geschichten ihrer Familie vor. Ihre Mutter habe erzählt, davor die Großmutter, davor deren Mutter. Die Patienten drängen sich um ihr Bett. Sie rufen dazwischen, kichern, erschrecken und verlangen, daß sie weitererzählt. Isebel kennt ihre Zuhörer gut genug, um Vergil mit einem Blick und einem Satz über die Nivaschi-Töchter in seinem Versteck anzusprechen.

Mitten im Märchen vom Brautpaar hält sie inne und erklärt die Wesen, die aus dem See kommen. Jetzt wissen die Zuhörer, was an ihnen verführerisch ist und weshalb man sie fürchten muß. Für Milos und Maruschka bleibt die wichtigste Frage offen: Was wird aus dem Versprechen, das der Nivaschi-König ihnen gegeben hat?

Eine vertiefte Gegenüberstellung der Überlieferung mit der weiteren Romanhandlung folgt im Spoilerbereich.

Quellen und weiterführende Literatur

  1. Heinrich von Wlislocki: Volksglaube und religiöser Brauch der Zigeuner. Münster i. W.: Aschendorffsche Buchhandlung, 1891. Nivashi, rote Schuhe und Kuß: S. 31–33; Gule Kamakri: S. 33–35; Schutzfiguren: S. 104–107, insbesondere Abb. 3 auf S. 107; Petru und die Wasserrose: S. 115–118. Vollständige Originalausgabe.
  2. Heinrich von Wlislocki: Vom wandernden Zigeunervolke. Bilder aus dem Leben der Siebenbürger Zigeuner. Geschichtliches, Ethnologisches, Sprache und Poesie. Hamburg: Verlagsanstalt und Druckerei Actien-Gesellschaft (vormals J. F. Richter), 1890. Kerzen und Gaben vor der Hochzeit: S. 178–179; „Hochzeitsmärchen“ von Anrus und Raveka: S. 179–182. Der Beitrag behandelt den Anfang auf S. 179–180. Vollständige Originalausgabe.

Zur Entstehung, Bearbeitung und quellenkritischen Einordnung dieser Sammlungen siehe Wlislockis Sammlungen lesen.

Bildnachweise

1. Nivashi-Schutzfigur, Abbildung 3, und Ana, Abbildung 4. Heinrich von Wlislocki (1856–1907), Verfasser; Zeichner im Band nicht genannt. 1891. Volksglaube und religiöser Brauch der Zigeuner. Münster i. W.: Aschendorffsche Buchhandlung, 1891. Exemplar mit Besitzstempel der Harvard College Library, von Maurer Collection; Digitalisierung: Google; Bereitstellung: Internet Archive. S. 107, Abb. 3 (Nivashi, links) und Abb. 4 (Ana, rechts); Digitalisat bub_gb_A54WAAAAYAAJ, PDF-Seite 121. Sammlung, Original und Nutzungsangaben; Digitalisat. Gemeinfreier historischer Druck und originalgetreue Wiedergabe; vom Internet Archive mit Public Domain Mark 1.0 gekennzeichnet. Freigabe der Sammlung; Gemeinfrei / Public Domain. Vollständige historische Buchseite aus dem PDF gerendert; kein Beschnitt und keine Retusche.

2. Beginn des Hochzeitsmärchens von Anrus und Raveka. Heinrich von Wlislocki (1856–1907), Verfasser. 1890. Vom wandernden Zigeunervolke. Bilder aus dem Leben der Siebenbürger Zigeuner. Hamburg: Verlagsanstalt und Druckerei Actien-Gesellschaft (vormals J. F. Richter), 1890. Digitalisierung: Google; Bereitstellung: Internet Archive. S. 179, Kapitel Liebesleben; Beginn des Hochzeitsmärchens im unteren Teil der Seite. Digitalisat vomwanderndenzi01wlisgoog, PDF-Seite 195. Sammlung, Original und Nutzungsangaben; Digitalisat. Gemeinfreier historischer Druck; Internet Archive führt den urheberrechtlichen Status als NOT_IN_COPYRIGHT. Originalgetreue Wiedergabe. Freigabe der Sammlung; Gemeinfrei / Public Domain. Vollständige historische Buchseite aus dem PDF gerendert; kein Beschnitt und keine Retusche.

3. Weiße Seerose, Nymphaea alba L., Tafel 257. Aus Otto Wilhelm Thomé (1840–1925): Flora von Deutschland, Österreich und der Schweiz; Zeichner auf der Tafel nicht genannt. 1885. Flora von Deutschland, Österreich und der Schweiz. Gera, 1885. Digitalisierung: Kurt Stüber (biolib.de); Bereitstellung: Wikimedia Commons. Tafel 257, Nymphaea alba L. Weiße Seerose; Commons-Datei Illustration Nymphaea alba0.jpg. Sammlung, Original und Nutzungsangaben; Digitalisat. Gemeinfreie historische Abbildung und originalgetreue Reproduktion; Wikimedia Commons kennzeichnet die Datei mit PD-old-100-expired und PD-scan. Freigabe der Sammlung; Gemeinfrei / Public Domain. Unveränderte vollständige Bilddatei; nur in der Webansicht proportional verkleinert.

Digitale Quellen und Bildnachweise geprüft am 1. November 2026.