Menschen und Lebenswelten
Mameloschen und Berliner Schnauze
Jiddische Wendungen, Berliner Sprachwitz und die unterschiedlichen Stimmen des Buches.
„Farwoss redstu nischt Mameloschen?“ Warum sprichst du nicht jiddisch? Ein Bekannter hält Motti auf der Grenadierstraße an. Neun Männer suchen einen zehnten für das gemeinsame Gebet. Sie kennen den Fuhrmann, nennen ihn Motje, reden ihn mit Chawejr, Freund, an. Motti antwortet auf deutsch. Hilda sitzt neben ihm auf dem Wagen.
Wenig später schimpft er über die Tradition und die Regeln, denen er sich nicht länger unterwerfen will. „Ich werde nicht so enden, farschtejsstu?“ Das letzte Wort brüllt er heraus. Dann erschrickt er und wiederholt leise: „Verstehst du?“ Mitten in seiner Absage an die alte Welt hat er ihre Sprache gesprochen.
Die Sprache, in der man zu Hause ist
Mameloschen heißt Muttersprache. Mit diesem vertrauten Namen bezeichnen jiddischsprachige Juden ihre eigene Sprache. Ihr gegenüber steht traditionell die Loschn-kojdesch, die heilige Sprache: Hebräisch und Aramäisch, die Sprachen der religiösen Schriften und des gelehrten Studiums. Jiddisch wird zu Hause gesprochen, auf der Straße, beim Handel, beim Erzählen und Streiten. Auch religiöse Unterweisung und Erzählungen finden auf jiddisch statt. [1]
Daß deutschsprachige Leser manches sofort verstehen, anderes überhaupt nicht, gehört zur Geschichte dieser Sprache. Das Jiddische hat eine germanische Grundlage; hebräische und aramäische sowie, besonders im Ostjiddischen, slawische Bestandteile haben Wortschatz und Grammatik mitgeprägt. Daraus ist eine eigenständige Sprache geworden, die mit hebräischen Buchstaben geschrieben wird. Schon ein kurzer Ruf aus der Grenadierstraße läßt verschiedene Bestandteile hören: „Motje, kum arajn, Chawejr!“ Das Hereinkommen versteht man ohne Übersetzung; für die Anrede braucht man eine Erklärung. [2]
Mit den Einwanderern aus Osteuropa kommt diese Sprache nach Berlin. Mottis Familie stammt aus Tarnów. Seine Bekannten hören an seiner deutschen Antwort, daß er Abstand hält. Die vertrauliche Frage nach der Mameloschen trifft ihn deshalb genauer als eine Aufforderung zum Beten. Er soll wieder der Motje sein, den sie kennen.
Jiddisch um 1900 umfaßt allerdings weit mehr als das Leben frommer Gemeinden. Es ist auch die Sprache von Zeitungen, Theaterstücken und moderner Literatur. Die Auseinandersetzung mit überlieferten Lebensformen wird ebenso auf jiddisch geführt wie deren Verteidigung. Mottis Zorn auf die Tradition muß also keineswegs verstummen, sobald ihm ein jiddisches Wort über die Lippen kommt. [2]
Wie viel Jiddisch im Berliner steckt
Die Berliner brauchen nicht in die Grenadierstraße zu gehen, um jiddische Wörter zu benutzen. In Hans Meyers Wörterbuch Der richtige Berliner stehen 1904 bereits „meschugge“, „Pleite“ und „mies“ als Beispiele für den jiddischen Anteil am Wortschatz der Stadt. Meyer nennt die Sprache zeittypisch „Judendeutsch“. Seine Bemerkung, solche Wörter würden häufig gebraucht und zugleich noch als fremdartig empfunden, hält einen bemerkenswerten Zustand fest: Man redet längst so und hört die Herkunft trotzdem noch mit. [3]

In Teufelshauch benutzt sogar Doktor Tallar diesen Wortschatz: „Sie sind irre, meschugge, plemplem, bekloppt – wie Sie wollen.“ Der Arzt reiht das jiddische Wort ohne Zögern zwischen deutsche Beschimpfungen ein. Meschugge gelangte aus dem Jiddischen ins Deutsche und geht seinerseits auf ein hebräisches Wort für verrückt zurück. Hier dient es dem gelehrten Herrn dazu, seinen Gesprächspartner abzukanzeln. [4]
Anders klingt Mottis Erinnerung an den Feiertag: „Schon vergessen, majn kale? […] Am Schabbes wird nicht malocht.“ Die kale ist die Braut; malochen gehört zur selben Wortfamilie wie jiddisch melocho und hebräisch melacha, Arbeit. Ein Satz, den man beinahe vollständig als deutsche Umgangssprache hört, enthält gleich mehrere Wörter jüdischer Herkunft. [5]
Auch die Erzählung greift sie auf. Für einen besonders verwegenen Auftritt genügt ihr das Urteil: „Das war Chuzpe.“ Das Wort bezeichnet Dreistigkeit und Unverfrorenheit; an dieser Stelle klingt unverkennbar Bewunderung mit. Niemand muß erst erklären, weshalb hier gerade dieses Wort paßt. [6]
Chawejr, Bubele, Schmock
Eine Anrede kann jemanden aufnehmen und zugleich festlegen. „Motje“ ist vertrauter als „Mordechai“. Wer „Chawejr“ ruft, behandelt den Angesprochenen als einen der Seinen. Motti wehrt sich: „Ich bin nicht dein Chawejr.“ Fast dieselbe Zurückweisung hört der Rabbi schon im Kellerantiquariat, als der Schatten ihm entgegenfährt: „Wir sind keine Chawejrim, keine Freunde.“ Die angebotene Vertraulichkeit wird in beiden Fällen ausgeschlagen.
Bubele ist ein Kosename, ungefähr Bübchen oder mein Junge. Bei Rozenblum und dem Rabbi kann darin Zuneigung liegen, aber der erwachsene Motti bleibt damit auch der Jüngere, dem die Alten etwas zu sagen haben. Beim Kohlenhändler steht das Wort neben der Erinnerung an seine Pflichten: „Die Kohle fährt sich nicht von selber.“ Der Rabbi gebraucht es, während er mit ihm über sein Gewissen streitet. Der eine spricht als Arbeitgeber, der andere als religiöse Autorität.
Und beide nennen ihn Schmock. Rozenblum liefert die Bedeutung in seiner Beschimpfung gleich mit: „Wosser Schmock, welch Tölpel!“ Motti kennt das Wort zu gut. „Jeder von euch nennt mich Schmock, Rebbe“, beklagt er sich. „Ich bin keiner.“ Was für die Älteren ein rasch hingeworfenes Urteil ist, hört er als beharrliche Weigerung, ihn ernst zu nehmen.
Hilda bekommt eine andere Bezeichnung zu hören: Schickse. Das Wort für eine nichtjüdische Frau kann eine scharfe Verachtung ausdrücken. In den ihr entgegengeschleuderten Bemerkungen wird ihre Herkunft zum Makel; ihre Verbindung mit Motti erregt Anstoß. Die Männer reden über Hilda, als sei schon ihre Anwesenheit eine Zumutung. [7]
„Hier bin icke der Jeneral“
Die Oberhebamme Viktoria braucht keine vornehme Aussprache, um sich bei Ärzten Gehör zu verschaffen. „Dit is meine Station, versteh’n Se? Hier bin icke der Jeneral.“ Als die Herren über einer Patientin ihre Begrüßungszeremonien pflegen, fährt sie dazwischen: „Zwee feine Kavaliers sin’ Se mir.“ Dann heißt es: „Nu los, Professorchen […] in’n Kreißsaal!“
Das Professorchen verkleinert einen Mann, der auf seinen Rang hält. Viktoria kann ihn so anreden, weil sie ihn kennt und in ihrem Arbeitsbereich etwas zu bestimmen hat. Mit „Jeneral“ beansprucht sie gleich den höheren Posten. Titel, Rang und Kommandoton, die andernorts Ehrfurcht verlangen, stehen ihr für einen Gegenangriff zur Verfügung.
Man hört sie schon an wenigen Lauten: ick und icke, dit, wat, janz, uff. Aus zwei wird zwee, aus Baum ein Boom; Wörter ziehen sich zu versteh’n Se und in’n zusammen. Hans Meyer beschreibt in seinem Wörterbuch solche Lautformen und Verkürzungen. Zugleich vermerkt er, daß die Redeweise je nach Bildungsumfeld unterschiedlich nah an der Hochsprache liegt. Es gab auch damals viele Arten, Berliner zu sein. [3]
Bei Viktoria kann derselbe Ton schroff und fürsorglich werden. Sie schimpft, richtet das Bett und legt Hilda ein feuchtes Tuch auf die Stirn: „Allet wird juht.“ Das beruhigende Versprechen kommt von der Frau, die eben noch den Professor herumkommandiert hat. Ihre Handgriffe geben den Worten Gewicht.
Hildas Mutter möchte ganz anders gehört werden. „Kommerzienrätin!“ verlangt sie als Anrede. Mit einem französischen „Vite, vite!“ treibt sie das Personal an. Auf dem Markt würdigt sie das „Tach ooch“ keiner Antwort. Gerät sie aber über einen stattlichen Offizier ins Schwärmen, ist die feine Zurückhaltung dahin: „Een Kerl wie’n Boom.“ Gustav wiederum steckt seine Frau in einen Pelz und erklärt: „Ab heute biste keene Olle mehr, sondern ’ne janz feine Dame.“ Den gesellschaftlichen Aufstieg verkündet er in derselben Sprache wie zuvor.
Schlagfertig vor Gericht – und im Bücherkeller
Heinrich Zille hat diesen Berliner Witz oft in wenigen Sätzen festgehalten. In seiner Zeichnung Moabit von 1911 hält der Richter dem Angeklagten vor, einen Zeugen mit einem „Instrument“ geschlagen zu haben. Der antwortet: „I wo Herr Richter, ick habe noch nie een Klavier besessen!“ Aus dem hochgestochenen Wort für ein Tatwerkzeug wird ein Musikinstrument. Für einen Augenblick bestimmt der Mann auf der Anklagebank, worüber gesprochen wird.

Ein ähnliches Vergnügen am Zurückgeben der Worte herrscht im Antiquariat. Auf Gustavs Frage nach dem Preis einer Mappe antwortet der Rabbi: „Wieviel haben Sie?“ Als Hilda das Geschäft rückgängig machen will, beruft er sich auf dessen Endgültigkeit: „Nejn, nejn, farkojft is farkojft.“ Hilda hält mit derselben Satzform dagegen: „Betrogen ist betrogen!“ Sie hat den Klang seines Spruchs sofort erfaßt und dreht ihn gegen ihn.
Solche Sätze bleiben im Ohr. „Der tschepet doch kejnem nischt“, versichert die Frau beim angeketteten Königspudel: Der tut niemandem etwas. Das Bellen legt eine andere Einschätzung nahe. Die Beschwichtigung kehrt wieder, bis selbst die Erzählung die Frau an ihrem Hund erkennt, der angeblich niemandem etwas tut. Die Straße erhält ihre wiedererkennbaren Stimmen.
Der schnelle Spruch kann allerdings auch den treffen, der sich nicht wehren kann. Wenn die Nachtschwester „Spiel ma’ wat schönet uff die Drehorjel!“ ruft, gilt ihr Spott einer Patientin, die der Behandlung ausgeliefert ist. Die flapsige Aufforderung macht aus deren Qual einen Spaß für die Zuschauer. Auch diese Grausamkeit gehört zum Ton des Buches.
Bücherwissen und die Macht, etwas zu benennen
Der Schatten verfügt über mehr als eine Stimme. Er kann Tallar erklären, wie alte Handschriften abgeschabt und neu beschrieben wurden, und wenige Sätze später mit „Sie haben doch selbst ’n Ding an de Jondel“ antworten. Seine Bücherkenntnis und seine Berliner Redeweise gehören demselben Menschen. Bei Fritze im Bücherkeller hat er lesen gelernt; die Bibliothek hat ihm seither ein beträchtliches Arsenal an Begriffen und Geschichten geliefert.
Tallar spricht mit der Sicherheit eines Mannes, dessen Urteil Folgen hat. Er verfügt über medizinische Bezeichnungen, über Bibelzitate und über die Möglichkeit, das Gespräch abzubrechen. Trotzdem läßt er sich auf Wortgefechte ein. Besonders knapp wird eines davon, als der Schatten feststellt: „Ich befinde mich in Ihrer Gewalt, stimmt’s?“ Tallar korrigiert: „In meiner Obhut.“ Wer die Lage benennen darf, entscheidet auch darüber, ob Gefangenschaft wie Fürsorge klingt.
Eine leisere Stimme gehört Motti. Wenn er an der Wiege Roschinkes mit Mandlen singt, nimmt er das Schlaflied auf, das sein Vater ihm vorgesungen hat. Das Lied stammt aus Abraham Goldfadens jiddischer Operette Shulamis von 1880; sein Refrain verarbeitet ein älteres Volkslied. [8] Hier hat die Mameloschen einen anderen Klang als beim Streit mit den Männern auf der Straße. Motti singt für das Kind. Diesmal übersetzt er sich nicht.
Quellen und weiterführende Lektüre
- William F. Weigel: Yiddish (Eastern), Jewish Language Project, besonders die Abschnitte zur Sprachbezeichnung, zu Schrift und Sprachkontakt; ergänzend „mameloshn“ im Jewish English Lexicon.
- Marion Aptroot / Roland Gruschka: Jiddisch. Geschichte und Kultur einer Weltsprache. München: C. H. Beck, 2010; hier die Verlagsleseprobe der 2., durchgesehenen Paperbackauflage, 2023, besonders S. 11–15; zum historischen Spektrum auch die Verlagsbeschreibung und Inhaltsübersicht.
- Hans Meyer: Der richtige Berliner in Wörtern und Redensarten. 5. Auflage. Berlin: H. S. Hermann, 1904, S. VIII–IX. Digitalisat der Robarts Library, University of Toronto, bei Internet Archive.
- Christoph Gutknecht: Macke, Meise und Meschugge, Jüdische Allgemeine, 10. Januar 2012, Abschnitt „meschugge“.
- Duden online: malochen, Bedeutung und Herkunft.
- Duden online: Chuzpe, Bedeutung und Herkunft.
- Christoph Gutknecht: Schick, die Schickse, Jüdische Allgemeine, 9. Februar 2015.
- Yosl and Chana Mlotek Yiddish Song Collection at the Workers Circle: Rozhinkes Mit Mandlen, Angaben zu Abraham Goldfaden, Shulamis und dem älteren Volkslied.
Zum Weiterlesen:
- Andreas Nachama: Jiddisch im Berliner Jargon oder Hebräische Sprachelemente im deutschen Wortschatz. Berlin: Stapp, 1994.
- Otto F. Best: Mameloschen. Jiddisch – eine Sprache und ihre Literatur. Frankfurt am Main: Insel, 1973.
- Salcia Landmann (Hrsg. und Übers.): Jüdische Anekdoten und Sprichwörter. Jiddisch und deutsch. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1965.
- Hans Meyer: Der richtige Berliner in Wörtern und Redensarten. Bearbeitet von Siegfried Mauermann. 7. Auflage. Berlin: H. S. Hermann, 1911.
- Hans Ostwald: Das Zillebuch. Unter Mitarbeit von Heinrich Zille. Mit 223 Bildern. Berlin: Paul Franke, [1929].
Bildnachweise
1. Vorbemerkungen zur Sprache und Grammatik, Seite IX. Hans Meyer (1849–1913); 1904. Aus: Der richtige Berliner in Wörtern und Redensarten, 5. Auflage, Berlin: Druck und Verlag von H. S. Hermann, 1904. Exemplar der Robarts Library, University of Toronto, Signatur AEU-3495; Digitalisierung: Internet Archive, Toronto, 2009. Bildquelle und Katalogangaben. Gemeinfreier Druck; Autor gestorben 1913. Die Abbildung ist eine originalgetreue digitale Reproduktion der Buchseite. Frei nutzbar, keine kostenpflichtige Bildlizenz erforderlich. Erläuterung des Status Public Domain. Vollständige Seite IX aus dem Digitalisat, als PNG wiedergegeben; ohne Beschnitt, Retusche oder Farbänderung.
2. Moabit. Heinrich Zille (1858–1929); 1911, rechts unten signiert und datiert. Zeichnung. Reproduktion nach Villa Grisebach, bereitgestellt über Wikimedia Commons; ein heutiger Sammlungsort wird im verwendeten Dateinachweis nicht genannt. Bildquelle und Katalogangaben. Gemeinfrei. Wikimedia Commons kennzeichnet die originalgetreue Reproduktion als Public Domain (PD-Art / PD-old); Heinrich Zille starb 1929. Public Domain. Vollständige Bilddatei einschließlich der handschriftlichen Bildlegende, unverändert; 514 × 650 Pixel.
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