Menschen und Lebenswelten
Schabbat, Pessach und Chanukka im Roman
Motti hat mit Gott gebrochen. Trotzdem duldet er am Schabbat keine Näharbeit, hört an Pessach die Worte vom Auszug aus Ägypten und begegnet an Chanukka einem Rabbiner, der ihn längst nicht aufgegeben hat.
Ein Feiertagsmorgen in der Grenadierstraße
Hilda merkt es zuerst an der Stille. Die Läden bleiben geschlossen, die Hausierer schweigen. Dann füllt sich die Straße: Ein alter Mann führt einen Jungen ins Schtibl, eines der kleinen Bethäuser des Viertels. Männer stehen beisammen und streiten über Politik und den Messias. Mädchen in sauberen Kleidern gehen Arm in Arm spazieren; gegenüber lassen die Jungen eine Zigarette kreisen. Oben in der Dachkammer mahlt Motti Kaffee.
Es ist der Sonnabend vor Ostern 1901, zugleich Schabbat während des Pessachfestes: der 6. April, im jüdischen Kalender der 17. Nissan 5661. Pessach hat bereits begonnen; dieser Sonnabend ist sein dritter Tag. Für Hilda erschließt sich der Feiertag durch das offene Fenster, durch andere Geräusche, andere Kleidung und Menschen, die plötzlich Zeit füreinander haben.[1]
Schabbat: „Am Schabbes wird nicht malocht“
Die Schabbatruhe beginnt schon am Freitag vor Sonnenuntergang und endet am Sonnabend nach Einbruch der Dunkelheit. Im traditionellen Haushalt werden zuvor die Speisen zubereitet und die Lichter entzündet. Zum festlichen Abend gehören der Kiddusch, die Heiligung des Tages über einem Becher Wein, und die gemeinsame Mahlzeit. Die Woche erhält eine Grenze: Bis hierher reichen Geschäfte, Aufträge und Besorgungen.[2]

Das biblische Ruhegebot erinnert an Gottes Ruhe nach der Schöpfung. Im fünften Buch Mose tritt ein zweiter Gedanke hinzu: die Befreiung aus der Sklaverei. Wer selbst Knechtschaft erfahren hat, soll auch anderen Ruhe gewähren. Deshalb nennt das Gebot ausdrücklich die Knechte und Mägde, die Fremden und sogar die Arbeitstiere. Die Unterbrechung der Arbeit steht allen im Haus zu.[3]
Für Hilda und Motti hat das Gewicht. Ihr Auskommen hängt an Kohlenlieferungen, Botengängen und Näharbeit. Als Hilda die noch unfertigen Knopflöcher anführt, um den Ausflug in die Hasenhaide aufzuschieben, hält Motti ihr entgegen:
„Am Schabbes wird nicht malocht.“
Er selbst hat gerade den Herd befeuert und Kaffeebohnen gemahlen. Auch solche Tätigkeiten fallen unter die traditionellen Schabbatverbote. Die Mischna unterscheidet neununddreißig Hauptarten von Melacha, untersagter Arbeit; Mahlen, Nähen und Feuerentzünden gehören dazu. Maßgeblich ist dabei die Art der Tätigkeit, nicht allein ihre Anstrengung oder Bezahlung.[4]
Motti bestimmt längst selbst, was er von den Geboten beibehält. Die Arbeitsruhe beansprucht er für sich und Hilda; zum Gottesdienst zieht es ihn an diesem Morgen nicht. Der Schabbat gehört weiterhin zu seinem Leben, auch wenn er mit dem Glauben seiner Herkunft hadert. Ein freier Tag, echter Kaffee, ein Ausflug: Für wenige Stunden soll das möglich sein.
Pessach: Was es heißt, frei zu sein
Auf dem Rückweg vom Rummel wartet eine andere Bedeutung dieses Tages auf Motti. Der Rabbiner hält ihn auf der Straße an. Seine Ermahnung wird schließlich zu einer Erinnerung, deren Worte Motti seit seiner Kindheit kennt:
„Einst waren wir Sklaven des Pharaos in Ägypten. Aber der Ewige führte uns von dort heraus mit starker Hand.“
Das ist der Anfang von Avadim hajinu, einem zentralen Abschnitt der Pessach-Haggada. Die Haggada enthält die Erzählung vom Auszug aus Ägypten, Gebete, Fragen und Lieder für den Sederabend. Ihr „Wir“ schließt die Feiernden in die Befreiungsgeschichte ein. Jede Generation soll sich selbst als aus Ägypten befreit betrachten.[5]

In den traditionellen Gemeinden der Diaspora dauert Pessach acht Tage. An den ersten beiden Abenden versammeln sich Familien und Gäste zum Seder. Das Wort bedeutet „Ordnung“: Vorlesen, Fragen, Segenssprüche, Speisen und die vier Becher Wein folgen einem überlieferten Ablauf. Die Kinder fragen, weshalb diese Nacht anders ist als alle anderen. Die Antwort führt zur Knechtschaft in Ägypten und zur Befreiung.[6]
Auch das Essen erzählt davon. Die ungesäuerten Mazzen erinnern an den hastigen Aufbruch, bei dem der Teig keine Zeit hatte aufzugehen. Bitterkräuter, Maror, vergegenwärtigen die Bitterkeit der Knechtschaft. Die Erinnerung wird gelesen, gesprochen und geschmeckt. Zugleich gehört es zum Erzählen, Fragen zu stellen: Die Kinder sollen verstehen, was die Erwachsenen Jahr für Jahr feiern.[5][6]
In der Grenadierstraße spricht der Rebbe die vertrauten Sätze unter freiem Himmel. Mitten im Streit ruft er Motti die Befreiungsgeschichte ins Gedächtnis. Für den jungen Mann bedeutet Freiheit auch, selbst über sein Leben zu entscheiden und sich den Erwartungen seiner Herkunft zu entziehen. Der Rabbiner hält ihm entgegen, daß diese Herkunft einen Halt bietet, den die Umwelt ihm verweigert: „Sie verachten uns, Motje.“ Das gemeinsame „Wir“ der Haggada wird in diesem Gespräch sehr gegenwärtig.
Dabei läßt der Rebbe den Zweifel ausdrücklich zu: „An dem Ewigen zweifeln wir ein Leben lang.“ Er weiß, daß Motti mit Gott streitet. Doch er will ihn in der Gemeinschaft halten. Als er sich mit dem Wunsch nach einem frohen Pessachfest verabschiedet, bleibt Motti mit einer Frage zurück, die durch den Festtag ihre Schärfe erhält: Wovon muß er sich befreien, und was würde er dabei verlieren?
Chanukka: „Hoffen darfst du immer“
Jahre später fällt die nächste Begegnung vor Miegels Roßschlachterei auf einen anderen Festtag. Es ist der 27. Dezember 1913, der vierte Tag von Chanukka und wiederum ein Schabbat. Der doppelte Gruß des Rabbiners nennt beides: „Gut Schabbes, Bubele“ und „a frejlechn Chanike“.[7]
Chanukka bedeutet „Einweihung“. Das Fest erinnert an die Wiedereinweihung des Jerusalemer Tempels im Jahr 164 vor unserer Zeitrechnung, nachdem die Makkabäer ihn der Herrschaft der Seleukiden entrissen hatten. Die später im Talmud überlieferte Erzählung rückt ein kleines Gefäß mit reinem Öl in den Mittelpunkt: Sein Inhalt hätte für einen einzigen Tag gereicht; der Tempelleuchter brannte damit acht Tage lang.[8]
An diese acht Tage erinnern die Chanukkalichter. Jeden Abend kommt eines hinzu, bis alle acht brennen. Ein zusätzliches Licht, der Schammasch, dient als Helferlicht. Die Leuchter werden möglichst sichtbar aufgestellt, etwa am Fenster, damit das Wunder bekannt wird. Neben Kerzen werden auch Öllampen verwendet. Der silberne Berliner Leuchter von 1788 besitzt dafür acht Dochtöffnungen und einen zusätzlichen, seitlich erhöhten Brenner.[9]

Das Lichterfest trägt die Erinnerung an eine Rettung, die zunächst aussichtslos erschien. Motti begegnet dieser Hoffnung mit einer Anklage: „Wo war dein Adonai, als ich ihn brauchte?“ Er verlangt eine Antwort auf erlittenes Leid. Daß der Rabbiner gerade an Chanukka vor ihm steht, verschärft den Streit um einen Gott, von dem Motti sich verlassen fühlt.
Schon der Ort der Begegnung gibt ihm ein Rätsel auf. Der Rebbe kommt mit Fleischpaketen aus Miegels Laden, obwohl der Metzger weder koscher verkauft noch den Schabbat hält. Chanukka selbst schreibt keine allgemeine Arbeitsruhe vor; an diesem Sonnabend gelten jedoch zugleich die Schabbatgebote.[10] Motti kennt die Regeln gut genug, um sich über den Alten zu wundern. Dessen Antwort lautet:
„Manche Angelegenheiten sind heiliger als die Regeln.“
Zum religiösen Hintergrund dieses Satzes gehört Pikuach Nefesch, der Vorrang der Lebensrettung. Bei Lebensgefahr müssen Schabbatgebote und Speisevorschriften zurücktreten. Der Talmud begründet dies mit dem Gebot, durch die göttlichen Satzungen zu leben: Der Mensch soll durch sie leben, nicht durch sie sterben.[11] Der Rabbi, der Motti früher streng ermahnt hat, spricht hier selbst vom Überschreiten einer Grenze. Was er mit seinen Paketen vorhat, bleibt vorerst sein Geheimnis.
Auch Miegel kennt den Festkalender seiner Kundschaft. „Schönet Chanukka, Herr Linsenberch!“ wünscht er und reicht Motti einen Wurstkringel. Zwischen dem nichtkoscheren Laden, dem frommen Alten und dem abtrünnigen Kunden gehört der Festgruß zum alltäglichen Umgang. Motti kann den Glauben verwerfen; aus dem Gedächtnis seiner Nachbarn ist seine Zugehörigkeit damit nicht verschwunden.
Der Rebbe erinnert sich ohnehin an ihn. Früher hat er vor dem Gottesdienst die Gassen nach den Jungen abgesucht: „Schabbes, Bubele, komm in die Schul!“ Auch Motti sollte ihm nicht abhanden kommen. Als der nun jede Aussicht auf Erlösung von sich weist, antwortet der Alte mit einem einzigen Satz:
„Hoffen darfst du immer.“
Ein Schabbat im August 1914
Auch den 1. August 1914 nennt der Roman ausdrücklich einen Schabbes. Diesmal fällt das Wort neben einer Zeitungsschlagzeile: „Deutschlands Ultimatum“. Seit diesem Tag hebt Motti die Ausgaben der Vossischen Zeitung auf und liest jede Nachricht. Draußen bestimmen Krieg und vaterländische Begeisterung die Straßen. Die Ruhe, die er einst für sich und Hilda beanspruchte, ist weit entfernt. „Was gäb’ ich für eine Stunde Ruh’!“ hatte er an jenem Pessachtag gesagt. Dreizehn Jahre später zieht Berlin in den Krieg.
Quellen
- Kalenderabgleich: Hebcal: Pessach 1901, insbesondere 6. April / 17. Nissan 5661.
- Chabad: Die Schabbat-Ruhe; Jüdisches Bayern: Shabbat, zu Beginn, Vorbereitungen und Kiddusch.
- Deuteronomium / 5. Mose 5,12–15: Schabbatruhe und Erinnerung an die ägyptische Knechtschaft.
- Mischna, Schabbat 7,2: die neununddreißig Hauptarten untersagter Arbeit.
- Die beiden Pessachabende. Übersetzt von Dr. R. J. Fürstenthal, 9. Auflage, Frankfurt am Main: A. J. Hofmann, 1891. Historische deutsch-hebräische Haggada; Avadim hajinu auf S. 7.
- Chabad: Was ist Pessach?; Jüdisches Museum Berlin: Pessach.
- Kalenderabgleich: Hebcal: Chanukka 1913, insbesondere 27. Dezember / 28. Kislew 5674.
- Jüdisches Museum Berlin: Chanukka; Babylonischer Talmud, Schabbat 21b, zum Ölwunder und zur zunehmenden Zahl der Lichter.
- Jüdisches Museum Berlin: Chanukka; The Metropolitan Museum of Art: Chanukkaleuchter von August Ferdinand Gentzmer, Berlin 1788. Zum Helferlicht siehe auch Schabbat 21b, zur zusätzlichen Leuchte neben den Chanukkalichtern.
- Rabbiner Joel Berger: Chanukka 2021, in: David. Jüdische Kulturzeitschrift, 3. Dezember 2021.
- Babylonischer Talmud, Joma 85b, zum Vorrang der Lebensrettung; Mischna, Joma 8,6, zur Versorgung eines lebensgefährlich Erkrankten mit verbotenen Speisen.
Bildnachweise
1. Sabbathanfang. Druckgraphik nach dem Ölgemälde von Moritz Daniel Oppenheim (1800–1882); ausführender Stecher nicht genannt; Veröffentlicht 1867. Die Gartenlaube, 1867, Heft 20, S. 316; Leipzig: Ernst Keil. Digitalisat über Wikimedia Commons. Bildquelle und Katalogangaben. Publikationsnachweis. Gemeinfreies historisches Werk; originalgetreue Reproduktion. Wikimedia Commons weist die Datei als gemeinfrei aus. Public Domain. Die heruntergeladene Bilddatei wird unverändert wiedergegeben.
2. Avadim hajinu in einer Haggada von 1891. Deutsche Übersetzung von Raphael Jacob Fürstenthal (1781–1855); 1891, gedruckte Seite 7. Die beiden Pessachabende. Uebersetzt von Dr. R. J. Fürstenthal. Mit neun Illustrationen. Neunte Auflage. Frankfurt a. M.: A. J. Hofmann. Exemplar und Digitalisierung: The Ohio State University; bereitgestellt über Internet Archive. Bildquelle und Katalogangaben. Gemeinfreier historischer Text und gemeinfreie Übersetzung; Fürstenthal starb 1855. Originalgetreue Wiedergabe der Druckseite ohne eigenständige schöpferische Bearbeitung. Public Domain. Die vollständige Seite wurde aus dem bereitgestellten PDF als PNG gerendert; kein Beschnitt, keine Retusche.
3. Berliner Chanukkaleuchter. August Ferdinand Gentzmer (1758/9–1808). Museumsaufnahme: The Metropolitan Museum of Art; Fotograf nicht gesondert genannt; Objekt: Berlin, 1788. Aufnahmedatum nicht angegeben. The Metropolitan Museum of Art, New York, Inventarnummer 2024.516a, b. Silber, getrieben; 16,4 × 16,8 × 8,3 cm. Erwerbungsnachweis: Purchase, Manda and Albert Kalimian Gift, in honor of Sabrina and Daniel Kalimian, 2024. Bildquelle und Katalogangaben. Das Museum stellt die Aufnahme im Open-Access-Programm unter CC0 für freie, auch kommerzielle Nutzung bereit. Rechtevermerk des Museums. CC0 1.0. Die heruntergeladene Museumsaufnahme wird unverändert wiedergegeben.
Digitale Quellen und Bildangaben geprüft am 1. November 2026.