Bücher, Magie und Überlieferung
Georg Tallar – die historische Vorlage des Romanarztes
Sein Vampirbericht und die literarische Weiterentwicklung in Teufelshauch.
Hilda entziffert vergilbte Blätter. Die Tinte hat sich ins Papier gefressen, die Handschrift kommt ihr bekannt vor. Dann liest sie einen Namen: „Aus den Aufzeichnungen des Wundarztes Georg Tallar, Temescher Banat, Winter 1753.“ Fast hundertfünfzig Jahre liegen zwischen diesem Dokument und dem Arzt, den sie kennt. Und doch steht dort sein Name.
Georg Tallar hat tatsächlich gelebt. Er untersuchte im 18. Jahrhundert Kranke, die sich von Toten verfolgt glaubten, und Leichen, denen man vorwarf, den Lebenden das Blut auszusaugen. Sein Bericht ist eine der historischen Quellen, aus denen Teufelshauch seine Welt zusammensetzt. Der Anfang des Kapitels „Das Tagebuch“ greift unmittelbar auf ihn zurück. Hinter Hildas Fund steht damit ein wirklicher medizinischer Untersuchungsbericht – und ein Mann, der den Vampiren mit den Mitteln seiner Zeit auf den Grund gehen wollte. [1]

Ein Wundarzt im Auftrag der Landesverwaltung
1753 untersuchte Tallar Vampirvorfälle in Dörfern des habsburgischen Banats. Die Landesadministration hatte eine Kommission entsandt, der neben medizinischen Fachleuten auch ein Theologe und ein Verwaltungsvertreter angehörten. Ihr Auftrag führte sie nach Klein Dikvan, Sebell und Kallatsa. Erkrankungen und Todesfälle hatten dort die Furcht vor wiederkehrenden Toten entfacht. Die Behörden wollten wissen, was geschah, und die eigenmächtigen Graböffnungen unterbinden. [2]
Tallar brachte Erfahrung aus dem Militärdienst mit. Die Vorrede zur gedruckten Ausgabe nennt seine Ausbildung in Mainz und Straßburg sowie achtzehn Jahre als Kompanie-, Bataillons- und Regimentschirurg. Seine Arbeit hatte ihn durch Feldzüge, Quartiere und Lazarette geführt. Er kannte kranke und verletzte Körper aus unmittelbarer Anschauung. Außerdem konnte er sich mit den Bewohnern verständigen: Die Vorrede hebt seine Kenntnisse des Ungarischen, Rumänischen und Lateinischen hervor. [1, Vorrede]
Auf dem Titelblatt nennt er sich schlicht „Wundarzt“. Der Roman setzt einen anderen Akzent. Schon bei seinem ersten Auftreten stellt sich Tallar mit besonderer Betonung als Doktor vor. Der Titel gehört zu seinem Auftreten: ein Mann, der es gewohnt ist, zu untersuchen, zu urteilen und Gehorsam zu erwarten.

Wenn die Rettung im Grab gesucht wird
Tallars „Vorbericht“ beginnt mit einer Verkehrung der christlichen Auferstehung: Tote sollen vorzeitig wiederkehren, um Gesunde zu töten. In Teufelshauch liest Hilda:
„Durch diesen Wahn wurde das ganze Landvolk verführt, sobald es einen Mangel an seiner Gesundheit bemerkte, und wurde von solch einer Furcht überfallen, die in eine verstockte Verzweiflung ausartete, daß es sich um keine anderen Hilfsmittel bemühte, sondern seine ganze Zuversicht und Rettung auf das Ausgraben der Toten setzte.“
Die Passage folgt eng dem Beginn des historischen Berichts. Sie beschreibt eine Notlage, in der jedes neue Krankheitszeichen einen Verdacht bestätigte. Wer nachts einen Verstorbenen zu sehen glaubte und am Morgen Schmerzen hatte, konnte beides als Angriff desselben Wesens verstehen. Tallar überliefert dafür die rumänische Bezeichnung Moroi. Die verdächtigen Toten waren Menschen aus der eigenen Umgebung: ein verstorbener Mann, eine verstorbene Frau. [1, S. 9–10 und 21–23]
Aus dieser Vorstellung ergab sich eine grausame Behandlung der Toten. Man öffnete ihre Gräber, enthauptete oder pfählte die Leichen und verbrannte sie. Tallar berichtet auch davon, dass Kranke mit dem aufgefangenen Blut ausgegrabener Körper bestrichen wurden. Die Vernichtung des vermeintlichen Angreifers sollte die Überlebenden retten. Starben weiterhin Menschen, war die Erklärung damit keineswegs erledigt: Es mussten noch andere verdächtige Tote gefunden werden. [1, S. 10 und 23–25]

Was die Kranken sagten – und was der Arzt daraus machte
Eine besonders aufschlussreiche Stelle seines Berichts ist als Gespräch aufgebaut. Tallar fragt, wie lange die Menschen schon im Bett lägen und worüber sie klagten. Sie antworten, ihr Herz tue weh. Auf die Frage, wo das Herz liege, zeigen sie auf Magen und Darm. Auch nach ihrem Schlaf fragt er. Einige berichten, der Moroi erscheine beim Einschlafen oder stehe in einer Zimmerecke. [1, S. 21–23]
Hier begegnen sich zwei Beschreibungen desselben Leidens. Die Kranken erzählen von einem Toten, der sie heimsucht; Tallar sucht nach dem Ort des Schmerzes und nach körperlichen Symptomen. Er hält unter anderem Brechreiz, Durst, eine trockene Zunge, Schmerzen und Veränderungen des Pulses fest. Solche Krankheitsbilder, erklärt er, seien einem Wundarzt mit Feldzugserfahrung keineswegs fremd. Seine Untersuchung beginnt am Krankenbett. [1, S. 26–28]
Von dort führt sie an den Esstisch. Tallar zählt auf, was die Menschen während der Fastenzeit zu sich nähmen: Zwiebeln, Knoblauch, Rettich, Sauerkraut, Kürbis, Bohnen und Speisen aus Maismehl. Er beschreibt Armut, karge Kost und den anschließenden Wechsel zu reichlichem Essen und Trinken. In seiner Erklärung erzeugen bestimmte Speisen zähen Schleim und schädliche Säuren; Branntwein trockne die notwendigen Flüssigkeiten und Säfte des Körpers aus. Ernährung, Verdauung und seelische Verfassung gehören für ihn zusammen. [1, S. 30–31]
Das ist die Medizin des 18. Jahrhunderts. Tallar ersetzt den Blutsauger durch körperliche Ursachen, deutet diese aber mit Krankheitslehren, die selbst längst historisch geworden sind. Auch nachträglich lässt sich aus den verschiedenen Vampirberichten keine einheitliche „Vampirkrankheit“ gewinnen. Der Medizinhistoriker László András Magyar betont, dass unterschiedliche Leiden unter derselben Erklärung zusammengefasst wurden: Ein Verstorbener raube den Lebenden ihre Kraft. [3, S. 60–61]
Ein geöffneter Sarg ist noch kein Beweis
An den Gräbern prüft Tallar die vermeintlichen Zeichen des Vampirismus einzeln. Hatten die Toten den Sarg verlassen? Gab es Öffnungen im Erdreich? Warum schien ein Körper noch unverwest, warum trat Flüssigkeit aus Mund und Nase? Er untersuchte die Lage der Leichen und den Zustand der Särge. Die angeblichen Wiedergänger lagen weiterhin dort, wo man sie bestattet hatte. Die untersuchten Särge waren unbeschädigt. [1, S. 20–21 und 62–63]
Besonders eindringlich schildert er die Reaktion auf dunkelbraune, schäumende Flüssigkeit an den Gesichtern der Toten. Für die Umstehenden war der Blutsauger damit gefunden. Tallar sucht dagegen nach Vorgängen im toten Körper. Er berücksichtigt auch Kälte und gefrorenes Erdreich, wenn er erklärt, warum Leichen länger erhalten bleiben. Seine physiologischen Einzelheiten sind zeitgebunden; sein Vorgehen besteht darin, einen behaupteten Beweis zu zerlegen und seine Voraussetzungen zu prüfen. [1, S. 63–65]
Doch er spricht mit deutlicher Geringschätzung über die Bevölkerung und ihre orthodoxen Geistlichen. Bereits im Vorbericht macht er deren vermeintliche Unwissenheit für die Fortdauer des Glaubens verantwortlich. Der untersuchende Blick gehört zugleich einem Beauftragten der Obrigkeit, der örtliche Deutungen zurückdrängen soll. Seine Schrift bewahrt Aussagen und Bräuche der Menschen, während sie ihnen die Kompetenz abspricht, das eigene Erleben richtig zu verstehen. [1, S. 10–12] [2]
Aus dem Bericht wird „Das Tagebuch“
Der gedruckte Bericht erschien 1784 bei Johann Georg Mößle in Wien und Leipzig. Sein ausführlicher Titel kündigt eine gründliche anatomisch-chirurgische Untersuchung an. In Teufelshauch begegnet Hilda dieser Vergangenheit in vergilbten Aufzeichnungen. Aus der amtlichen Darstellung wird die Geschichte eines einzelnen Mannes, der in ein Dorf kommt und dort selbst in das Geschehen gerät.
Den Übergang markiert der Roman genau: „Das Geschriebene vermischte sich mit ihrer Phantasie“. Aus Sätzen werden Nebel, Wälder und Häuser in der Morgendämmerung. Hilda sieht den Wundarzt vor sich. Die historische Quelle gibt der Erzählung ihren Namen, ihre Zeit, ihren Schauplatz und den Konflikt zwischen medizinischer Erklärung und Totenfurcht. Was der Arzt in dieser Erzählung erlebt, ist die literarische Weiterentwicklung.
Auch der Tallar, dem Hilda in Dalldorf gegenübersitzt, besitzt die Macht, Wahrnehmungen als Krankheit zu bezeichnen. Er beobachtet ihre Augen, notiert seine Befunde und murmelt eine Diagnose. Als Hilda fragt: „Kann ich das lesen?“, antwortet er: „Nein.“ Über sie wird geschrieben, während ihr zunächst der Einblick verweigert bleibt. Diese Dalldorfer Arztfigur gehört zur Romanhandlung; sie ist keine historische Beschreibung der dortigen Anstalt.
So bekommt der alte Vampirbericht im Roman eine andere Richtung. Sein Verfasser wollte den Schrecken untersuchen und erklären. Für Hilda wird nun der untersuchende Arzt selbst zum Rätsel. Die vergilbten Blätter versprechen eine Auskunft über ihn. Ob sie ihm danach mehr vertrauen kann, ist damit noch lange nicht entschieden.
Quellen und weiterführende Literatur
- Georg Tallar: Visum Repertum Anatomico-Chirurgicum oder Gründlicher Bericht von den sogenannten Blutsäugern, Vampier, oder in der wallachischen Sprache Moroi, in der Walachey, Siebenbürgen, und Banat. Wien und Leipzig: Johann Georg Mößle, 1784. Besonders die Vorrede, S. 9–12, 20–31 und 62–65. Vollständiges Digitalisat der SUB Göttingen. Auch erschienen unter dem Titel Die Vampire in der Walachei und Siebenbürgen. Ein Augenzeugenbericht aus dem 18. Jahrhundert.
- Herbert Hutterer: Vampire? Österreichisches Staatsarchiv, Archivale des Monats, 1. April 2020. Mit Transkription des Anfangs der handschriftlichen Fassung. Archivbeitrag und Quellenauszug. Die Untersuchungen werden dort auf 1753 datiert; das Titelblatt des Drucks von 1784 nennt abweichend 1756.
- László András Magyar: Die siebenbürgische „Vampir-Krankheit“. In: Orvostörténeti Közlemények 186–187 (2004), S. 49–62, hier besonders die Zusammenfassung auf S. 60–61. Aufsatz im digitalisierten Zeitschriftenband.
Bildnachweise
1. Titelblatt von Georg Tallars Vampirbericht. Georg Tallar, Verfasser. Druck und Verlag: Johann Georg Mößle, Wien und Leipzig. 1784. Visum Repertum Anatomico-Chirurgicum. Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen, Signatur 8 MED PRACT 1736/61. Titelblatt, unpaginiert; Bild 00000001. Digitale Kennung PPN523541716. Sammlung, Original und Nutzungsangaben; Digitalisat. Gemeinfrei; das bereitstellende Digitalisat ist mit Public Domain Mark ausgewiesen. Freigabe der Sammlung; Public Domain Mark 1.0. Originalgetreue digitale Reproduktion; über den Bilddienst auf 1400 Pixel Breite skaliert. Kein Beschnitt und keine Retusche.
2. Plan und Ansicht von Temeswar. Matthäus Seutter (1678–1757), Kartograf und Verleger, Augsburg. Zwischen 1740 und 1760, Datierung des Katalogs. Temeswaria: oppidum superioris Hungariæ … = Temeswar: eine in Ober Ungarn an dem Fluss Temes … Universitätsbibliothek Bern, Sammlung Ryhiner, Signatur MUE Ryh 6409 : 2. Bereitstellung: e-rara. Kolorierter Kupferdruck; vollständiges Kartenblatt mit Stadtplan und Stadtansicht. Digitale Kennung 29751427. Sammlung, Original und Nutzungsangaben; Digitalisat. Gemeinfrei; das bereitstellende Digitalisat ist mit Public Domain Mark ausgewiesen. Freigabe der Sammlung; Public Domain Mark 1.0. Originalgetreue digitale Reproduktion; kein Beschnitt, keine Retusche, keine inhaltliche Veränderung.
3. Beginn von Tallars Vorbericht. Georg Tallar, Verfasser. Druck und Verlag: Johann Georg Mößle, Wien und Leipzig. 1784. Visum Repertum Anatomico-Chirurgicum. Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen, Signatur 8 MED PRACT 1736/61. Gedruckte Seite 9, Beginn des Vorberichts; Bild 00000009. Digitale Kennung PPN523541716. Sammlung, Original und Nutzungsangaben; Digitalisat. Gemeinfrei; das bereitstellende Digitalisat ist mit Public Domain Mark ausgewiesen. Freigabe der Sammlung; Public Domain Mark 1.0. Originalgetreue digitale Reproduktion; über den Bilddienst auf 1400 Pixel Breite skaliert. Kein Beschnitt und keine Retusche.
Digitale Quellen und Bildnachweise geprüft am 1. November 2026.