Psychologie und Psychiatrie

Jung und der Schatten

Niemand kennt seinen Namen. In der Grenadierstraße nennt man den Antiquar deshalb nur den Schatten. Er lebt zwischen alten Büchern, trägt einen schwarzen Umhang und steigt zu seinem Laden in den Keller hinab. Später sitzt er einem Arzt gegenüber, dessen Kittel, Haar und Sesselpolster weiß sind. Die Farben scheinen die Rollen bereits verteilt zu haben.

Etwa 7 Minuten Lesezeit

In diesem Beitrag

Doch Tallars Zimmer kommt dem Buchhändler bekannt vor. Auch hier biegen sich die Regale unter alten Folianten. Als er die Ähnlichkeit ausspricht, fährt der Doktor ihn an: Seine Sammlung sei bedeutend; der Keller des Patienten sei voller Müll gewesen. Ein gemeinsamer Zug genügt, um den vermeintlich so großen Abstand zwischen beiden für einen Augenblick zu verkürzen. Tallar reagiert mit einer Beleidigung.

Für solche Begegnungen bietet Carl Gustav Jungs Begriff des Schattens einen aufschlußreichen Zugang. Er lenkt die Aufmerksamkeit darauf, was Menschen an sich wahrhaben wollen – und was ihnen erst im Gegenüber begegnet.

Carl Gustav Jung mit Brille und Pfeife, auf einen Tisch gestützt; historischer Fotoabzug mit seiner Signatur auf dem Kartonrand.
Carl Gustav Jung, um 1935. In seiner Analytischen Psychologie bezeichnet der Schatten jene Seiten der eigenen Person, die dem bewußten Selbstbild entgehen. Fotograf unbekannt; ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv, Portr_14163. Gemeinfrei. Vollständiger Bildnachweis.

Was am eigenen Selbstbild fehlt

Zum Schatten gehören in Jungs Analytischer Psychologie Eigenschaften und Regungen, die das bewußte Ich bei sich übersieht oder zurückweist. Wer sich als selbstlos versteht, kann den eigenen Neid schwer eingestehen. Wer unbedingt beherrscht wirken will, erlebt seine Bedürftigkeit als Beschämung. Was mit dem erwünschten Bild von sich selbst unvereinbar ist, verliert durch die Zurückweisung jedoch nicht seine Wirkung.

Verdrängung bedeutet dabei mehr als Verschwiegenheit. Ein Mensch kann einen Wunsch kennen und vor anderen verbergen. Bei verdrängten Regungen bleibt ihm der eigene Anteil verborgen; er begegnet ihm etwa in einem unbedachten Ausbruch oder einer Reaktion, deren Heftigkeit ihn selbst überrascht.

Jung rechnete auch wertvolle, bislang ungelebte Möglichkeiten zum Schatten: schöpferische Impulse, natürliche Bedürfnisse, angemessene Reaktionen. Ein Mensch kann sich Zorn verbieten und damit auch die Fähigkeit schwächen, sich zu wehren. Er kann seine Lebenslust unterdrücken, weil sie seinem strengen Selbstbild widerspricht. Dunkel bezeichnet hier zunächst das, was dem Bewußtsein entzogen bleibt. Über seinen Wert ist damit noch nicht entschieden.[1]

Der Antiquar wird entsprechend schon auf den ersten Seiten als widersprüchlicher Mensch sichtbar. Sein Äußeres stößt ab; seine Lebensgeschichte erzählt von fehlender Zuwendung, Krieg und einer verlorenen Freundschaft. Sein Wissen über Bücher paßt ebenso wenig in das Bild des bloß Verwahrlosten wie seine Empfindlichkeit, sobald Tallar über seinen Besitz herzieht. Diese Einzelheiten bleiben bedeutsam, auch wenn der Doktor längst ein abschätziges Urteil gefällt hat.

Der Schatten im Gegenüber

Marie-Louise von Franz erläutert in Der Mensch und seine Symbole, wie leicht wir Eigenschaften bei anderen bemerken, die wir uns selbst nicht zugestehen. Wird Eigenes unbewußt im anderen wahrgenommen, spricht die Analytische Psychologie von Projektion. Der Betroffene erlebt seinen Verdacht oder seine Abneigung dabei als Antwort auf das Gegenüber. Daß sein eigenes Inneres an diesem Bild mitarbeitet, entgeht ihm.[2]

Die Büchersammlungen geben diesem Gedanken eine greifbare Form. Beide Männer umgeben sich mit alten Schriften. Tallar beansprucht dafür Rang und Bedeutung, während er denselben Zug beim Patienten verachtet. Der Unterschied zwischen ihnen wird mit Nachdruck behauptet, sobald der Antiquar eine Gemeinsamkeit entdeckt. Der Roman läßt uns diesen Vorgang beobachten, bevor irgendeine psychologische Erklärung fällt.

Später liefert Tallar sie selbst. Eine unheimliche Gestalt aus der Erzählung erklärt er zur dunklen Seite seines Patienten und setzt grinsend hinzu: „Der Schatten des Schattens.“ Der Ausdruck macht den Namen des Buchhändlers zum Befund. Aus einer erzählten Erscheinung wird etwas, das angeblich über den Erzähler Auskunft gibt.

Der Patient läßt sich diese Art des Deutens allerdings nicht dauerhaft gefallen:

„Vielleicht bin ich gar nicht der Schatten.“
„Sondern?“
„Sondern Ihr Schatten!“

Damit gerät der Deutende selbst in den Blick. Die Frage nach dem verdrängten Anteil wandert über den Tisch zurück. Tallars Beruf und seine Stellung schützen ihn vor diesem Einwand ebensowenig wie sein weißer Kittel. Das Gespräch handelt nun auch davon, wer sich das Recht nimmt, im anderen etwas Verborgenes zu erkennen, und wie er reagiert, wenn der andere dasselbe versucht.

Wenn das Innere eine Gestalt annimmt

In ihrem Beitrag über den Individuationsprozeß beschreibt von Franz Träume, in denen unbekannte Räume und fremde Menschen bisher unbeachtete Seiten des Träumenden darstellen. In einem Beispiel führt der Weg durch unentdeckte Kellerräume; ein wiedergefundener Schulfreund verkörpert eine verlorene Möglichkeit, am Leben teilzunehmen. Die Deutung ergibt sich aus der Lebensweise dieses bestimmten Menschen.[2]

In Teufelshauch beginnt der Abstieg bereits an der Ladentür. Der Antiquar hat sie mit Dantes Warnung an die Höllenbesucher versehen. Eine Wendeltreppe zieht den Besucher in neun Kreisen nach unten. Dort warten Bücher, Kälte und drei kleine Holzpuppen. Eine Berliner Kellerhandlung gewinnt die Züge einer Unterwelt. Zugleich bleibt sie ein konkreter Ort, an dem ein einsamer Mann lebt und handelt.

Solche Räume und Gestalten können mehr aufnehmen, als eine einzelne Erklärung erfaßt. Tallar greift sich aus der Erzählung ein Bild heraus und gibt ihm einen Namen. Der Leser kennt jedoch auch die Worte, Gerüche, Gegenstände und Erinnerungen, aus denen es hervorgegangen ist. Zwischen dem Erlebten und dem Urteil des Arztes bleibt eine Spannung, die zum Weiterdenken zwingt.

Goyas Radierung zeigt einen über einem Tisch eingeschlafenen Mann, hinter dem Eulen und Fledermäuse aufsteigen; rechts sitzt eine wachende Raubkatze.
Francisco de Goya: Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer, 1799. Goyas Gesellschaftskritik nimmt hier die Form eines nächtlichen Schreckensbildes an: Eulen und Fledermäuse umgeben einen Schlafenden. Blatt 43 der Caprichos. The Metropolitan Museum of Art, New York, 18.64(43). Gemeinfrei / CC0. Vollständiger Bildnachweis.

Sich mit dem Schatten versöhnen

Im Zelt der Wahrsagerinnen hört Hilda die Aufforderung: „Du kannst dem Schatten nicht entkommen. […] Versöhne dich mit ihm!“ Der Satz gelangt in das Gespräch zwischen Tallar und dem Antiquar und wird dort sofort zum Streitfall. Der Buchhändler beruft sich auf die Lehre des Doktors, man müsse seine Triebe akzeptieren. Tallar reagiert gereizt.

Mit dieser Aufforderung berührt der Roman einen Kern der Analytischen Psychologie. Die Anerkennung einer eigenen Regung verändert das Verhältnis zu ihr. Wer seinen Haß bemerkt, muß sich mit ihm auseinandersetzen und für sein Verhalten einstehen. Solange er den Haß ausschließlich im anderen sieht, kann er sich selbst für den unschuldigen Vollstrecker einer gerechten Sache halten. Das Eingeständnis schafft erst die Möglichkeit einer bewußten Entscheidung.

Integration heißt, solche Anteile in das Wissen um die eigene Person aufzunehmen und einen verantwortlichen Umgang mit ihnen zu finden. Eine Gewalttätigkeit wird durch ihre psychologische Erklärung nicht erlaubt. Ebenso kann eine bislang unterdrückte Fähigkeit einen Platz im Leben gewinnen. Die Auseinandersetzung mit dem Schatten gehört zum Prozeß der Individuation: dem Bemühen, die eigene Persönlichkeit mit ihren Gegensätzen zu entwickeln, statt sich in einem makellosen Wunschbild einzurichten.[3]

Gerade deshalb ist die Formulierung vom Versöhnen im Roman so brisant. Aus demselben Satz können die Gesprächspartner einen Vorwurf, eine Forderung oder eine Entschuldigung machen. An ihrem Umgang mit ihm zeigt sich, wieviel Abstand zwischen psychologischem Vokabular und Selbsterkenntnis liegen kann.

„Der Anblick des Bösen“

Die Frage reicht über das Behandlungszimmer hinaus. Vor dem ersten Kapitel steht Jungs Satz:

„Der Anblick des Bösen zündet Böses in der Seele an. Das ist unvermeidlich.“

Er stammt aus Nach der Katastrophe, einem Aufsatz von 1945. Jung schrieb nach der nationalsozialistischen Herrschaft und dem Krieg über die Erschütterung, die deren Verbrechen hinterließen. Im unmittelbaren Zusammenhang des Mottos untersucht er, wie moralische Empörung in zerstörerischen Haß umschlagen kann. Wer das Böse bekämpft, bleibt nach seiner Auffassung selbst davon berührt. Auch Richter und Zuschauer müssen ihre Reaktionen prüfen.[4]

Mit diesem späteren Blick beginnt ein Roman, dessen Handlung im Berlin des Jahres 1900 einsetzt. Das Motto stellt die Gewißheit in Frage, man könne dem Bösen gegenübertreten und dabei selbst unverändert bleiben. Tallars Forderung nach Gerechtigkeit erhält dadurch einen beunruhigenden Widerhall. Sein Auftreten, seine Lust am Urteil und sein Umgang mit dem Patienten verdienen dieselbe Aufmerksamkeit wie die Geschichte, die er zu ergründen behauptet.

Der schwarze Umhang und der weiße Kittel sind beim Lesen schnell zu erkennen. Schwieriger wird es dort, wo einer den anderen durchschauen will – und den Blick auf sich selbst nicht erträgt.

Quellen und weiterführende Literatur

  1. C. G. Jung: Aion. Beiträge zur Symbolik des Selbst, 1951; Gesammelte Werke, Bd. 9/II, insbesondere §§ 14–19 und 423. Dazu Psychologie und Religion, GW 11, § 134. Die einschlägigen Stellen sind mit Werk- und Paragraphenangaben im Jung Lexicon von Daryl Sharp, Stichwort „Shadow“, dokumentiert.
  2. C. G. Jung u. a.: Der Mensch und seine Symbole. Olten: Walter, 1968. Darin Marie-Louise von Franz: Der Individuationsprozeß, besonders „Die Einsicht in den Schatten“, S. 168–176. Ausgabe und Inhaltsverzeichnis; Verlagsseite mit Leseprobe der heutigen Ausgabe. Der englische Abschnitt erschien auch als „The Realization of the Shadow in Dreams“ in Connie Zweig / Jeremiah Abrams (Hg.): Meeting the Shadow. Jeremy P. Tarcher, 1991, S. 34–38.
  3. Natalia Serebrennikova: The Shadow. International Association for Analytical Psychology. Zur Entstehung persönlicher Schattenanteile, zur Unterscheidung zwischen Anerkennung und Ausleben sowie zur Integration.
  4. C. G. Jung: Nach der Katastrophe. In: Neue Schweizer Rundschau, N. F. 13, Heft 2, 1945, S. 67–88; wieder in Gesammelte Werke, Bd. 10: Zivilisation im Übergang, besonders §§ 409–412; Romanmotto aus § 410. Originalbeitrag bei E-Periodica / ETH-Bibliothek.

Bildnachweise

1. Carl Gustav Jung, Porträt. Fotograf unbekannt. Um 1935. ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv. Signatur Portr_14163. Silbergelatineabzug, auf Karton montiert. Sammlung, Original und Nutzungsangaben; Digitalisat. Von der ETH-Bibliothek als gemeinfrei bereitgestellt, Public Domain Mark 1.0; über Wikimedia Commons. Rechtestatus der Quelle; Public Domain Mark 1.0. Vollständiges Digitalisat einschließlich Kartonrand und Signatur; proportional auf 1200 × 1586 Pixel verkleinert und von TIFF in JPEG umgewandelt. Keine Retusche oder inhaltliche Veränderung.

2. El sueño de la razón produce monstruos – Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer. Francisco de Goya y Lucientes (1746–1828). 1799. Los Caprichos, Blatt 43. Radierung und Aquatinta. The Metropolitan Museum of Art, New York, Department of Drawings and Prints. Inventarnummer 18.64(43). Gift of M. Knoedler & Co., 1918. Sammlung, Original und Nutzungsangaben; Digitalisat. Werk gemeinfrei. Das Metropolitan Museum stellt das Digitalisat im Open-Access-Programm unter CC0 1.0 zur freien Nutzung bereit. Rechtestatus der Quelle; CC0 1.0. Ganzes Blatt; proportional auf 1174 × 1600 Pixel verkleinert und als JPEG für die Webseite gespeichert. Keine Retusche oder inhaltliche Veränderung.

Digitale Quellen und Bildnachweise geprüft am 2. November 2026.