Literatur und Zeitgeschichte

Amor und Psyche

In Tallars Zimmer trägt eine nackte Frau mit Schmetterlingsflügeln das goldgefaßte Zifferblatt einer Kommodenuhr. Sie ist aus Porzellan. „Flotte Biene!“ bemerkt der Doktor und erklärt: „Das ist Psyche.“ Wenig später liegt sie mit gebrochenem Hals am Boden. Hilda kauert vor ihr und spricht sie an, als könne die kleine Figur sie verstehen.

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Die Uhr steht neben Kognak und Zigaretten, mitten im Gespräch über Hypnose und eine angeblich gelungene Behandlung. Ihr Name gehört zu Tallars Beruf und zugleich zu einer antiken Liebesgeschichte. Psyche bedeutet Seele; Psyche ist aber auch die Königstochter, die ihren Geliebten verliert und bis in die Unterwelt gehen muß. Beide Bedeutungen werden in diesem Zimmer gebraucht.

Helle Psyche-Büste mit Schmetterlingsflügel auf einem dunklen Marmorsockel.
Paul De Vignes Psyche, um 1894. Hinter ihrer Schulter ist ein Schmetterlingsflügel zu erkennen. Die kleine Büste besteht aus Elfenbein, Marmor und Kupfer. MSK Gent; Foto: Hugo Maertens / artinflanders.be, CC0. Vollständiger Bildnachweis.

Eine Schönheit, die niemand heiratet

Apuleius erzählt die Geschichte im zweiten Jahrhundert n. Chr. in seinen Metamorphosen, dem Roman, der auch Der goldene Esel heißt. Darin ist Lucius durch Zauberei in einen Esel verwandelt worden. In einer Räuberhöhle hört er, wie eine alte Frau einer entführten jungen Frau eine Geschichte erzählt, um sie zu trösten. Die Erzählung von Amor und Psyche beginnt also bereits in einer Lage, in der jemand Angst hat und auf Rettung hofft.[1]

Psyche ist die jüngste von drei Königstöchtern. Ihre Schönheit wird so überschwenglich verehrt, daß die Menschen darüber den Kult der Venus vernachlässigen. Die Göttin nimmt das als Kränkung ihrer Macht. Sie beauftragt ihren Sohn Amor, Psyche in den elendesten aller Männer verliebt zu machen. Amor selbst aber verliebt sich in sie.

Für Psyche hat die Bewunderung zunächst etwas Trostloses. Alle bestaunen sie; niemand hält um ihre Hand an. Apuleius vergleicht den Blick der Verehrer ausdrücklich mit dem auf ein kunstvoll gearbeitetes Bild. Ihre Schönheit macht sie zu etwas, das man betrachten möchte. Sie verschafft ihr keinen Menschen, mit dem sie leben kann. Noch bevor die eigentlichen Prüfungen beginnen, ist Psyche einsam.[2]

Die Lampe über dem Bett

Ein Orakelspruch verlangt, Psyche auf einen Felsen zu führen: Dort soll sie einem furchtbaren, nichtmenschlichen Bräutigam überlassen werden. Doch der Westwind Zephyr trägt sie in ein Tal. Sie findet einen prächtigen Palast, wird von unsichtbaren Dienern versorgt und empfängt nachts einen Geliebten, dessen Gesicht sie nicht sehen darf. Sie hört seine Stimme und spürt seine Nähe. Wer er ist, weiß sie nicht.

Ihre Schwestern schüren die Angst, der nächtliche Besucher sei ein Ungeheuer, das sie verschlingen werde. Psyche verbirgt deshalb eine Lampe und ein Messer. Als ihr Gefährte schläft, leuchtet sie ihm ins Gesicht. Vor ihr liegt Amor. An seinem Lager befinden sich Bogen, Köcher und Pfeile; an seinen Schultern schimmern die Federn. Psyche betrachtet ihn, prüft einen seiner Pfeile und verletzt sich daran. Nun verliebt sie sich, wie Apuleius erzählt, noch einmal in die Liebe selbst.

Dann fällt ein Tropfen heißen Öls aus der Lampe auf Amors Schulter. Er erwacht, erkennt den Vertrauensbruch und fliegt davon. Die Lampe hat Psyche endlich Gewißheit verschafft. Zugleich verliert sie denjenigen, den sie nun erstmals wirklich gesehen hat.[3]

Kupferstich: rechts Psyche mit der Öllampe über Amor auf dem Bett, links der davonfliegende Amor und die sich an ihn klammernde Psyche.
Psyche betrachtet Amor im Licht der Lampe. Links zeigt derselbe Stich bereits seine Flucht: Psyche versucht ihn festzuhalten. Meister mit dem Würfel, 16. Jahrhundert. Paris Musées / Petit Palais, CC0. Vollständiger Bildnachweis.

Eine Seele braucht Hilfe

Auf der Suche nach Amor gerät Psyche in die Gewalt der Venus. Die Göttin läßt sie mißhandeln und stellt ihr Aufgaben, die ein Mensch kaum bewältigen kann: Sie soll einen ungeheuren Haufen vermischter Samen sortieren, goldene Wolle von gefährlichen Schafen holen und Wasser aus einer unzugänglichen, von Drachen bewachten Quelle schöpfen. Ameisen nehmen ihr das Sortieren ab, ein Schilfrohr verrät ihr den ungefährlichen Weg zur Wolle, und Jupiters Adler füllt das Gefäß an der Quelle.

Die letzte Aufgabe führt Psyche zu Proserpina, der Herrscherin der Unterwelt. Von ihr soll sie für Venus eine Büchse mit Schönheit bringen. Ein sprechender Turm erklärt ihr den Weg, das Fährgeld für Charon und die Speise für den Höllenhund. Psyche kehrt mit der verschlossenen Büchse zurück. Erst im Tageslicht öffnet sie das Gefäß, weil sie selbst etwas von der Schönheit haben möchte, um Amor wieder zu gefallen. Darin liegt jedoch ein todähnlicher Schlaf. Sie bricht zusammen.

Amor kommt zu ihr, nimmt den Schlaf von ihr und weckt sie mit einem sanften Stich seines Pfeils. Schließlich ermöglicht Jupiter die Verbindung: Psyche erhält Ambrosia und wird unsterblich. Liebe und Seele können zusammenbleiben. Ihre Tochter heißt Voluptas, Lust. Die Geschichte führt durch Verlassenheit, Demütigung und Todesnähe zu einer Vereinigung. Psyche gelangt dorthin mit fremder Hilfe; immer wieder nimmt sich jemand ihrer Not an.[4]

Warum Psyche Schmetterlingsflügel trägt

Das griechische Wort psychē bezeichnet Leben und Seele, aber auch den Schmetterling. Daraus erklärt sich die Gestalt, die auf Tallars Uhr steht: Ein menschlicher Körper erhält die Flügel eines Falters. Die unsichtbare Seele wird als empfindliches, geflügeltes Wesen sichtbar.[5]

Apuleius führt Psyche als sterbliche Königstochter ein. Die Schmetterlingsflügel gehören zu ihrer Darstellung in der Kunst. Bei Amor dagegen beschreibt der Text die gefiederten Flügel ausdrücklich. Auf Bildern lassen sich die beiden deshalb oft schon an ihren Flügeln unterscheiden. Psyches Name erlaubt zugleich, in ihrer Liebesgeschichte eine Geschichte der Seele zu lesen: ihrer Wünsche, ihrer Gefährdung und ihrer Hoffnung auf eine Verbindung, die Bestand hat.

Die oben abgebildete Psyche von Paul De Vigne entstand um 1894, also wenige Jahre vor der Berliner Handlung. Sie zeigt ein ernst blickendes junges Gesicht; hinter den Schultern stehen die Schmetterlingsflügel. Der Bildhauer verbindet das mythologische Kennzeichen mit den Zügen eines einzelnen Menschen. Das Museum in Gent bewahrt diese kleine Büste aus Elfenbein mit Marmor und Kupfer auf.[6] In Tallars Zimmer ist aus der geflügelten Seele eine nackte Zierfigur geworden, die eine Uhr tragen muß.

Eine antike Liebesgeschichte auf der Kommode

Amor und Psyche gehörten auch zum Schmuck des häuslichen Lebens. Die hier gezeigte Kaminuhr aus der Pariser Werkstatt E. Vittoz & Cie entstand zwischen 1852 und 1856. Links sitzt Psyche mit Schmetterlingsflügeln, rechts Amor mit Vogelflügeln. Zwischen ihnen steht das Zifferblatt. Das Paar umgibt die Zeitmessung mit einer Liebesgeschichte; Tauben ergänzen den Schmuck.[7]

Kaminuhr mit weißem Zifferblatt und Golddekor; links Psyche mit Schmetterlingsflügeln, rechts Amor mit Vogelflügeln, beide mit Tauben.
Psyche und Amor als Schmuck einer französischen Kaminuhr von E. Vittoz & Cie, 1852–1856. Ein historisches Vergleichsstück: Anders als bei Tallars Porzellanfigur ist hier das Paar vereint. Musée-hôtel Le Vergeur, Reims; Foto: Franck Boucourt, CC BY 2.0 FR. Vollständiger Bildnachweis.

Die Uhr aus Reims ist ein historisches Vergleichsstück. Tallars Kommodenuhr ist anders gebaut: Seine Psyche besteht aus Porzellan und hält das Emaillezifferblatt über dem Kopf. Vor allem steht neben ihr kein Amor. Was bei der französischen Uhr ein Paar bildet, muß die Figur im Roman allein tragen.

Das Uhrwerk gibt dabei einen genauen Takt vor. Drei Glockenschläge holen Hilda in die Gegenwart zurück: „Schon drei Uhr?“ Ihr ist das Zeitgefühl abhandengekommen. Die Uhr kann eine Stunde anzeigen; sie kann ihr nicht erklären, was während der verstrichenen Zeit mit ihr geschehen ist. Psyche steht somit an einem sehr konkreten Ort: bei dem Arzt, der sich mit Hildas Bewußtsein beschäftigt, und an dem Gerät, das die Stunden zählt.

„Allein und kaputt“

Als Hilda mit einer ausladenden Bewegung über den Tisch fegt, stürzen die Gläser und die Uhr zu Boden. Psyche bricht sich den Porzellanhals. Hilda kauert später vor dem Beistelltisch und seufzt:

„Arme Psyche, bist ganz allein ohne deinen Amor. Allein und kaputt.“

Hilda kennt den Namen und weiß, wer zu ihm gehört. Sie bedauert die Figur, weil ihr der Geliebte fehlt und weil sie zerbrochen ist. In dieser Anrede wird aus Tallars „flotter Biene“ wieder jemand, dem etwas zugestoßen ist. Die antike Geschichte gibt Hilda dafür die Worte: Psyche kann schön sein und dennoch verlassen; sie kann Hilfe brauchen, obwohl andere nur ihre Schönheit sehen.

Tallar nimmt sich der Scherben ebenfalls an. Er bestreicht sie mit Leim und setzt den Kopf auf den Hals:

„Psyche liegt in Scherben.“
„Und ich setze sie wieder zusammen.“

Der Name macht aus einer Auskunft über Porzellan zugleich eine Behauptung über seine ärztliche Macht. Unmittelbar neben der Uhr hatte Tallar bereits erklärt: „Meine Methode wirkt.“ Er weiß, wie die Teile zusammengehören, und nimmt die Reparatur selbst in die Hand. Hildas Anrede gilt dagegen der Verlassenen. Sie nennt ausdrücklich den fehlenden Amor. In Apuleius’ Erzählung endet Psyches Not damit, daß der Geliebte zu ihr zurückkehrt. Tallar hat zunächst Leim für ihren gebrochenen Hals.

Quellen und weiterführende Literatur

  1. Apuleius: Metamorphosen / Der goldene Esel, IV, 27–28 und VI, 25: Erzählsituation der Psyche-Geschichte. Lateinischer Text, Buch IV; Buch VI. Zur Darstellung dieser Erzählsituation auch die Objektbeschreibung des Musée des Beaux-Arts de Lyon.
  2. Apuleius: Metamorphosen, IV, 28–35 und V, 1–4. Deutsche Leseausgabe: Amor und Psyche, übertragen von Eduard Norden. Leipzig: Hermann Seemann Nachfolger, 1902, erstes Kapitel. Psyches Schönheit, Einsamkeit und der Weg in den Palast.
  3. Apuleius: Metamorphosen, V, 5–24; besonders V, 22–24: Lampe, Pfeil, Öltropfen und Trennung. Lateinischer Text; Norden, zweites und drittes Kapitel. Zur Darstellung der beiden Augenblicke im Kupferstich: Paris Musées, Petit Palais, La Fable de Psyché d’après Raphaël, Blatt 13, Inv. GDUT1782; siehe Bildnachweis 2.
  4. Apuleius: Metamorphosen, VI, 8–24: die vier Aufgaben, Unterweltsfahrt, Schlaf, Erweckung und Hochzeit. Norden, sechstes und siebentes Kapitel; lateinischer Text.
  5. Henry George Liddell, Robert Scott, Henry Stuart Jones: A Greek–English Lexicon, Stichwort ψυχή, besonders die Bedeutungen Leben, Seele sowie VI: Schmetterling oder Nachtfalter. Lexikoneintrag bei Perseus / Scaife ATLAS.
  6. Museum voor Schone Kunsten Gent: Paul De Vigne, Psyche, um 1894, Inv. 1924-N. Werkbeschreibung, Material, Datierung und Erläuterung der Schmetterlingsflügel.
  7. Musées de Reims, Musée-hôtel Le Vergeur: E. Vittoz & Cie, Pendule au décor de Psyché et Éros, Paris, 1852–1856, Inv. 2006.0.179. Sammlungseintrag und Beschreibung.

Bildnachweise

1. Psyche. Paul De Vigne (1843–1901). Fotografie: Hugo Maertens / artinflanders.be, über Wikimedia Commons. Um 1894. Museum voor Schone Kunsten Gent (MSK Gent). Inv. 1924-N; Elfenbein, Marmor, Kupfer, 29,9 × 13,6 × 13,6 cm. Vermächtnis Aline De Vigne-De Nayere, 1924. Sammlung und Original; Digitalisat. Werk gemeinfrei; Fotografie von artinflanders.be als Public Domain, im Dateinachweis als CC0 ausgewiesen. Rechtestatus der Quelle; CC0 1.0. Bilddatei unverändert; Darstellung auf der Webseite verkleinert, ohne Beschnitt.

2. Psyche betrachtet Amor im Licht der Lampe. Meister mit dem Würfel (Maître au Dé); Raffael im Museumskatalog als Urheber des Vorbilds genannt. Digitalisat: Paris Musées / Petit Palais. 16. Jahrhundert. Petit Palais, musée des Beaux-Arts de la Ville de Paris, Paris. Inv. GDUT1782; Vermächtnis Dutuit, 1902. Kupferstich, 20 × 23,8 cm; Blatt 13 aus „La Fable de Psyché d’après Raphaël“, Bartsch 51. Katalogtitel: „La trop crédule Psyché regarde l’Amour malgré les défenses qu’il lui en avait faites et l’éveille en lui laissant tomber sur l’épaule une goutte d’huile de sa lampe“. Sammlung und Original; Digitalisat. Gemeinfreies Werk; Digitalisat von Paris Musées unter CC0 freigegeben. Museumsdatensatz mit Bildlizenz; CC0 1.0. Für die Webseite proportional auf 1800 Pixel Breite verkleinert und als JPEG gespeichert; vollständiger Bildausschnitt einschließlich Versen und Sammlungsstempel erhalten.

3. Pendule au décor de Psyché et Éros. E. Vittoz & Cie, Paris. Fotografie: Franck Boucourt / Musées de Reims. 1852–1856. Musée-hôtel Le Vergeur, Reims; Eigentümer: Société des Amis du Vieux Reims. Inv. 2006.0.179; Kaminuhr, Bronze, Stein, Glas und Email; 35,5 × 53,5 × 16 cm. Sammlung und Original; Digitalisat. Gemeinfreies Werk. Museumsfotografie unter Creative Commons Namensnennung 2.0 Frankreich. Rechtestatus der Quelle; CC BY 2.0 FR. Für die Webseite proportional von 6000 auf 1800 Pixel Breite verkleinert und als JPEG gespeichert; ohne Beschnitt oder inhaltliche Veränderung.

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